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Gefährdetes Naturwunder Wer rettet das Tote Meer?

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Das Tote Meer ist ein beliebtes Touristenziel.

(Foto: imago/CHROMORANGE)

Jahrtausende war das Tote Meer die Gesundheitsquelle der Region. Schon lange warnen Forscher vor seiner Austrocknung. Jährlich sinkt der Spiegel. Eine gemeinsame Nahost-Initiative findet der Regierung gegenüber klare Worte.

Seit Ende der 1970er-Jahre reisen die Schweizer Urs Schneider und Irene Monti jährlich nach Israel. Vor allem wegen ihrer Hauterkrankungen ist für das Paar aus Lugano ein Aufenthalt am Toten Meer ein Muss. "Gleich nach unserem ersten längeren Besuch wurde meine Neurodermitis schwächer," erzählt Schneider. "Zwar kommt die Schuppenflechte nach unserer Heimreise immer wieder zurück, jedoch nicht mehr so stark wie zuvor."

Die Tessiner gehören zu den über 3,5 Millionen Touristen, die jährlich Urlaub im Heiligen Land machen. Davon besuchen mehr als die Hälfte das Tote Meer, das 428 Meter unter dem Meeresspiegel liegt. Trotz dieser Zahlen ist in Zukunft eher mit einem Abwärtstrend zu rechnen, denn das "Salzmeer (hebräisch: Yam ha-Melah)" geht immer weiter zurück und droht in weniger als 50 Jahren ganz auszutrocknen. "Bei unseren ersten Besuchen reichte das Wasser noch bis zur Hauptstraße", erinnert sich Monti.

Versorgt wurde das Tote Meer seit Jahrtausenden durch Regen und den Fluss Jordan, der vom See Genezareth nach Süden fließt. Dieser wurde von Israel nach seiner Staatsgründung 1948 hauptsächlich in die Wüste Negev umgeleitet, um viele Kibbuzim zu bewässern, vor allem aber, um die Wüste zum Blühen zu bringen. Dies führte dazu, dass der Meeresspiegel des "Salzmeeres" in den letzten 70 Jahren um 40 Meter gefallen ist. Doch auch das Königreich Jordanien hat durch die Eindämmung des Flusses Jarmuk - einer Hauptquelle des Jordan - seinen Anteil daran.

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Das Tote Meer trocknet immer weiter aus.

(Foto: Tal Leder)

"Der Rückgang des Toten Meeres ist das größte Umweltdrama der israelischen Ökologie," erklärt Daniel Kurtzman von der landwirtschaftlichen Forschungsorganisation Volcani Center. "Flossen in den 1940er-Jahren noch eine Milliarde Kubikmeter Wasser pro Jahr hinein, beträgt die Flussrate jetzt etwa ein Fünftel davon. Ein Großteil davon ist Salz- und Abwasser, nachdem es in Häusern oder in der Industrie verwendet wurde", erzählt er. Ein weiterer Hauptfaktor ist die Chemieindustrie, genauer gesagt die "Arab Potash Company" auf jordanischer und "Dead Sea Works" (DSW) auf israelischer Seite.

Unternehmen pumpten Wasser weg

In den späten 70er-Jahren wurde das Meer aufgrund seines Rückgangs in zwei Hälften geteilt. Die Unternehmen pumpten Wasser vom tiefen nördlichen zum flachen südlichen Ende des Sees, wo sie Verdunstungsbecken verwendeten, um Mineralien wie Kali, Magnesium und Bromid zu gewinnen. Dies führte dazu, dass der Wasserspiegel jährlich um einen Meter sank.

"Zwar behauptet DSW, dass der Wasserstand im südlichen Teil erhalten blieb, um den Tourismus zu ermöglichen, doch letztlich beschleunigt die Industrie rund um das Meer seine Verdunstung", erklärt Kurtzman. "Da der Wasserstand sinkt, werden auch die Straßen und das Stromnetz beschädigt, was zusätzliche Kosten verursacht. Unser Staat könnte eine Obergrenze einführen, doch daran ist er nicht interessiert."

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Die Salzablagerungen sind typisch für das Tote Meer.

(Foto: Tal Leder)

Die Touristenattraktion Totes Meer ist ein Binnensee ohne Auslässe, was seinen hohen Salzgehalt erklärt. Dieser ist zehn Mal so hoch wie in den Ozeanen. Durch den Wasserrückgang nimmt das Grundwasser seinen Platz im Boden des Sees ein. Dieser unterirdische Prozess verursacht Schlaglöcher an der Oberfläche, von denen es mittlerweile mehr als 5500 gibt.

Experten befürchten, dass ein anhaltender Trend die Gegend um Ein Gedi mit dem einzigartigen Naturpark und der nahe gelegenen Felsenfestung Masada unzugänglich machen könnte. Dies hätte einen Einfluss auf die gesamte Industrie, denn Tourismus und Tausende von Arbeitsplätzen wären bedroht. Statt jedoch in die Infrastruktur zu investieren, finanzierte die Regierung den Bau neuer Hotels.

"Es zeigt, dass wirtschaftliche Interessen über allem stehen", sagt Gidon Bromberg, der israelische Direktor von EcoPeace Middle East, einer israelisch-jordanisch-palästinensischen Umweltorganisation zur Friedenskonsolidierung. Während Regierungsbeamte den Klimawandel sowie jahrzehntelange Dürre beschuldigen, sind Umweltschützer und Wissenschaftler der Ansicht, dass der Schaden größtenteils von Menschen verursacht worden ist. Dies sei wiederum auf die Fahrlässigkeit der Regierung zurückzuführen. "Es ist kein globaler Klimawandel", sagt Bromberg, "sondern eine staatlich lizenzierte Ausbeutung unserer wertvollsten Ressource".

Red-Dead-Projekt auf Eis gelegt

*Datenschutz

An Überlegungen zur Rettung des Meeres mangelte es nicht: Neben Wasserkanälen aus dem Mittelmeer oder einer Wiederbewässerung durch den Jordan gab es eine Reihe weiterer Ideen. 2005 beschlossen Israel, Jordanien und die Palästinensische Autonomiebehörde den Bau einer Pipeline, um Wasser vom Roten ins Tote Meer zu pumpen. Das 400 Millionen Dollar teure "Red-Dead-Projekt" sollte 2018 starten, doch als US-Präsident Donald Trump im selben Jahr seine Botschaft nach Jerusalem verlegte und diese auch gleichzeitig als israelische Hauptstadt anerkannte, wurde das Projekt vonseiten Ammans zunächst auf Eis gelegt.

Bromberg sah das Projekt von Anfang an zum Scheitern verurteilt. "Es wird seinen Rückgang nur verlangsamen. Außerdem könnte das Mischen mit Meerwasser irreparable Folgen für das Ökosystem des Toten Meeres verursachen." Stattdessen schlägt er vor, dass beide Staaten die Wassermenge für die Mineralgewinnung begrenzen und für das Abpumpen eine Gebühr erheben. "Es ist fast so, als ob die Regierung die Industrie und nicht die Umwelt repräsentiert", sagt er. "Wenn alles nur dem Profit dient, dann muss dafür bezahlt werden. Dies würde einen Anreiz geben, in wassersparende Technologien zu investieren." Andere wiederum sehen das multilaterale Projekt sogar als Chance, Frieden und Stabilität in einen unberechenbaren Nahen Osten zu bringen.

Das Schweizer Ehepaar hofft, dass dem Toten Meer nicht das gleiche Schicksal widerfährt wie dem fast ausgetrockneten See Urmia im Iran. "Seit 1979 kommen wir jetzt hierher und sehen jährlich sein Austrocknen," erzählt Schneider. Für beide ist es ein Naturwunder, das für die gesamte Menschheit erhalten werden muss. "Bei allem Respekt, doch es ist wie beim Kulturgut Notre Dame: Einige Tage nach dem Brand kam sofort eine Milliardensumme zur Restaurierung zusammen. Für ein nachhaltiges Projekt sollte dies auch zur Rettung des Toten Meeres möglich sein."

Quelle: n-tv.de

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