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Extrem seltenes Phänomen Wie ein Corona-Impfstoff tödlich werden könnte

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Noch ist offen, ob die schweren Zwischenfälle tatsächlich auf den Astrazeneca-Impfstoff zurückgehen.

(Foto: imago images/Lagencia)

Nach tödlichen Zwischenfällen in Zusammenhang mit dem Corona-Impfstoff von Astrazeneca bleibt die Frage: Könnte ein Impfstoff tatsächlich so schwere Nebenwirkungen auslösen? Und wenn ja, wie? ntv.de hat nachgefragt bei dem Arzt Dr. Christoph Specht.

Deutschland in der Impf-Schockstarre: In sieben Fällen sind nach Impfungen mit dem Corona-Vakzin von Astrazeneca schwere Nebenwirkungen aufgetreten, drei der Betroffenen starben. Noch ist nicht geklärt, ob tatsächlich ein Zusammenhang zum Impfstoff besteht - dennoch wurden als Vorsichtsmaßnahme die Impfungen deutschlandweit gestoppt. Das für die Sicherheit von Impfstoffen zuständige Paul-Ehrlich-Institut (PEI) spricht von einer "auffälligen Häufung" von eigentlich sehr seltenen Fällen. Worum handelt es sich dabei - und wie kann ein Impfstoff so etwas auslösen?

Den Experten des PEI war eine Häufung von seltenen Hirnvenenthrombosen aufgefallen, sogenannten Sinusvenenthrombosen. Es handelt sich dabei um Blutgerinnseln in Venen, die Blut aus dem Gehirn abführen. Symptome können Kopfschmerzen, aber auch epileptische Anfälle, Lähmungen oder Sprachstörungen sein. In der Regel sind vor allem Frauen unter 50 Jahren von Sinusvenenthrombosen betroffen. Etwa jeder fünfte Patient stirbt daran oder bleibt alltagsrelevant behindert.

Was die aktuellen Zwischenfälle jedoch außergewöhnlich macht: Die Hirnvenenthrombose trat zugleich mit Blutungen unter der Haut im Rahmen einer Thrombozytopenie, also einem Mangel an Blutplättchen auf. "Das hört sich zunächst wie ein Widerspruch an", sagt Arzt und Medizinjournalist Dr. Christoph Sprecht zu ntv.de. "In diesen Fällen ist es aber offenbar so, dass die Blutplättchen, also die Thrombozyten, bei den Betroffenen übermäßig aktiviert wurden." Dadurch bilden sich zum einen Blutgerinnsel, welche Venen verstopfen können. Gleichzeitig nimmt der Anteil der Blutplättchen im Blut stark ab, was wiederum "flohstichartige Blutungen unter der Haut" zur Folge haben könne.

Seltene Kombination von Symptomen

Es handelt sich um eine extrem seltene Kombination von Symptomen: "So etwas taucht in Deutschland im Rahmen einer Sinusvenenthrombose etwa 50 bis 60 Mal pro Jahr auf", sagt Specht. Dass, wie vom PEI gemeldet, gleich sieben Fälle in zeitlicher Nähe zu einer Impfung festgestellt wurden, sei daher auffällig und müsse genau untersucht werden, so der Mediziner.

Aber wie könnte eine Impfung diese in Kombination extrem seltenen Symptome auslösen? "Bisher weiß man das noch nicht, aber es gibt eine Hypothese", sagt Mediziner Specht. Denn das Ganze habe Ähnlichkeit mit einem anderen medizinischen Befund, dem Heparininduzierten Thrombozytopeniesyndrom (HIT). Dieses werde in seltenen Fällen durch die Gabe von Heparin ausgelöst, einem Gerinnungshemmer, der eigentlich zur Behandlung von Thrombosen eingesetzt wird. Erneut ein scheinbar paradoxer Zusammenhang.

"Eine wichtige Rolle spielen bei HIT bestimmte Antikörper, die gegen das Heparin in Verbindung mit einem anderen Protein namens PF4 gebildet werden", so Specht. Dadurch würden Blutplättchen übermäßig aktiviert, die dann verklumpen und eine Thrombose hervorrufen können. Aber: "Bei der Impfung war kein Heparin im Spiel", betont der Mediziner. "Denkbar ist jedoch, dass durch den Impfstoff in seltenen Fällen Antikörper gebildet werden, die zufällig auch an das Protein PF4 binden." Der Effekt wäre dann ähnlich wie bei HIT. Specht hält dies für eine "plausible Hypothese".

Seltene Nebenwirkungen fallen erst später auf

Doch noch ist nicht abschließend geklärt, ob der Impfstoff tatsächlich der Auslöser für die Zwischenfälle ist. Als nächstes prüft die europäische Arzneimittelbehörde (EMA) die Sache. Sobald die wissenschaftlichen Untersuchungen abgeschlossen sind, wird die Europäische Arzneimittelagentur eine abschließende Bewertung des Nutzen-Risiko-Profils des Impfstoffs vornehmen und entscheiden, ob die Zulassung weiter Bestand hat. Ihr Sicherheitsausschuss will am Donnerstag entscheiden, wie die EMA mitteilte.

Dabei hatte die Behörde Ende Januar schon einmal grünes Licht für eine Zulassung des Astrazeneca-Impfstoffs gegeben - basierend auf den Daten aus klinischen Studien mit Zehntausenden Probanden. Diese ergaben zwar Nebenwirkungen wie Fieber, Kopfschmerzen oder Muskelschmerzen, diese waren zumeist jedoch leicht. Sehr seltene Nebenwirkungen von Impfstoffen treten in der Regel aber erst dann zutage, wenn ein Vakzin an Millionen Menschen verteilt worden ist - wie es beim Corona-Impfstoff von Astrazeneca mittlerweile der Fall ist.

Damit stellt sich aber die Frage: Warum ist das Problem nicht auch in Großbritannien aufgetreten? In diesem Fall kann man bei elf Millionen Impfungen und bisher drei gemeldeten Sinusvenenthrombosen ganz sicher sagen, dass dort keine besondere Häufung besteht. PEI-Chef Klaus Cichutek sagte in der ARD dazu, dass dort der Fokus bisher nicht speziell darauf gerichtet gewesen sei. Bisher sind aus anderen europäischen Ländern drei Todesfälle in zeitlichem Zusammenhang mit dem Impfstoff bekannt: je einer in Dänemark und Norwegen - in Österreich starb eine junge Krankenschwester an den Folgen einer schweren Gerinnungsstörung.

Quelle: ntv.de

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