Tödliches Virus von KreuzfahrtschiffWie hoch ist das Epidemie-Risiko für Europa?

Der Hantavirus-Ausbruch auf der "Hondius" bringt Unsicherheit. Jetzt steht fest, dass es sich um den besonders gefährlichen Andes-Typ handelt - das einzige Hantavirus, das auch zwischen Menschen übertragen werden kann. Experten äußern sich nun zum Risiko eines größeren Ausbruchs.
Es ist ein Befund, den Fachleute befürchtet hatten: Bei Erkrankten von Bord der "Hondius" haben südafrikanische Gesundheitsbehörden den Andes-Typ des Hantavirus nachgewiesen. Bei einem britischen Patienten, der auf der Intensivstation einer Klinik in Johannesburg behandelt wird, fanden Forscher des Instituts für Infektionskrankheiten den Erreger. Daraufhin wurde auch eine niederländische Patientin getestet, die mittlerweile verstorben ist.
Bislang sind drei Passagiere des Kreuzfahrtschiffes gestorben: ein älteres niederländisches Ehepaar und eine Frau aus Deutschland. Die Weltgesundheitsorganisation geht von insgesamt sieben Erkrankungsfällen, darunter auch der Schiffsarzt, aus. Das niederländische Ehepaar war vor der Reise durch Südamerika gereist, bevor es am 1. April an Bord ging.
Hantaviren werden normalerweise über die Ausscheidungen von Nagetieren auf Menschen übertragen - eingeatmeter Staub aus Urin, Kot oder Speichel infizierter Mäuse oder Ratten. Das Andes-Virus hingegen ist eine Ausnahme. Es kann auch von Mensch zu Mensch weitergegeben werden. Doch wie genau passiert das? Und wie groß ist die Gefahr für andere?
Genaue Übertragung "noch nicht geklärt"
Unter den mehr als 38 bekannten Hantaviren nimmt der Andes-Typ eine Sonderstellung ein. "Es ist das einzige Hantavirus, bei dem begrenzte Mensch-zu-Mensch-Übertragungen überzeugend beschrieben wurden", sagt Jonas Schmidt-Chanasit, Leiter der Abteilung Arbovirologie am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg. Damit werde die Hypothese einer solchen Übertragung an Bord plausibler - bewiesen sei sie damit allerdings noch nicht.
Wer sich mit dem Andes-Virus ansteckt, tut das in der Regel nicht beim flüchtigen Vorbeigehen. "Die Übertragung zwischen Menschen scheint vor allem bei engem Kontakt zu Erkrankten möglich zu sein, etwa über Speichel oder Atemwegssekrete im Nahbereich", erklärt Roman Wölfel, Leiter des Instituts für Mikrobiologie der Bundeswehr in München. Der genaue Mechanismus sei wissenschaftlich jedoch nicht vollständig geklärt. Diskutiert würden direkter Kontakt mit infektiösen Sekreten, größere Tröpfchen auf kurze Distanz und - unter bestimmten Umständen - auch Aerosole, etwa bei medizinischen Eingriffen.
Wobei sich die Experten einig sind - dieser Krankheitserreger verbreitet sich nicht wie eine Erkältung. "Das Andes-Virus verhält sich nicht wie SARS-CoV-2. Es breitet sich nach bisherigem Wissen nicht effizient über flüchtige Alltagskontakte in der Bevölkerung aus", betont Schmidt-Chanasit. Übertragungen seien bisher fast ausschließlich im engsten Umfeld bekannt: zwischen Paaren, in Familien, bei der häuslichen Pflege oder in der medizinischen Versorgung. Eine Fernübertragung, etwa über Lüftungssysteme ist laut Mediziner Wölfel nicht als typisches Muster beschrieben worden.
Das Virus sei nicht mit hochansteckenden Erregern wie Masern zu vergleichen, betont auch Roland Schwarzer vom Universitätsklinikum Essen. Er mahnt deshalb auch zur Vorsicht bei der Bewertung des aktuellen Falls: Aus den öffentlich verfügbaren Informationen lasse sich nicht ableiten, ob die Infektionen tatsächlich von Mensch zu Mensch entstanden seien. Möglich sei auch, dass sich mehrere Passagiere an einer gemeinsamen Quelle in Südamerika angesteckt haben - etwa an Nagetier-Ausscheidungen während der Vorreise.
Heimische Hantaviren springen nicht von Mensch zu Mensch
Beruhigend für Menschen in Deutschland: Die hier heimischen Hantaviren - vor allem Puumala- und Dobrava-Belgrad-Viren - können zwar Nierenerkrankungen auslösen, sind aber deutlich weniger tödlich als der Andes-Typ. Und: "Für die in Deutschland beziehungsweise Europa vorkommenden Hantaviren wurde keine Mensch-zu-Mensch-Übertragung beobachtet", sagt Virologe Schwarzer. Die aktuelle Aufmerksamkeit für das Andes-Virus dürfe nicht so verstanden werden, dass plötzlich auch von einheimischen Hantaviren ein vergleichbares Risiko ausgehe.
Für die Passagiere und Besatzungsmitglieder der "Hondius" sowie für ihre Kontaktpersonen gilt aus Sicht der Experten: keine Panik, aber konsequentes Handeln. Symptomatische Personen müssten isoliert und medizinisch eng überwacht werden, sagt der Bundeswehr-Mikrobiologe Wölfel.
Statt einer pauschalen Quarantäne für alle empfiehlt Schmidt-Chanasit eine Einteilung in Risikokategorien: Wer einem Erkrankten lange und ungeschützt nah gekommen sei, wie Kabinenpartner, enge Reisebegleiter, Pflegekräfte ohne Schutzausrüstung, müsse besonders sorgfältig überwacht und gegebenenfalls in Quarantäne geschickt werden. Wer einem Patienten dagegen nur kurz und ohne engen Kontakt begegnet sei, trage ein sehr geringes Risiko.
"Kein Anzeichen für neue globale Bedrohung"
Wissenschaftler rechnen durchaus mit weiteren Erkrankungen, aber nicht mit einer Hantavirus-Welle. "Ein begrenztes Cluster mit einzelnen weiteren Fällen unter engen Kontaktpersonen ist wahrscheinlicher als eine große epidemische Welle", sagt Wölfel. Mit einer Kombination aus Isolation, Kontaktverfolgung und medizinischer Überwachung sei das Geschehen vergleichsweise gut kontrollierbar. Für die Allgemeinbevölkerung in Europa erscheine das Risiko nach derzeitigem Stand "sehr gering", sagt auch Schwarzer.
Auch Schmidt-Chanasit hält ein größeres Ausbruchsgeschehen in Europa für unwahrscheinlich. Die Lage müsse zwar ernst genommen werden, vor allem wegen der teils schweren Verläufe und der hohen Sterblichkeit beim sogenannten Hantavirus-Lungensyndrom. Bei guter Diagnostik und intensivmedizinischer Versorgung sei sie aber beherrschbar.
Martin Eiden, Leiter des Referenzlabors für Hantaviren am Friedrich-Loeffler-Institut auf der Insel Riems, nennt einen weiteren Grund, warum Europa relativ gelassen sein kann: Der natürliche tierische Wirt des Andes-Virus - kleine südamerikanische Reisratten - kommt hier nicht vor. Eine dauerhafte Verbreitung sei dadurch erheblich erschwert, sagt der Veterinärvirologe. Der Vorfall auf der "Hondius" sei aus seiner Sicht "ein seltener und lokal begrenzter Vorfall" und kein Anzeichen für eine neue globale Bedrohung.