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Bei metastasiertem Darmkrebs Neue Therapien helfen auch ohne Chemo

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Die Diagnose Darmkrebs bekommen rund 65.000 Menschen jedes Jahr in Deutschland.

(Foto: imago images/Panthermedia)

Darmkrebs wird häufig erst spät erkannt. Oftmals haben sich schon Metastasen gebildet. Damit sinken die Heilungschancen. Mit innovativen Therapien, die an der Berliner Charité zum Einsatz kommen, kann manchen Patienten geholfen werden. In Einzelfällen ist sogar Heilung möglich.

Jährlich erkranken rund 65.000 Menschen in Deutschland an Darmkrebs. Da sich die Erkrankung schleichend über Jahre hinweg entwickelt und oftmals erst spät erkannt wird, gehört sie zur zweithäufigsten Krebstodesursache des Landes. Dennoch gibt es Hoffnung: Zwei neu zugelassene Therapien stehen Patienten mit bestimmten Arten von metastasiertem Darmkrebs seit gut einem Jahr offiziell zur Verfügung. Mit diesen Substanzen konnten bereits Dutzende Darmkrebs-Patienten an der Berliner Charité behandelt werden.

"Wir haben uns an der Charité auf Präzisionsonkologie und maximale Ausreizung der fachübergreifenden Therapieoptionen ausgerichtet. Das heißt, wir machen bei jedem Patienten, der einen metastasierenden Darmkrebs hat, relativ früh eine molekulare Pathologie", erklärt Professor Sebastian Stintzing, Ärztlicher Direktor der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Hämatologie, Onkologie und Tumorimmunologie an der Charité im Gespräch mit ntv.de. "Das bedeutet, wir bestimmen genau die Art der vorhandenen Tumor-Mutationen und anderer Veränderungen und versuchen dann meist mit den Kolleginnen und Kollegen der Chirurgie einen Behandlungspfad zu entwickeln, um so viel Tumor wie möglich zu entfernen."

Durch dieses Vorgehen sollen alle Patienten optimal versorgt werden und auch die Patienten gefunden werden, für die die neu zugelassenen Behandlungsmöglichkeiten geeignet sind. "Leider werden in Deutschland immer noch viele Patienten mit metastasierten Darmkrebs ohne vorherige Tumortestung behandelt", bedauert Stintzing. Vielleicht auch, weil die Patientengruppen, die für die innovativen Behandlungen infrage kommen, relativ klein sind.

Erfolge ohne Chemotherapie

Dabei können die Mediziner mit den beiden neuen Therapien gute Erfolge erzielen - und das in diesen Subgruppen sogar ohne begleitende Chemotherapie. "Die Immuntherapie mit dem Antikörper Pembrolizumab kann bei ungefähr fünf Prozent der Patienten mit metastasiertem Darmkrebs sofort bei Diagnosestellung eingesetzt werden. Die Kombination aus einem sogenannten Kinase Inhibitor Encorafenib und dem Antikörper Cetuximab kann bei etwa acht bis zehn Prozent der Patienten mit metastasiertem Darmkrebs nach dem Versagen einer Chemotherapie zum Einsatz kommen", erklärt der Mediziner. "Bei der letztgenannten Patientengruppe finden wir die sogenannte BRAF-Mutation, bei der es zu einem gesteigerten Tumorwachstum und dementsprechend zu einer sehr schlechten Überlebensprognose kommt."

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Mit der neuen Kombinationstherapie, die im Allgemeinen gut verträglich ist, lässt sich nicht nur der Tumorwachstum aufhalten. Im besten Falle lässt sich der Tumor damit sogar verkleinern. Der große Vorteil bei beiden neuen Therapien besteht jedoch ganz klar darin, dass sie ganz ohne Chemotherapie auskommen. "Mit der Kombinationstherapie kann nicht nur die Lebenszeit von Patienten mit eigentlich sehr schlechten Prognosen deutlich verlängert werden. Die Überlebenszeit ist zudem mit wesentlich weniger Beschwerden und Nebenwirkungen möglich", erläutert Stintzing. Und manchmal waren sogar die Mediziner der Charité von der Wirksamkeit der Therapie erstaunt.

"Auch wir haben in einigen Fällen, insbesondere mit Immuntherapien, schon Patienten gesehen, die mit diesen bestimmten Varianten von metastasiertem Darmkrebs buchstäblich auf der Palliativstation lagen und nach einigen Wochen mit der neuen Therapie dann nach Hause entlassen werden konnten", erzählt Stintzing. Die Patienten bekommen auch dann noch alle zwei bis drei Wochen eine Infusion mit den Präparaten und können fast normal ihr Leben weiter leben. "In solchen Fällen sprechen wir in der Medizin vom Lazarus-Effekt. Wir sind also dank der neuen Therapien in der Lage, tödliche Darmkrebserkrankungen bei einigen Patienten in chronische Erkrankungen zu überführen", schließt Stintzing.

Quelle: ntv.de

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