Wissen

Arbeit an solider Datenbasis Wie wirkt sich Covid-19 auf Schwangere aus?

imago0099948491h.jpg

Schwangere sollten sich auch in Corona-Zeiten über ihre Schwangerschaft freuen.

(Foto: imago images/ZUMA Wire)

Im April starb eine 41-jährige Schwangere, die sich mit Sars-CoV-2 infiziert hatte. Dramatische Verläufe wie dieser sind Medizinern zufolge extrem selten. Noch liegt jedoch im Dunkeln, warum sich in einigen wenigen Fällen der Zustand schwangerer Patientinnen so rasant verschlechtert.

Noch sind das Coronavirus und seine Wirkung auf den Verlauf einer Schwangerschaft kaum erforscht, die Datenlage dazu dürftig. Vor wenigen Wochen machte der Fall einer 41-Jährigen Schlagzeilen, deren Zustand sich nach einem Notkaiserschnitt im Klinikum Weiden rasant verschlechterte. Die Unternehmerin aus der Oberpfalz wurde in das Uniklinikum Erlangen verlegt, wo sie an den Folgen einer Corona-Infektion verstarb. Wenige Tage zuvor wurde ihr Baby mit Not-Kaiserschnitt gerettet. "Fälle, die so dramatisch verlaufen, sind unglückliche Einzelfälle. Die meisten der schwangeren Frauen, die Covid-Infektionen haben, kommen glimpflich davon", sagt Matthias Beckmann, Direktor der Erlanger Frauenklinik. Er zählt zu den renommiertesten Gynäkologen Deutschlands.

Woran es liegen könnte, dass der Großteil der Infektionen mit Covid-19 in der Schwangerschaft mild verläuft, in einigen wenigen Fällen eine Erkrankung jedoch zum Tod führt, ist unklar. "Natürlich gibt es Faktoren wie das Alter der Mutter, Vorerkrankungen der Lunge, Diabetes et cetera, welche die Prognose verschlechtern. An der Uniklinik in Erlangen hatten wir bislang zwei Patientinnen, die sich mit Covid-19 infiziert hatten und schwer erkrankt waren", erzählt Beckmann aus der Praxis. "In beiden Fällen sind wir ähnlich vorgegangen, eine ist jetzt zu Hause und wohlauf, die andere verstorben. Wir wissen noch lange nicht genau, woran es liegt, dass sich in einigen wenigen Fällen der Zustand schwangerer Patientinnen so rasant verschlechtert."

Beckmann ist einer der Autoren des Papers "Sars-CoV-2-Infektion in der Schwangerschaft", erschienen in der Fachzeitschrift "Geburtshilfe und Frauenheilkunde". In der Publikation wurden Daten von 18 Schwangeren aus Wuhan und Hubei in China berücksichtigt. "Das sind die einzigen Daten, die wir haben", sagt Beckmann. Das Paper vergleicht 18 Fälle von Infektionen mit Covid-19 in der Schwangerschaft mit Krankheitsverläufen von Infektionen mit den schon bekannten Coronaviren Sars-CoV und Mers-CoV. Bei Covid-19-Patientinnen steige demnach das Risiko für vorzeitige Wehen, so das Ergebnis der Analyse.

Keine Hinweise auf Übertragung aufs Kind

"Zum aktuellen Zeitpunkt kann man annehmen, dass eine Schwangerschaft den Verlauf einer Covid-19-Erkrankung verkomplizieren kann und mit einer höheren Mortalität assoziiert sein könnte, jedoch bei Weitem nicht so stark wie bei Mers oder Sars", so das Fazit des Papers. Es sei aber unwahrscheinlich, dass die Viren während der Schwangerschaft oder durch die Muttermilch auf das Kind übertragen werden. Dennoch müsse man mit Schlussfolgerungen derzeit noch sehr vorsichtig sein, denn die Datenlage sei sehr begrenzt, so Beckmann.

"Ich halte es für wichtig, nicht so zu tun, als wisse man alles. Gerade jetzt ist es elementar, sein Handeln als Mediziner kritisch zu hinterfragen und im Team mit Kollegen aus der Intensivmedizin, Kardiologie, Pulmologie, Neonatologie und anderen Fachbereichen zusammenzuarbeiten, um so möglichst individuell auf die Patientinnen eingehen zu können", sagt er. Es gebe viele Fragen, in denen selbst erfahrene Mediziner noch gar keine Antwort haben können, da der Erreger so neu und Erfahrungswerte noch gering sind. "Zum Beispiel ist die Entscheidung, wann man intubiert, keine einfache - bei Covid-19 wird häufig über einen langen Zeitraum beatmet, was ebenfalls gewisse Risiken für die Schwangerschaftsentwicklung birgt. In manchen Fällen ist eine Sauerstoffmaske vielleicht auch möglich, weil die Patientin so ansprechbar bleibt und das Monitoring besser funktioniert", sagt Beckmann.

Spontane Geburt und Sars-Cov-2-Infektion

Und wie sieht es unter der Geburt aus? Ist eine vaginale Geburt auch bei einer Infektion mit Corona noch möglich? Nur 2 der 18 in der Analyse untersuchten Frauen brachten ihr Kind spontan auf die Welt - dies liege aber vor allem an der generell deutlich höheren Sectio-Rate in China. In Deutschland rät die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe nicht pauschal zu einem Kaiserschnitt bei Frauen, die sich mit Sars-CoV-2 infiziert haben. "Grundsätzlich streben wir immer eine vaginale Geburt an, es sei denn, die Frau bekommt aufgrund der Lungenerkrankung unter der Geburt schlecht Luft", sagt Michael Abou-Dakn, der Direktor der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe des Berliner St.-Joseph-Krankenhauses, der geburtenstärksten Klinik in Deutschland, wo es bislang keinen einzigen solchen Fall gab.

Er betont, dass Schwangere sich von den Nachrichten zum Coronavirus nicht zu sehr verunsichern lassen und sich weiterhin über ihre Schwangerschaft freuen sollten. "Das Virus ist bei Schwangeren nicht aggressiver als bei Nicht-Schwangeren, im Gegensatz zu Infektionen mit Sars und Mers werden sie auch nicht häufiger beatmet", sagt Abou-Dakn. Wie Beckmann schätzt auch er die Gefahr von ernsthaften Komplikationen als extrem selten ein.

In Erlangen arbeitet man derzeit daran, neue Daten zu erfassen, die etwas Licht ins Dunkel bringen könnten. "Derzeit testen wir unter Studienbedingungen alle Frauen, die zu uns kommen, auf das Virus sowie Antikörper. Wir erwarten, dass wir in drei Monaten eine solide Datenbasis zu realen Infektionsraten bei Schwangeren haben", so Beckmann.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen