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Grund für erneute Ansteckung? Weitere Corona-Mutation bereitet Sorge

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Womöglich ist die neue Variante in immungeschwächten Patienten entstanden.

(Foto: imago images/Panthermedia)

Eine zuvor in Südafrika aufgetauchte Variante von Sars-CoV-2 wird erstmals auch in Deutschland nachgewiesen. Sie weist dieselbe Mutation wie das Virus B.1.1.7 auf, das in Großbritannien entdeckt wurde. Doch noch eine weitere Mutation bereitet Forschern Kopfzerbrechen.

Neue Varianten von Sars-CoV-2 tauchen in den vergangenen Wochen an verschiedenen Orten der Welt auf: nicht nur in Großbritannien, sondern auch in Südafrika und Brasilien. Sie scheinen ansteckender zu sein als das ursprüngliche Virus - und weisen alle die N501Y-Mutation auf. Forscher vermuten, dass sie es den neuen Varianten ermöglicht, besser an menschliche Zellen anzudocken. Für die britische Linie wird angenommen, dass sie bis zu 70 Prozent ansteckender ist als ihr Vorgänger. Doch auch eine andere Mutation macht Forschern Sorgen - sie kommt jedoch nur in Varianten aus Südafrika und Brasilien vor.

Die in Südafrika erstmals aufgetauchte Variante mit dem Namen 501Y.V2 (oder Linie B.1.351) hat in dem Land bereits andere Varianten verdrängt. Experten zufolge könnte dies auf die N501Y-Mutation zurückgehen - durch sie ist das Spike-Protein des Virus chemisch verändert, was dem Erreger die Bindung zu menschlichen Zellen erleichtern könnte. "Es erhöht die Klebrigkeit, wenn man so will", sagte der britische Molekular-Onkologe Lawrence Young gegenüber dem "Telegraph".

Die N501Y-Mutation allein wäre schon Grund genug zur Sorge. Doch die Variante aus Südafrika weist wie auch mehrere Varianten aus Brasilien eine weitere genetische Veränderung auf, die zuletzt in den Fokus geriet: E484K. Auch diese Mutation verändert das Spike-Protein des Erregers. Während eine möglicherweise höhere Übertragbarkeit durch N501Y-Mutation bereits ein Problem darstellt, könnte die E484K-Mutation noch andere, ebenfalls gravierende Folgen haben.

Antikörper "greifen nicht mehr gut"

"Hier gibt es erste Hinweise und Daten, dass das dazu führen könnte, dass diese Mutation neutralisierende Antikörper nicht mehr so gut greifen können", sagte die Frankfurter Virologin Sandra Ciesek im jüngsten NDR-Podcast über E484K. Was diese Sorgen befeuert: Bei einem Experiment in Italien hatten Forscher im Labor dieselbe genetische Veränderung bei Sars-CoV-2 provozieren können. Und zwar, indem sie das Virus dem Druck von Antikörpern eines von Covid-19 Genesenen ausgesetzt hatten.

Nachdem das Virus zunächst zurückgedrängt wurde, mutierte es nach einiger Zeit unter dem Immundruck, um sich dem Zugriff der Antikörper zu entziehen, schreiben die Forscher in einem Preprint. Dabei bildete sich nach 73 Tagen unter anderem die E484K-Mutation heraus. "Wir sehen genau dieselbe Mutation in einem Virus, das entstanden ist in einem Land, wo wir wissen, dass es schon so etwas wie eine Hintergrundimmunität gibt in Südafrika", kommentierte der Berliner Virologe Christian Drosten im NDR-Podcast das Experiment. "Das muss man wirklich ernst nehmen."

Die auf natürliche Weise entstandene E484K-Mutation im Virus aus Südafrika stamme möglicherweise "von immungeschwächten Patienten, deren Immunsystem es schwerer fällt, Infektionen zu unterdrücken", sagte die Bioinformatikerin Houriiyah Tegally der Nachrichtenagentur AFP. In diesen Menschen - den Wirten - könne sich das Virus viel besser vermehren. In Südafrika leben aufgrund der weiten Verbreitung von Aids und Tuberkulose viele immungeschwächte Menschen.

Unwirksam gegen Impfstoffe?

Doch welche Folgen könnte die E484K-Mutation für den Verlauf der Pandemie haben? Laut dem US-Biologen Jason McLellan haben diese und andere genetische Veränderungen möglicherweise Einfluss auf die Wirksamkeit von Impfstoffen - sowie auf den Immunschutz durch frühere Covid-19-Infektionen, sagte er dem Fachmagazin "Nature". Aus Sicht von Virologin Ciesek könnte in der Virusvariante aus Südafrika eine "ungünstige Kombination" von Mutationen vorliegen - die es zum einen ansteckender, zum anderen weniger empfindlich für Antikörper machen könnte.

Auch in einem weiteren Experiment hatten US-Forscher festgestellt, dass E484K es dem Virus ermöglicht, die Wirkung von Antikörpern Genesener erheblich zu reduzieren, wie sie in ihrem Preprint schreiben. Was dies für Folgen haben könnte, zeigen Forscher aus Brasilien in einem weiteren Preprint. Sie beschreiben darin den Fall einer 45-Jährigen, die sich mehrere Monate nach einer überstandenen Covid-19-Erkrankung erneut mit Sars-CoV-2 infiziert hatte. Beim zweiten Mal erkrankte sie sogar noch schwerer. Der Erreger war eine der neuen Coronavirus-Varianten, welche ebenfalls die E484K-Mutation aufwies.

Allerdings gibt es auch Grund zur Hoffnung: Bei den Experimenten in Italien zeigte sich das Coronavirus mit der E484K-Mutation gegen die Antikörper anderer Genesener weniger resistent. Und mit Blick auf die Wirksamkeit von Impfungen betonen Experten, dass die durch Impfstoffe stimulierte Immunreaktion vielschichtig ist - sie besteht aus Antikörpern, die verschiedene Teile des Spike-Proteins attackieren. Zudem sind weitere Teile des Immunsystems beteiligt, wie etwa T-Zellen. Unklar ist, ob Mutationen wie E484K ausreichen, um das Virus resistent gegen eine komplexe Körperabwehr werden zu lassen.

Biontech/Pfizer treffen Vorkehrungen

Dennoch sind die Impfstoffhersteller gewarnt. Biontech kündigte bereits an, bei Bedarf innerhalb von sechs Wochen einen neuen Impfstoff entwickeln zu können, der gegen mutierte Versionen wirkt. Weitere Tests sollen zudem klären, ob der Impfstoff von Biontech/Pfizer auch gegen Viren mit der E484K-Mutation wirksam ist. Immerhin: Laut einem kürzlich erschienenen Preprint kann der Impfstoff BNT162b2 Viren mit der N501Y-Mutation erfolgreich neutralisieren. Auch das US-Unternehmen Moderna testet nach eigener Aussage seinen Corona-Impfstoff auf dessen Wirksamkeit gegen mutierte Coronaviren.

Weltweit ist die Virusvariante mit der E484K-Mutation nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO inzwischen in 20 Ländern nachgewiesen worden. Dazu zählt auch Deutschland, wo eine Infektion mit der Mutation aus Südafrika vom Stuttgarter Sozialministerium vermeldet wurde.

Quelle: ntv.de