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Zerstörung mit Langzeitfolgen Ökosysteme erholen sich selten vollständig

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Abholzungen am Amazonas: Wälder entwickeln sich nur sehr langsam wieder in Richtung ihres ursprünglichen Zustands.

(Foto: picture alliance / Isaac Risco-R)

Der Mensch greift massiv in die Umwelt ein: Wälder werden abgeholzt, Dämme gebaut, Gewässer verschmutzt. Ist es möglich, dass sich die Natur davon wieder erholt? Das geht mit und ohne menschliche Hilfe, sagen Forscher, allerdings fast nie komplett.

Wurden Ökosysteme einmal durch menschliche Eingriffe geschädigt, erholen sie sich selten vollständig. Auch Jahre oder Jahrzehnte nach einer Beeinträchtigung unterscheiden sie sich von ihrem ursprünglichen Zustand - etwa im Hinblick auf die Artenvielfalt. Das berichtet ein internationales Forscherteam in den "Proceedings B" der britischen Royal Society. Die Wissenschaftler fanden auch heraus, dass es in vielen Fällen keinen großen Unterschied macht, ob das geschädigte Ökosystem sich selbst überlassen bleibt oder der Mensch mit Renaturierungsmaßnahmen versucht, die Erholung zu unterstützen.

Die Forscher um Holly Jones von der Northern Illinois University in DeKalb hatten 400 Studien ausfindig gemacht, in denen Wissenschaftler die Erholung von Ökosystemen nach großflächigen Störungen untersucht hatten. Zu solchen Störungen gehören die Abholzung von Wäldern, der Bau von Dämmen, Ölkatastrophen und die Verschmutzung von Gewässern.

Die Forscher nutzten dann zahlreiche Variablen, die den Zustand eines Ökosystems beschreiben und ermittelten, wie gut und wie schnell sich das jeweilige Ökosystem nach der Störung erholt hatte. In einigen der betrachteten Studien war versucht worden, mit Renaturierungsmaßnahmen die Erholung des Ökosystems zu verbessern, in anderen blieben die Ökosysteme sich selbst überlassen. In einigen Fällen wurden in ein und demselben Ökosystem beide Strategien verfolgt.

Wälder erholen sich besser als Flüsse

Die Auswertung ergab, dass sich die Ökosysteme - zumindest in dem betrachteten Zeitraum - nur selten ganz erholten. Wälder und Graslandschaften erreichten am ehesten einen ursprünglichen Zustand, Seen und Flüsse am seltensten. Eine Renaturierung könne somit keinen Ersatz für den Erhalt intakter Ökosysteme samt deren Artenvielfalt bieten, betonen die Wissenschaftler.

Sie fanden weiter, dass die Geschwindigkeit der Erholung mit der Zeit abnahm. Das heißt, zunächst besserte sich der Zustand eines Ökosystems schneller, dann immer langsamer. Feuchtgebiete und marine Ökosysteme erholten sich am schnellsten, etwa nach einer Ölpest. Seen und Wälder hingegen entwickelten sich nur sehr langsam in Richtung des ursprünglichen Zustands. Besonders auffällig war das in Waldgebieten, die zeitweise in Ackerland umgewandelt worden waren. Dies sei vermutlich darauf zurückzuführen, dass bei einer landwirtschaftlichen Nutzung das ursprüngliche Ökosystem nahezu vollständig zerstört werde.

Was beeinträchtigt die Erholung?

Schließlich fanden die Forscher, dass Renaturierungsmaßnahmen weder das Ausmaß noch das Tempo einer Wiederherstellung positiv beeinflussten. Das bedeute nicht, dass solche Maßnahmen überflüssig seien, betonen die Wissenschaftler. Es gebe mehrere Gründe, warum sich zunächst kein deutlicher Unterschied offenbare. So könnten sich etwa Naturschützer zur Renaturierung vor allem solche Ökosysteme vorgenommen haben, die sich alleine nicht oder nur schwer erholt hätten und Unterstützung benötigen. Dies könne dann letztlich gleiche "Erholungswerte" beider Strategien zur Folge haben.

Da die Mittel für Renaturierungsmaßnahmen begrenzt seien, müssten sie künftig besser und zielgerichteter eingesetzt werden, so das Fazit der Forscher. Dazu müssten in weiteren Studien unter anderem die Hindernisse ausgemacht werden, die eine vollständige Erholung beeinträchtigen. Innovative, gemeinschaftliche Ansätze zwischen Industrie, Regierungen, Wissenschaftler und lokalen Interessenvertretern seien nötig - vergleichbar denen, die es gegeben habe, um Menschen auf den Mond zu bringen oder die derzeit die Krebsforschung beflügelten.

Quelle: n-tv.de, Anja Garms, dpa

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