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Blick in die Praxis eines Sexualmediziners "Lust muss zu zweit entwickelt werden"

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"Jeder will doch begehrt, geliebt und potent sein."

(Foto: picture alliance / dpa)

In "Was Sie besser nicht über Sex wissen sollten" geht es um kuriose Sexunfälle, sonderbare Fetische und merkwürdige Potenzprobleme. Was Dr. Axel-Jürg Potempa antreibt, ein solches Buch zu schreiben und ob sein Wartezimmer nach der Veröffentlichung leer bleibt, beantwortet er in einem Gespräch mit n-tv.de

n-tv.de: Herr Potempa, was hat Sie motiviert, dieses Buch zu schreiben?

Dr. Axel-Jürg Potempa: In erster Linie wollte ich unterhalten und andere Menschen amüsieren. Darüber hinaus war es mir wichtig, dem Leser einen Einblick zu geben, wie es in so einer sexualmedizinischen Praxis zugeht und womit ich mich tagtäglich beschäftige. Zugleich ist mein Buch auch ein bisschen Aufklärung durch einen Sexualmediziner. Ich will damit Menschen Mut machen, ihre sexuellen Fantasien mit ihrem Partner zu teilen und so die Lust an der schönsten Sache der Welt zu entfachen.

Haben Sie die Patienten, über die Sie in Ihrem Buch berichten, gefragt, ob Sie ihre Geschichte veröffentlichen dürfen?

Natürlich! Es war mir wichtig, das Vertrauensverhältnis, das zwischen mir und ihnen besteht, nicht zu beschädigen. Es gab auch tatsächlich zwei Patienten, denen es nicht recht war und deren Geschichten ich selbstverständlich auch nicht veröffentlicht habe. Ansonsten habe ich natürlich darauf geachtet, dass die Identitäten meiner Patienten geschützt sind.

Mussten Sie zur Inspiration für das Buch in Akten nachschlagen oder hatten Sie die Fälle im Kopf?

Die meisten der Geschichten aus dem Buch hatte ich tatsächlich im Kopf. Ganz einfach, weil sie so besonders und einprägend sind. In einigen Fällen habe ich aber auch in den Patientenakten nachsehen müssen, damit ich auch Einzelheiten korrekt wiedergeben konnte.

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Sexspielzeuge müssen beiden Partnern gefallen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Haben Sie keine Angst, dass Ihre Patienten wegbleiben - aus Angst, im nächsten Band von "Was Sie besser nicht über Sex wissen sollten" auftauchen zu können?

Nein! Meine Praxis ist immer sehr voll und auch nach Veröffentlichung des Buches hat sich daran nichts geändert. Ich glaube nicht, dass mein Buch meiner Integrität als Arzt geschadet hat. Ich höre vielmehr sehr viel Positives von meinen Patienten, die das Buch im Wartezimmer lesen können. Und wie gesagt, ich habe nur Geschichten von Patienten aufgeschrieben, die ihr Einverständnis dazu erklärt haben. Keiner meiner Patienten muss Angst haben.

Sie müssen als Sexualmediziner sehr offen sein. Wann hört für Sie gesunde Sexualität auf?

Ganz klar, wenn es bleibende körperliche Schäden gibt und natürlich, wenn einer von beiden keine Lust mehr auf bestimmte Praktiken hat. Wichtig ist, dass Sexualität beiden Beteiligten Spaß macht. Aus diesem Grund sollten Partner auch immer darüber reden, was gefällt und vor allem auch, was nicht. Zudem gehört jegliche Art von Pädophilie für mich nicht zu einer gesunden Sexualität. Zum Glück hatte ich mit solchen Fällen in meiner Praxis bisher nicht zu tun.

Haben Sie sich schon einmal geweigert, jemanden zu behandeln?

Nein, bisher nicht. Allerdings gibt es Patientinnen und Patienten, die mit Wünschen kommen, die ich nicht erfüllen kann. Sexsüchtige Menschen zum Beispiel, die zu mir kommen und darum bitten, ihre Lust mit Medikamenten zu zügeln, muss ich leider enttäuschen. Genauso wie Patienten, die mit Hilfe von Medikamenten mehr Lust bekommen wollen. In solchen Fällen gilt es erst einmal nachzuforschen, woher das Zuviel oder das Zuwenig an Lust kommt. In einigen Fällen schicke ich meine Patienten auch zu einem Psychologen oder Psychiater. Vielen reicht es schon, wenn sie in einem geschützten Raum über ihre Probleme sprechen können.

Sie schreiben, Sexualität hat immer auch etwas mit dem Selbstbild zu tun. Was meinen Sie damit?

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Auch Modeschöpfer greifen immer wieder das Thema Fetisch auf.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Die reelle Wahrnehmung eines Selbst gelingt - nicht nur in Bezug auf Sexualität - nur wenigen Menschen. Bei der Sexualität schwingen noch sehr viele andere Dinge mit und wenn es in diesem Bereich zu Störungen kommt, dann leidet das Selbstbild, manchmal sogar erheblich. Jeder will doch - zumindest in einem bestimmten Lebensabschnitt - begehrt, geliebt und potent sein. Bei der Frau in meinem Buch zum Beispiel, die mit Sex ihre Rechnung im griechischen Restaurant bezahlt, geht es um Neugier, um Fantasie und um Selbstbestätigung. Sie hatte von sich gewiss nicht das gleiche Bild, das die Leser nach der Lektüre ihrer Geschichte von ihr haben. Und weder das eigene Bild, noch das der Leser stimmt tatsächlich mit dem überein, was die Frau wirklich ist. Aber auch ein sehr verzerrtes  Selbstbild kann helfen, um sich gut zu fühlen, leider auch das genaue Gegenteil bewirken.

Kann denn Sexualität ohne Vernunft auch schädlich sein?

Natürlich - und zwar am meisten für Heranwachsende, die noch nicht reif sind dafür. Der leichte Zugang zu Pornos über das Internet ist für manche 12-Jährige sehr verstörend und kann im schlimmsten Fall sogar zu Langzeitschäden führen. Davon berichte ich übrigens auch in meinem Buch. Der Mann, der als Junge von seiner Erzieherin regelmäßig den Hintern versohlt bekommt, weil er mit einer Morgenlatte aufwacht, bekommt als Erwachsener Erektionsstörungen. Er kann nur noch mit Sado-Maso-Praktiken oder -Videos erregt werden. Er hat als Erwachsener keine Möglichkeit, frei zu entscheiden, welche Art von Sexualität er leben möchte, da er als Heranwachsender von einer sadistischen Frau missbraucht wurde. Selbst durch eine Therapie konnte er sich nicht befreien.

Sie laden oftmals die Partner Ihrer Patienten ein. Was hat das für Vorteile?

Da Sexualität immer eine schöne Sache zwischen zwei Menschen sein sollte, ist es mir wichtig, mit beiden Partnern über ihre Probleme zu reden. Leider kommt nur ein Drittel aller Partner, die ich zu einem Behandlungstermin einlade, auch tatsächlich mit. Dann gibt es aber eine gute Chance, das Problem der beiden zu lösen. Manchmal reicht es, wenn ich einen Denkanstoß gebe oder einfach die richtige Frage stelle. Manchmal muss ich allerdings auch im strengen Ton aufklären. Verbote dagegen haben in Bezug auf Sexualität keinerlei Chancen.

Was machen Sie, wenn sich jemand so sehr schämt, dass er über sein Problem nicht sprechen kann?

Das ist mir noch nicht passiert. Menschen, die zu mir kommen, sind in einer Notlage und wollen, dass ich ihnen helfe. Dazu gehört natürlich, dass ich mir ein Bild von ihrer Lage und ihren Problemen mache. Ihnen ist schon bewusst, dass sie reden müssen. Ich bin in meiner Befragung ganz ungezwungen und offen und kann so relativ schnell ein Vertrauensverhältnis herstellen, indem ich mit gezielten Fragen zwar nachbohre, meine Patienten dennoch nicht bedränge. Das hat bisher immer gut geklappt. Die meisten Patienten sind auch ganz froh, erleichtert und oftmals sogar therapiert, wenn sie sich überwunden haben und über ihre Probleme ungezwungen sprechen konnten.

Was machen Sie im Behandlungszimmer, wenn Sie wirklich mal von einem Anblick schockiert sind?

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Dr. Axel-Jürg Potempa hat Spaß an seiner Arbeit.

Ich bin in erster Linie Arzt und war bisher noch nie in der Situation, in erkennbaren Schock einem Patienten gegenüberzustehen. Durch meine tägliche Erfahrung habe ich natürlich auch schon einiges gesehen und bin mittlerweile relativ schmerzfrei diesbezüglich. Trotzdem gibt es auch für mich immer mal wieder Situationen in der Praxis, in denen ich erstaunt denke 'Das hätte ich an dessen Stelle besser nicht gemacht!'. In diesen Fällen kläre ich meine Patienten über die Gefahren auf, sollten sie beabsichtigen, auch weiterhin ungesunden Sex praktizieren zu wollen. Leider hilft das nicht immer, denn Neugierde, Fantasie und sexuelle Lust sind oftmals so stark, dass die Vernunft ausgeschaltet wird.

Sind den Sexpraktiken, bei denen es zu Verletzungen kommt, grundsätzlich gefährlich?

Das kann durchaus gefährlich werden, wenn nämlich die Gesundheit langfristig geschädigt wird. Durch zu heftige Sexspiele können zum Beispiel Unfruchtbarkeit oder Impotenz entstehen. Am gefährlichsten aus meiner Sicht sind aber Würgespiele, denn diese können sehr schnell zu irreparablen Hirnschäden und sogar zum Tod führen. Trotzdem verbiete ich meinen Patienten nichts, da das sowieso nichts bringen würde. Ich kläre sie über mögliche Schäden auf und hoffe, dass sie in aller Ruhe noch einmal darüber nachdenken und abwägen.

Macht Ihnen Ihre Arbeit noch Spaß, obwohl Sie hin und wieder das Ergebnis sexueller Abgründe zu Gesicht bekommen?

Ja, sonst würde ich die Arbeit nicht machen können. Sexualität ist ja etwas sehr Schönes und gleichzeitig etwas sehr Komplexes. Menschen, die zu mir kommen, befinden sich in einer Notsituation und erwarten, dass ich ihnen helfe. Das mache ich, soweit ich es kann. Ich persönliche freue mich jeden Tag, wenn ich in die Praxis gehe, denn meine Arbeit ist sehr spannend und hat überhaupt nichts mit Routine zu tun.

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Woody Allen als Spermium in "Was Sie schon immer über Sex wissen wollten, aber nicht zu fragen wagten".

(Foto: Youtube Screenshot)

Hat der Titel Ihres Buches, etwas mit Woody Allens Film "Was Sie schon immer über Sex wissen wollten …" zu tun?

Mir war schon klar, dass sich viele bei diesem Titel an den Film von Woody Allen erinnern werden. Zudem wollte ich mit meinem Titel, der ja paradox ist, einen Kontrapunkt setzen und neugierig machen. Das, so scheint es, ist mir auch gelungen.

Wenn es beim Sex zu ungewollten Zwischenfällen kommt, dann möchte man diese doch besser geheim halten. Sie lüften nun ganz bewusst diesen Schleier. Warum?

Da Voyeurismus und Schadenfreude in uns allen stecken, sind das die beiden Dinge, die dazu führen, dass das Buch gekauft und gelesen wird. Darüber hinaus glaube ich, dass es nicht nur unterhaltsam ist, über Menschen zu lesen, die Sexunfälle haben, sondern auch Mut machen kann, mit den eigenen Problemen, aber auch mit den eigenen Fantasien offener umgehen zu können. Es gibt ja nichts Schöneres, als mit dem Partner gemeinsame Fantasien zu entwickeln und diese dann umzusetzen. Mein Buch soll also auch zu neuen Gedanken und Fantasien über Sex animieren.

Wird es einen zweiten Band von "Was Sie besser nicht über Sex wissen sollten" geben?

Vielleicht, wenn das gewünscht ist und vielen Lesern mein  erstes Buch gefällt, dann denke ich ernsthaft darüber nach. Genug Material hätte ich auf jeden Fall. Ich könnte mir aber auch vorstellen, die Erlebnisse aus meiner Praxis in einem Roman zu verarbeiten, was für mich noch einmal eine andere Herausforderung wäre. Konkrete Pläne habe ich jedoch noch nicht.

Können Sie unseren Lesern noch einen allgemeinen Rat für gesunde Sexpraktiken geben?

Die wichtigste Formel ist die, dass man Lust und Sexualität zu zweit entwickelt. Es geht also nicht darum, dass man irgendwo ein Sexspielzeug sieht, das kauft und dann seinen Partner damit konfrontiert. Vor allem Männer sind meistens in dieser Art und Weise aktiv dabei, ihre Fantasien umzusetzen. Obwohl ich glaube, dass Frauen wesentlich ausgefeiltere Wünsche haben, aber auch wesentlich seltener darüber mit ihrem Partner sprechen. Das ist schade für uns Männer. Es geht also immer darum, das Liebespiel gemeinsam zu entwickeln, auszuprobieren und neue Wege zu gehen. Dann fühlt sich auch keiner übergangen, missbraucht oder verletzt.

Mit Dr. med. Axel-Jürg Potempa sprach Jana Zeh

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Quelle: ntv.de