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Konform mit einer Maschine Kinder übernehmen Robotermeinungen

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Roboter werden von Kindern mit sozialen Wesen verwechselt.

(Foto: picture alliance / dpa)

Technisches Spielzeug beeindruckt besonders Kinder. Können Puppen oder Roboter sprechen, dann sind sie umso interessanter. Wie sich die Kleinen von humanoiden Maschinen beeinflussen lassen, untersuchen Forscher und kommen zu einem klaren Ergebnis.

Roboter beeinflussen Kinder in ihrer Meinung und überzeugen sie auch von falschen Urteilen. Dies berichten Forscher im Fachblatt "Science Robotics". Sie hatten gezeigt, dass Kinder zwischen sieben und neun Jahren in Anwesenheit von menschenähnlichen Robotern in Tests häufig die gleiche Antwort geben wie ihre Blechbegleiter - selbst wenn deren Antwort offensichtlich falsch ist. Erwachsene schlossen sich einem falschen Roboter-Urteil nicht an. Das Potenzial für Missbrauch könne angesichts der zunehmenden Verbreitung von Robotern in der Gesellschaft nicht ignoriert werden, schreiben die Wissenschaftler.

Anna-Lisa Vollmer von der Universität Bielefeld und ihre Kollegen aus Großbritannien und Belgien hatten ein seit mehr als 60 Jahren bekanntes, klassisches Experiment zur sozialen Anpassung für ihre Untersuchung weiterentwickelt. In dem Originalexperiment bekamen erwachsene Teilnehmer ein Bild mit einem einfachen Strich gezeigt. Sie sollten dann aus drei ebenfalls vorgelegten Strichen denjenigen auswählen, der genauso lang ist. Wenn bei diesem Experiment andere Teilnehmer im Raum waren, die einen falschen Strich absichtlich als richtig benannten, schlossen sich die Versuchspersonen oft dem falschen Urteil an. Dies wird als ein Beleg für die Existenz von Gruppenzwang gesehen, das Experiment wird in verschiedenen Varianten für dessen Untersuchung genutzt.

Dass Menschen sich häufig der Meinung anderer anschließen und es vielen schwer fällt, dieser Konformität zu widerstehen, sei lange bekannt, erläutert Studienleiter Tony Belpaeme von der Plymouth University in Großbritannien. In der Wissenschaft werde das als Konformität bezeichnet. Künftig würden Menschen zu Hause und am Arbeitsplatz vermehrt auf Roboter treffen. "Deshalb haben wir uns gefragt, ob Menschen auch mit Robotern konform gehen."

Humanoide Roboter beim Test

Die Forscher machten also den oben beschriebenen Konformitätstest mit insgesamt 43 Kindern. Jeweils einem Kind wurden die Striche auf einem Bildschirm gezeigt. Zunächst absolvierten die Kinder den Test allein vor dem Bildschirm und lagen dabei in 87 Prozent aller Fälle mit ihrer Antwort richtig. Als Nächstes setzten die Forscher drei humanoide Roboter mit dem Versuchskind an den Tisch. Die Roboter waren so programmiert, dass sie möglichst menschlich wirkten. So wandten sie etwa ihren Blick zunächst dem anwesenden Forscher zu, als wenn sie auf eine Anweisung warteten. Sie wurden von den Forschern vor den Kindern auch mit ihren Namen angeredet - Snap, Crackle und Pop. Sobald die Striche auf dem Bildschirm erschienen, schauten die Roboter dort hin, zögerten kurz und gaben dann nacheinander eine einprogrammierte - und teils falsche - Antwort.

Was geschah? Die Treffergenauigkeit der Kinder in den Tests ließ nach - sie sank auf 75 Prozent. In etwa drei Viertel der falschen Antworten hatten sich die Kinder dem - falschen - Urteil der Roboter angeschlossen. In Versuchen mit Erwachsenen fanden die Wissenschaftler diesen Effekt nicht - die folgten zwar gelegentlich der Meinung anderer Erwachsener, nicht jedoch der von Robotern. Kinder lassen sich also anscheinend leichter von Robotern beeinflussen als Erwachsene, folgern die Forscher. Das werfe die Frage auf, was passiere, wenn ein Roboter zum Beispiel vorschlage, welche Produkte jemand kaufen oder was jemand denken solle, sagt Belpaeme.

Schutzmaßnahmen für die Zukunft

Noch sind Roboter im Alltag der meisten Menschen nicht angekommen - ihre Verbreitung nimmt aber zu. Es gibt Roboter, die in Museen Führungen machen oder in Senioreneinrichtungen die Bewohner unterstützen. In vielen anderen Bereichen wird ihr Einsatz geplant oder diskutiert, etwa in Schulen. "Eine Zukunft, in der autonome soziale Roboter als Hilfe für Lehrpersonal oder Kindertherapeuten genutzt werden, ist nicht fern", schreiben die Forscher in ihrem Artikel. "In diesen Zusammenhängen ist der Roboter in einer Position, in der die zur Verfügung gestellten Informationen die Menschen, mit denen sie interagieren, erheblich beeinflussen können." Es sei nötig, darüber zu diskutieren, ob möglicherweise Schutzmaßnahmen geschaffen werden müssen, etwa ein regulatorischer Rahmen.

Dass Erwachsene von Robotern nicht vollkommen unbeeindruckt bleiben, zeigt eine im Fachmagazin "Plos One" veröffentlichte Untersuchung. Darin hatten Forscher der Universität Duisburg-Essen 85 Menschen mit einem niedlichen Roboter zusammengebracht und sie einige Aufgaben absolvieren lassen. Dies diente allerdings nur der Ablenkung, entscheidend für die Forscher war das Ende des Experiments: Sie baten die Menschen, den Roboter auszuschalten, woraufhin dieser bei der Hälfte der Probanden aufbegehrte und bettelte, nicht ausgeschaltet zu werden. "Bitte knipse mich nicht aus! Ich habe Angst vor der Dunkelheit", sagte die Maschine.

Knapp ein Drittel der Versuchsteilnehmer ließ den Roboter daraufhin an. Die anderen brauchten doppelt so lange, um sich zum Ausschalten zu überwinden, wie Teilnehmer, denen der Roboter nicht widersprochen hatte. Einige Probanden sagen nachher, sie hätten Mitleid gehabt, anderen waren irritiert oder neugierig, wie es weitergeht. "Das belegt, dass wir Roboter zwar nicht bewusst als soziale Wesen sehen", erläutert Studienleiterin Nicole Krämer. "Wenn sie aber menschlich reagieren, kann man nicht anders, als sie menschenähnlich zu behandeln. Das liegt an unserem angeborenen sozialen Verhalten."

Die Forscher fanden weiter heraus, dass Menschen sich nach dem Ausschalten besonders schlecht fühlten, wenn der Roboter vorher nicht nur rein funktional, sondern auch sozial mit ihnen interagiert hatte. "Es hat also Folgen, wenn man Maschinen mit menschlichen Verhaltensweisen ausstattet. Man muss sich fragen, ob das ethisch wünschenswert ist", meint Krämer. "Auf absehbare Zeit müssen wir uns jedoch keine Sorgen machen, dass Roboter uns dominieren. Die Technik ist noch lange nicht so weit."

Quelle: ntv.de, Anja Garms, dpa