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Namenssuche als Minenfeld Warum die Virus-Krankheit "Covid-19" heißt

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"Wir mussten einen Namen finden, der sich nicht auf eine geografische Lage, ein Tier, ein Individuum oder eine Gruppe von Menschen bezieht", erklärte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus.

(Foto: dpa)

Die derzeit vor allem in China grassierende Lungenkrankheit hat einen Namen: "Covid-19". So technisch diese Bezeichnung klingen mag - ihr geht ein Entscheidungsprozess voraus, der unter Umständen weitreichende Folgen hat. Das haben Erfahrungen aus der Vergangenheit gezeigt.

Der Schrecken hat einen Namen: Der tödlichen Lungenkrankheit, welche in China und auf der ganzen Welt bereits mehr als 1000 Menschen das Leben gekostet hat, wurde von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Bezeichnung "Covid-19" zugewiesen:

  • "Co" steht für Corona
  • "vi" für virus
  • "d" für disease (zu Deutsch: Krankheit)
  • "19" für 2019 (Jahr des ersten Auftretens)

Das Virus, welches Covid-19 auslöst, heißt ab sofort Sars-CoV-2. Namensgeber in diesem Fall ist das Internationale Komitee zur Taxonomie von Viren. Der Name bezieht sich auf die sehr enge Verwandtschaft zum Sars-Virus, an dem 2002/2003 Hunderte Menschen gestorben waren.

Wie viel Sorgfalt die Entscheider bei der WHO bei der Auswahl walten lassen mussten, wurde bei der Bekanntgabe des Namens "Covid-19" deutlich: "Wir mussten einen Namen finden, der sich nicht auf eine geografische Lage, ein Tier, ein Individuum oder eine Gruppe von Menschen bezieht", erklärte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus. Zugleich sollte der Name gut aussprechbar sein und Bezug auf die Erkrankung nehmen. Aber warum sind die von Ghebreyesus aufgeführten Kriterien so wichtig?

Kein Schwein hat "Schweinegrippe"

Der Name einer Krankheit - vor allem, wenn es sich um eine Epidemie oder Pandemie handelt - kann oft unerwünschte Folgen haben. Das zeigt etwa der Fall der "Schweinegrippe" im Jahr 2009. Mit Schweinen hat diese nur insofern zu tun, als dass Forscher vermuten, dass sich das ursächliche Grippevirus in Schweinen gebildet hat, bevor es auf dem Menschen übersprang. Doch der Name der erstmals in Mexiko aufgetretenen Erkrankung hatte eine ungewollte Nebenwirkung: Verbraucher in den USA mieden plötzlich Schweinefleisch. Die Preise brachen ein und brachten US-Schweinezüchter bald in wirtschaftliche Nöte. Dabei war bis dahin bei keinem einzigen Schwein das Virus nachgewiesen worden.

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Die "Schweingrippe" wurde aufgrund ihres Ursprungsortes aber auch als "Mexiko-Grippe" bezeichnet, was die nächste Problematik bei der Benennung von Krankheiten aufzeigt. Denn wie bei der "Spanischen Grippe" und der "Japanischen Enzephalitis" wird die gesamte Bevölkerung einer Region mit dem Erreger in Verbindung gebracht. Auch die ebenfalls durch Coronaviren ausgelöste Erkrankung Mers ist so ein Fall - Mers steht für Middle East Respiratory Syndrome - auf Deutsch: Nahöstliches Atemwegssyndrom. Die Erkrankung trat im Jahr 2012 erstmals im Nahen Osten auf.

#JeNeSuisPasUnVirus

Dass Menschen bestimmter Herkunft tatsächlich als "ansteckend" gelten können, wurde nach dem Auftreten von "Covid-19" deutlich. In westlichen Medien wurde deren Erreger anfangs auch "Wuhan-Virus" oder "China-Virus" genannt. In Deutschland wohnende Chinesen berichteten bald von diskriminierenden Reaktionen. Auch in Italien kam es zu ähnlichen Vorfällen - in Rom untersagte eine Bar Chinesen den Zutritt. In sozialen Medien kursierte der Hashtag #JeNeSuisPasUnVirus (auf Deutsch: Ich bin kein Virus), unter dem Menschen asiatischer Herkunft von ihren Erfahrungen mit Rassismus im Alltag seit dem Aufkommen des Virus berichteten.

Hätte die aktuelle Krankheit statt "Covid-19" einen anderen Namen mit Bezug zur Stadt Wuhan erhalten, hätte dies die dort lebenden Menschen "massiv stigmatisiert, obwohl sie Opfer sind", sagte Wendy Parmet dem Magazin "Time". Sie ist Juraprofessorin an der Bostoner Northeastern University und Expertin für öffentliche Gesundheit. "Menschen tendieren dazu, eine Krankheit als eine Eigenart einer bestimmten Gruppe von Menschen aus einer bestimmten Region wahrzunehmen", so Parmet.

Eine derartige Stigmatisierung von Menschen hätte einen weiteren, ganz praktischen Nachteil: "Es ermutigt andere Städte dazu, den Ausbruch einer Seuche nicht zu melden, damit sie nicht ebenfalls mit der Krankheit gleichgesetzt werden", warnt die Forscherin. Das wiederum könnte dazu beitragen, dass sich ein Erreger ungehemmt verbreitet. Und alles nur wegen seines Namens. Ghebreyesus sieht in der Vergabe des Namens "Covid-19" daher auch einen Präzedenzfall: "Er liefert uns ein Standardformat, das wir für alle künftigen Coronavirus-Ausbrüche nutzen können."

Quelle: ntv.de