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Schlafattacken - auch beim Sex Narkolepsie beginnt schleichend

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(Foto: picture alliance / dpa)

Schlafen ist lebensnotwendig und sollte Erholung und Entspannung bringen. Rund 80.000 Menschen in Deutschland werden jedoch vom Schlaf regelrecht überfallen und können nichts dagegen tun. Sie leiden an einer neurologischen Erkrankung, die Schlafsucht oder Narkolepsie genannt wird. Die Betroffenen, die sehr durch die Symptome der Krankheit eingeschränkt werden, müssen oftmals eine Vielzahl an Ärzten konsultieren, bis die richtige Diagnose gestellt wird. Warum das so ist und was man bei Narkolepsie tun kann, erklärt Prof. Dr. Dieter Riemann, Leiter der Sektion für Klinische Psychologie und Psychophysiologie/Schlafmedizin am Universitätsklinikum Freiburg im Gespräch mit n-tv.de.

n-tv.de: Wie viele Menschen leiden in Deutschland an Narkolepsie?

Prof. Riemann: Wir gehen davon aus, dass 0,1 Prozent der Menschen in Deutschland an Narkolepsie erkrankt ist, das sind rund 80.000 Betroffene. Davon ist höchstens die Hälfte als Narkolepsie-Patienten ausfindig gemacht und wird auch als solche medizinisch behandelt.

Viele Narkolepsie-Betroffene haben einen langen Leidensweg hinter sich, bevor ihre Krankheit erkannt wird. Warum ist Narkolepsie so schwer zu diagnostizieren?

Da Narkolepsie zu den seltenen Krankheiten gehört, kennen viele Allgemeinmediziner und Hausärzte die Krankheit und ihre Zeichen nicht. Zudem geht Narkolepsie mit einer Reihe unspezifischer Symptome einher. Das macht die Diagnose so schwer. Müdigkeit und Tagesschläfrigkeit beispielsweise werden im Allgemeinen von der Umwelt mit einem Schlafdefizit erklärt. Oftmals beginnt die Krankheit in der Pubertät. Das übermäßige Schlafbedürfnis wird dann meistens mit der Umstellung im Körper oder einer durchwachten Nacht in Zusammenhang gebracht und nicht mit einer ernstzunehmenden Erkrankung. Da die Krankheit sehr schleichend beginnt, vergehen tatsächlich ein bis zwei Jahre, bis Betroffene von selbst einen Arzt aufsuchen. Die ständigen Müdigkeitsanfälle und die Machtlosigkeit, nichts dagegen tun zu können, verunsichern natürlich die Betroffenen sehr.

Wie entwickelt sich denn die Krankheit im Normalfall?

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In Ausnahmesituationen kann auch ein Mensch ohne Narkolepsie überall einschlafen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Krankheit kann sich sehr unterschiedlich zeigen und entwickeln. Sie kann anfangs mit leichter Müdigkeit und Tagesschläfrigkeit beginnen und sich über zehn Jahre hinweg bis zur schweren Müdigkeit und Einschlafattacken hinziehen. Doch die Symptome treten bei jedem anders auf oder entwickeln sich verschieden. Das Wegnicken, das man im Volksmund auch als Sekundenschlaf bezeichnen könnte, tritt tatsächlich bei einigen Betroffenen bei jeder Gelegenheit auf, egal ob das bei einem spannenden Vortrag ist, beim Fahrradfahren oder auch beim Sex. Das ist für Betroffene ein gravierender Einschnitt im Leben und manchmal auch gefährlich.

Wo liegen denn die Ursachen für Narkolepsie?

Bei der Ursachenforschung konnten wir in den letzten zehn Jahren viel dazulernen. Vor allem, weil es Tiermodelle gibt. Es gibt also Mäuse, Katzen und Hunde, die an dieser Krankheit leiden, an denen man hervorragend die Biologie der Krankheit  erforschen kann. Es spricht sehr viel dafür, dass die Narkolepsie eine Autoimmunerkrankung ist. Das heißt, dass das eigene Immunsystem bei Menschen, die diese Veranlagung in sich tragen, bestimmte Nervenzellen im Hypothalamus angreift. In diesem Zusammenhang hat man ein neues Peptid, d.h. einen Botenstoff entdeckt, das Orexin, das von bestimmten Nervenzellen im Hypothalamus produziert wird. Dieser Botenstoff ist für Wachheit zuständig. Es besteht also die Annahme, dass bei Narkolepsie diese orexinproduzierenden Nervenzellen, das sind übrigens nur ein paar Hunderttausend, nach und nach vom eigenen Immunsystem attackiert und letztendlich zerstört werden. Dadurch kommt es zu der plötzlichen Müdigkeit und zum Einschlafen tagsüber.

Narkolepsie tritt bei vielen Betroffenen erstmals in der Pubertät auf. Gibt es denn eine Begründung dafür?

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Schlaf ist lebensnotwendig.

(Foto: picture alliance / dpa)

Narkolepsie kann bereits auch im Kindesalter auftreten, aber das ist sehr, sehr selten. Wir gehen davon aus, dass die Anlage zur Narkolepsie vererbt wird. Wir vermuten, dass der Organismus erst mit der Pubertät einen Entwicklungszustand erreicht, in dem diese  Anlage aktiv werden kann. Es gibt Hinweise darauf, dass Narkolepsie durch Reize von außen, wie zum Beispiel Kopfverletzungen, Gehirnerschütterungen etc., ausgelöst werden kann. Die Ursache der Erkrankung jedoch ist primär in der genetischen Ausstattung zu suchen.

Welche Therapien gibt es denn für Narkolepsie-Patienten?

An erster Stelle steht, dass Narkolepsie früh und adäquat erkannt und diagnostiziert wird. Das heißt, die Narkolepsie sollte von einem Neurologen in Zusammenarbeit mit einem Schlafmediziner zweifelsfrei festgestellt werden. Im Schlaflabor kann man ganz spezifische Anzeichen für eine Narkolepsie feststellen. Der REM-Schlaf ist beispielsweise vorverlagert. Narkolepsie-Betroffene schlafen in bestimmten klinischen Tests im Labor sehr viel schneller als Gesunde ein. Wenn die Diagnose gesichert ist, gibt es sowohl medikamentöse als auch nichtmedikamentöse Therapie-Möglichkeiten.

Welche sind das denn genau?

An erster Stelle sollte eine umfassende Aufklärung der Patienten stehen. Narkolepsie ist ja eine lebenslange Krankheit, die zu diversen Einschränkungen führen kann. Narkolepsie-Kranke müssen also damit rechnen, dass sie eine eingeschränkte Fahrtüchtigkeit haben. Ein Mensch mit Narkolepsie kann beispielsweise keinen Beruf ergreifen, bei dem man mit höchster Konzentration arbeiten muss, etwa Pilot oder Chirurg. Solche Einschränkungen müssen früh besprochen werden. Zudem gibt es wirksame Medikamente. Das eine sind die stimulierenden Mittel, die Amphetamine und  das Modafinil, beide Substanzgruppen können Narkolepsie-Kranken verschrieben werden. Diese Arzneien helfen den Patienten, länger und durchgehender aufmerksam und wach zu bleiben. Beide Arten von Medikamenten erzeugen jedoch meist nicht das gleiche Niveau an Wachheit, wie es vor Auftreten  der Erkrankung bestanden hat. Zudem werden REM-Schlaf unterdrückende Antidepressiva in niedrigen Dosierungen verschrieben, um das Symptom der Kataplexie zu unterdrücken – dabei handelt es sich um den für Narkolepsie typischen plötzlichen Verlust der Muskelspannung während des Tages.

Ist es so, dass sich die Symptome der Narkolepsie im Alter verstärken?

Das Vollbild der Narkolepsie entwickelt sich in der Regel in den ersten zehn Jahren der Krankheit. Innerhalb dieser Zeit bilden sich alle individuellen Symptome aus. Mit diesem Zustand müssen die meisten Betroffenen leben und sich arrangieren. Manchmal gehen die Symptome im Alter etwas zurück, eine Verschlechterung mit dem Alter ist eher die Ausnahme. Der Eintritt ins Rentenalter bedeutet für viele Patienten eine enorme Erleichterung, weil Zeit- und Termindruck wegfallen.

Was sollten denn die Mitmenschen in Bezug auf Narkolepsie tun?

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Professor Dieter Riemann ist Leiter der Sektion für Klinische Psychologie und Psychophysiologie/Schlafmedizin, Klinik für Psychiatrie und Psychosomatik am Universitätsklinikum Freiburg.

Auch hier ist es so, dass Aufklärung nötig ist. Narkolepsie-Betroffene sollten ihre Umwelt über ihre Erkrankung informieren. Oftmals werden sie sonst missverstanden oder ungerecht behandelt. Wenn ein Narkolepsie-Patient beispielsweise in einer Besprechung einschläft, so kann das zu unangenehmen Auseinandersetzungen führen, wenn die Kollegen und Vorgesetzten nichts von der Erkrankung wissen. Am besten wäre, wenn Betroffene an ihrem Arbeitsplatz die Möglichkeit haben, sich zum Schlafen hinzulegen, also geplant sowohl am Vormittag als auch am Nachmittag ein kurzes "Nickerchen" machen dürfen. Solche Möglichkeiten können zu einer wesentlichen Entspannung beim Patienten führen. Menschen mit Narkolepsie sind intellektuell genau so leistungsfähig wie andere, können sich nur nicht acht Stunden am Stück wach halten, denn bei Ihnen liegt eine neurologische Störung des Wach-Schlaf-Rhythmus vor.

Immer wieder gibt es Meldungen, in der der Anstieg der Anzahl von Schlafkrankheit-Betroffenen und dem Schweinegrippe-Impfstoff Pandemrix im Zusammenhang steht. Was sagen Sie dazu?

Tatsächlich sind einige Berichte publiziert worden, die einen Zusammenhang zwischen dem Schweinegrippe-Impfstoff und dem Neuauftreten von Narkolepsie thematisieren. Die Angelegenheit muss aus medizinischer Sicht extrem genau beobachtet werden. Über Kausalitäten zu reden, ist sicher noch zu früh.

Mit Professor Dieter Riemann sprach Jana Zeh

Quelle: ntv.de

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