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WHO warnt Krebs bleibt oft unentdeckt

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In Deutschland bekommen rund tausend Menschen täglich die Diagnose Krebs.

(Foto: picture-alliance / BSIP/RAGUET H.)

Aus Angst vor einer Corona-Infektion meiden viele Menschen den Arztbesuch - mit dramatischen Folgen: Viele Krebsdiagnosen könnten unentdeckt bleiben. Die WHO rechnet mit einer "Krise nicht übertragbarer Krankheiten". Doch in der Impfstoffsuche sehen Forscher eine große Chance für den Kampf gegen Krebs.

Die Coronavirus-Pandemie schlägt sich nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) dramatisch auf die Diagnose und Behandlung von Krebserkrankungen in Europa nieder. "Die Auswirkungen der Pandemie auf Krebs in der Region sind nichts weniger als katastrophal", erklärte der Direktor des WHO-Regionalbüros Europa, Hans Kluge, am heutigen Weltkrebstag. Während des Kampfes gegen Covid-19 sei es bisher überaus herausfordernd gewesen, den Fortbestand der Krebsbehandlung zu gewährleisten. "Durch die Pandemie braut sich eine Krise nicht übertragbarer Krankheiten, einschließlich Krebs, zusammen."

Die WHO Europa hofft nach eigenen Angaben auf eine Zukunft, in der Krebs nicht länger eine lebensbedrohliche Krankheit ist. "Wir können Krebs nicht beseitigen", erklärte Kluge. "Aber wir können darauf abzielen, Krebstodesfälle zu beseitigen." Auf dem Weg dorthin ruft die WHO Europa nun eine europaweite Krebsinitiative ins Leben, um Krebskontrolle und -vorbeugung auf dem Kontinent zu verbessern. In dem Rahmen ernennt das Regionalbüro mit dem schwedischen Abenteurer Aron Anderson auch einen expliziten Krebs-Botschafter.

2020 wurde nach offiziellen Angaben bei 2,7 Millionen Menschen in der EU Krebs entdeckt. 1,3 Millionen Patienten starben an der in vielen Varianten auftretenden Krankheit. In der gesamten europäischen Region, zu der die WHO mehr als 50 Länder zählt, gibt es nach Angaben der Organisation in einem normalen Jahr fast 2,2 Millionen Krebstote - "eine viel zu hohe Zahl, wenn wir wissen, dass diese Todesfälle hätten verhindert werden können", so Kluge.

Zu Beginn der Corona-Pandemie habe die WHO festgestellt, dass die Krebsdienste in jedem dritten Land der Region teils oder vollständig gestört worden seien, sagte Kluge. In den Niederlanden und Belgien sei die Zahl der diagnostizierten Krebserkrankungen während des ersten Lockdowns 2020 um 30 bis 40 Prozent gefallen, im nationalen Onkologiezentrum von Kirgisistan im April gar um 90 Prozent. Verspätete Diagnosen und Behandlungen in Großbritannien dürften sich dort zudem in den nächsten fünf Jahren in einem Anstieg der Darm- und Brustkrebstoten um 15 beziehungsweise 9 Prozent niederschlagen.

Bund will Kampf gegen Krebs weiter stärken

Die Bundesregierung will die Bekämpfung von Krebs weiter stärken. "Bei allem Schrecken und allen Gefahren durch die Corona-Pandemie dürfen wir nicht vergessen, dass wir auch beim Thema Krebsforschung weiterkommen müssen", sagte Bundesforschungsministerin Anja Karliczek von der CDU. Jeden Tag bekämen rund tausend Menschen in Deutschland die Diagnose Krebs. "Wir werden die Forschung weiter stärken und auf innovative Krebsmedizin setzen."

Die vor zwei Jahren gestartete nationale Dekade gegen Krebs soll die Krebsforschung vorantreiben, die Prävention stärken, Erkrankungen öfter verhindern und die Heilungschancen verbessern. Karliczek betonte, im Rahmen dieser Initiative seien zahlreiche neue Forschungsprojekte angestoßen worden, etwa zu der Frage, warum immer mehr jüngere Menschen an Darmkrebs erkranken.

Ausdrücklich würdigte die Ministerin anlässlich des Aktionstags die langjährigen Forschungen zur sogenannten mRNA-Technologie, die eine individualisierte Krebstherapie für jeden Patienten ermöglichen soll. Diese mRNA-Methode sei die Grundlage für den schnellen Erfolg des vom Mainzer Unternehmen Biontech entwickelten Covid-19-Impfstoffs gewesen. Die Corona-Pandemie habe gezeigt, dass Technologien wie mRNA ein "ganz besonderes Potenzial" haben, sagte die Mitbegründerin und Chefmedizinerin von Biontech, Özlem Türeci. Die Krise der Pandemie könne auch zu "einer Chance werden für Krebspatienten", weil durch den Einsatz des Covid-19-Impfstoffs viele Erkenntnisse etwa über die Sicherheit und die Verträglichkeit der Impfung gewonnen werden. Die weltweit aufgebauten Produktionskapazitäten könnten zudem als Chance dienen, um künftige Impfungen gegen Krebs schneller zu entwickeln und zu den Patienten zu bringen, sagte Türeci.

Schwesig und Karliczek: Vor- und Nachsorgetermine wahrnehmen

Genauso wie Karliczek appellierte Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig von der SPD an die Menschen, die Termine für die Früherkennung, zur Nachsorge nach einer Erkrankung und zu Abklärungsgesprächen trotz Corona unbedingt wahrzunehmen. "Es ist total wichtig, zur Vorsorge zu gehen. Und ich weiß, dass man sich gerade in der jetzigen Zeit dreimal fragt, muss ich jetzt zum Arzt, muss ich jetzt eine Untersuchung machen", sagte die SPD-Politikerin, die selbst 2019 an Brustkrebs erkrankt war, in einem ZDF-Interview.

Während ihrer eigenen Therapie habe sie privat bereits Masken genutzt, etwa wenn ihre Kinder erkältet waren, was in einer Kita oder Schule ganz schnell vorkommen könne. Die Pandemie habe gerade für Risikopatienten eine ganz besondere Dimension. Aufgrund ihrer Erkrankung hatte Schwesig das Amt als kommissarische SPD-Bundeschefin niedergelegt, aber als Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern weitergemacht. Seit Mai 2020 gilt sie als geheilt.

In Deutschland erkranken jedes Jahr fast 500.000 Menschen neu an Krebs, rund 220.000 sterben daran. Krebs ist nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen damit die zweithäufigste Todesursache. Nach Einschätzung von Michael Baumann, Vorstandschef des Deutschen Krebsforschungszentrums, werden die Krebserkrankungen in Deutschland vermutlich in den nächsten knapp zehn Jahren auf 600.000 Fälle steigen. Dabei könnten schätzungsweise 70 Prozent aller Todesfälle durch einen gesunden Lebensstil und die Früherkennung verhindert werden.

Quelle: ntv.de, joh/dpa/AFP

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