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Handy ist kein Allheilmittel Schlaf-Apps erhöhen Fehldiagnosen

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Schlaf-Apps helfen beim Einschlafen, analysieren das Schlafverhalten oder ermitteln den idealen Weckzeitpunkt.

(Foto: imago/Westend61)

Wer morgens schlecht aus dem Bett kommt oder abends nicht gut einschlafen kann, sucht oft Hilfe im App-Store. Viele Anwendungen versprechen einen erholsameren Schlaf – doch nur wenige berücksichtigen wissenschaftliche Standards.

Ein Leben ohne Smartphone? Für viele Menschen unvorstellbar. Bei den meisten wandert morgens, vor dem Aufstehen, der erste und abends, vorm Zubettgehen, der letzte Blick auf das Display des Telefons. Tagsüber gehört es längst zum Alltag und dient vielen als Notizzettel, Taschenrechner oder Kalender. Die Auswahl an Apps ist riesig. Der Optimierung sind keine Grenzen gesetzt. Auch die Gesundheits-Branche hat das verstanden und ist auf den Zug aufgesprungen. Viele Apps erinnern den Nutzer daran, sich gesünder zu ernähren oder spornen ihn an, mehr Sport zu treiben. Selbst nachts versprechen zahlreiche Schlaf-Apps inzwischen eine erholsamere Nachtruhe. Sie helfen beim Einschlafen, analysieren das Schlafverhalten oder ermitteln den idealen Weckzeitpunkt.

Und die Nachfrage ist groß, denn in Deutschland leiden laut der "Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland" vom Robert Koch-Institut 30 Prozent der Bevölkerung an Schlafstörungen. Etwa ein Viertel der Frauen und ein Fünftel der Männer berichten über eine beeinträchtigte Schlafqualität. Sie können entweder nicht ein- oder durchschlafen oder wachen morgens zu früh auf. Viele von ihnen setzen deswegen auf die Hilfe aus dem App-Store.

"Schlaf-Apps können die Medizin sicherlich irgendwann ein Stück weit revolutionieren", ist sich Dr. Hans-Günther Weeß, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin, sicher. Solange die Anwendungen aber von unerfahrenen Entwicklern ohne fundierte medizinische Kenntnisse programmiert würden, seien sie für die Wissenschaft kein adäquater Ersatz.

Kein Ersatz für Schlaflabor

Dafür müssten die erhobenen Befunde erst anhand von schlafmedizinischen Daten evaluiert werden. "Im Moment gaukeln uns die Schlaf-Apps eine Pseudowissenschaftlichkeit vor, denn sie schließen nur anhand von wenig aussagefähigen Kenngrößen auf die Qualität unseres Schlafes." Allein auf der Grundlage von Bewegungen oder Geräuschen im Schlafzimmer ließen sich aber keine Rückschlüsse auf die Qualität des Schlafes ziehen, argumentiert Weeß im Gespräch mit n-tv.de.

Die Apps könnten es momentan noch nicht mit Untersuchungen aus dem Schlaflabor aufnehmen, in denen nicht nur Hirnströme, Augenbewegungen, Muskelspannung und der Sauerstoffgehalt im Blut, sondern auch die Herz-und Atemtätigkeit aufgezeichnet werden. Selbst mit Hilfe einer 15.000 Euro teuren Software bedürfe es auch im Schlaflabor immer noch der Auswertung eines Experten. Die Ergebnisse alleine seien nicht aussagekräftig genug.

Die Einschätzung von Weeß fällt deswegen deutlich aus: "Ich halte Schlaf-Apps sogar für gefährlich." Denn würden Menschen auf die Ergebnisse der App vertrauen, sei die Gefahr von Fehldiagnosen hoch. So würde die App Menschen mit Schlafstörungen in Sicherheit wiegen, weil sie mögliche Anzeichen gar nicht erst erkenne oder sogar falsch interpretiere.

Wie die Studie des Bundesministeriums für Gesundheit "Chancen und Risiken von Gesundheits-Apps" herausgefunden hat, sind die angebotenen Apps bisher eher selten Produkte mit einem diagnostischen oder therapeutischen Anspruch. Das liege vor allem daran, dass die Hersteller von Gesundheits-Apps einen vielfältigen, aber nicht zwingend einen medizinischen Hintergrund hätten. Das Entwickler- und Anbieter-Spektrum reiche von Privatpersonen über privatwirtschaftlich organisierte Unternehmen und Institutionen bis hin zu (Kranken-) und Versicherugnsunternhemen, heißt es in der Studie.

Seriosität von Anbietern

Zusätzlich würden Gesundheits-Apps datenschutzrechtliche Anforderungen häufig nicht einhalten. Bei der Einholung von Einwilligungen durch den Nutzer fehle es oft an Transparenz.

"Gerade sensible Gesundheitsdaten wie jene zur Schlafgewohnheit bedürfen eines besonderen Schutzes. Bei der Verarbeitung der Daten müssen die höchsten Standards für Datenschutz und technische Sicherheit der Geräte eingehalten werden", sagt Julia Hagen, Referentin für Health & Pharma bei BITKOM. Die Speicherung und Auswertung der Daten müsse für den Nutzer so transparent wie möglich erfolgen.

Vor dem Herunterladen einer App sollte der Nutzer auf die Seriosität des Anbieters achten, rät Hagen. "Weisen Nutzer in ihren Kommentaren auf Sicherheits- und Datenschutzmängel hin, ist Vorsicht geboten. Smartphone-Besitzer sollten auch die Einstellungen ihrer Apps im Blick behalten. Zugriff auf Adressdaten oder Ortungsdienste sollte einer App nicht automatisch gestattet werden", sagt Hagen.

 

Quelle: n-tv.de