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Sars-CoV-2 im Körper stoppen Kommt die Pille gegen Corona?

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Weltweit arbeiten Wissenschaftler an einem Medikament gegen Covid-19.

(Foto: picture alliance/dpa/PA Wire)

Um die Corona-Pandemie in Griff zu bekommen, muss ein Impfstoff her, sind Experten überzeugt. Gleichzeitig fordern sie, die Suche nach einem Medikament gegen Covid-19 aufrechtzuerhalten. Aus einem Labor kommen Ergebnisse zu einem vielversprechenden Wirkstoff.

Die große Hoffnung im Kampf gegen die Corona-Pandemie liegt zurzeit in einem Corona-Impfstoff. Die Pharmaunternehmen Biontech und Pfizer für ihren Impfstoffkandidaten die Zulassung in der EU. Dennoch sollte die Forschung an Covid-19-Medikamenten weiterhin intensiv vorangetrieben werden, mahnt der Münchener Infektiologe Clemens Wendtner. Einen vielversprechenden Wirkstoff untersucht die Virologin Meike Dittmann von der New York University School of Medicine zurzeit in ihrem Labor in Manhattan.

"Die Medikamentenforschung ist nach wie vor wichtig", mahnt Wendtner. Um eine künstliche Herdenimmunität über die Impfung zu erreichen, brauche es Zeit. Bis dahin müsse man die Patienten medizinisch versorgen, so Wendtner. Das ist allerdings problematisch, denn bisher gibt es kaum ein Medikament, das die Covid-19-Erkrankung wirksam bekämpft. Am häufigsten und effektivsten werden derzeit Kortison-Präparate eingesetzt, allen voran Dexamethason. Dieses Präparat spielt in der Spätphase der Krankheit eine Rolle, um überschießende Entzündungsreaktionen durch Covid-19 zu verhindern.

"Vielversprechender Hemmstoff"

Virologin Dittmann setzt dagegen mit ihrer Forschung am Beginn der Viruserkrankung an. Sie schaffte es, die Vermehrung von Sars-CoV-2 in der Schale im Labor deutlich einzudämmen. "Ich schätze den Hemmstoff mittelfristig als sehr vielversprechend ein", sagte sie dem "Spiegel". Denn auch für sie ist klar: Die Prävention einer Infektion durch Impfung sei der beste Weg, so Dittmann. Aber: "Es werden sich nicht alle impfen lassen wollen, außerdem könnte das aus medizinischen Gründen nicht für jeden möglich sein." Und: Ein hundertprozentiger Schutz sei selbst bei erfolgreicher Impfung ohnehin nicht garantiert. "Für all diese Fälle ist ein antiviraler Wirkstoff wichtig."

Dieser sollte bestenfalls in Tablettenform entwickelt werden. Denn nur so könnten Covid-19-Medikamente, ähnlich wie Antibiotika, unkompliziert einer breiten Masse zugänglich gemacht werden, ist Dittmann überzeugt. Grundlage ihrer Forschung ist eine Substanz, die Pfizer bereits vor mehreren Jahren für sogenannte Proteasen entwickelt, aber dann mangels Nachfrage nicht weiterverfolgt hatte. Heute feiert die Virologin in Bezug auf ihre Wirksamkeit zumindest im Labor Erfolge.

Wie kann der Wirkstoff das Virus stoppen?

Dafür ist eine Verabreichung im frühen Stadium der Krankheit ausschlaggebend. Denn Sars-CoV-2 dringt in die Wirtszellen des Menschen ein und kapert sie. Das Genom des Virus nutzt dann die Maschinerie der infizierten menschlichen Zelle, um eigene virale Proteine zu bilden - die Bestandteile für neue Viren. Eine Schlüsselrolle in der Vermehrung spielt eine bestimmte Protease, also ein Enzym, das Proteine spalten kann.

Genau hier soll der Wirkstoff von Dittmann und Pfizer zum Einsatz kommen, um die Produktion von neuen Viren zu stoppen. Das Virus benötige die Protease unmittelbar nach dem Eintreten in die Zelle, so Dittmann. "Wenn die Protease ausgeschaltet ist, ist der Zyklus sogleich gestoppt, bevor das Virus auch nur anfängt, sich zu vermehren." Zudem unterscheidet sich die Protease des Virus deutlich von der des Menschen. Somit würde ein Hemmstoff mit großer Wahrscheinlichkeit nur an das richtige Ziel binden, vermuten die Wissenschaftler. Unerwünschte Nebenwirkungen würden so kaum auftreten.

Mehrere Hürden müssen überwunden werden

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Weltweit arbeiten Wissenschaftler wie Dittmann mit Hochdruck an solch einem Medikament - von der Öffentlichkeit allerdings weitgehend unbemerkt. Doch einfach ist die Entwicklung eines Hemmstoffes in Pillenform nicht. Es gibt laut Dittmann mehrere Schwierigkeiten: Zum einen darf der Wirkstoff nicht zu wasserlöslich sein, denn sonst kann er nicht durch die fetthaltige Membran durchdringen. Andererseits darf die Substanz aber auch nicht zu fettlöslich sein, sonst bleibt sie in der Membran stecken. Zudem wehren sich viele Zellen gegen Fremdstoffe und stoßen sie einfach ab.

Nach den erfolgreichen Experimenten im Labor von Dittmann hat Pfizer offenbar bereits begonnen, den Wirkstoff an Menschen zu testen. Der Nachteil: Die Substanz muss gespritzt werden. "Die intravenöse Verabreichung muss im Krankenhaus geschehen, voraussichtlich über mehrere Tage hinweg", so Dittmann. Die Verfügbarkeit sowie das Timing ließen sich mit einem Hemmstoff, den man bloß schlucken muss, leichter erreichen. Doch bis eine Pille gegen das Coronavirus tatsächlich auf den Markt kommt, wird es wohl noch einige Zeit dauern.

Quelle: ntv.de, hny

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