Wildtierexperte im InterviewWann ein Wolf einen Menschen attackiert

Ein Wolf in der Hamburger Innenstadt ist schon für sich genommen ein Ausnahmefall. Dass das Tier dort einen Menschen angegriffen hat, bevor er eingefangen wurde, ist nach Einschätzung von Andreas Kinser von der Deutschen Wildtier Stiftung ein historisch seltener Vorgang. Im Interview mit ntv.de erklärt der Wildtierexperte, wie es dazu kommen konnte, warum junge Wölfe in Städte geraten können - und warum aus einem spektakulären Einzelfall noch keine neue Wolfsrealität folgt.
ntv.de: Herr Kinser, wie außergewöhnlich ist dieser Fall aus Sicht eines Wildtierexperten?
Andreas Kinser: Absolut außergewöhnlich. Schon dass sich ein junger Wolf bis in die Hamburger Innenstadt verirrt, ist ungewöhnlich genug, hat aber noch eine gewisse Plausibilität. Der Angriff ist der Punkt, der den Fall wirklich extrem eigenartig macht. Im Grunde ist das der erste wirklich belegte Wolfsangriff dieser Art seit der Rückkehr der Art nach Deutschland Anfang der 2000er Jahre.
Dass ein Wolf in einer Großstadt auftaucht, ist also noch erklärbar?
Ja. Gerade junge Wölfe sind sehr neugierig. Dazu kommt: Ein Tier kann unter Druck geraten, sich auf der Flucht immer weiter in ungewohnte Räume bewegen und plötzlich in einer Stadt landen, aus der es dann nicht mehr herausfindet. Das ist sehr selten, aber es ist möglich. Nicht erklärbar wäre dagegen unter normalen Umständen ein echter Angriff auf einen Menschen.
Das Tier hatte sich offenbar in eine Einkaufspassage verirrt und war dort gefangen. Die Frau wollte ihm helfen, daraufhin biss der Wolf zu. Was bringt Wölfe dazu, einen Menschen anzugreifen?
Ganz klar: Das Tier fühlte sich extrem in die Enge getrieben oder massiv bedroht und ist dann in eine Art panische Flucht nach vorn gegangen. Der Angriff war also eine Reaktion auf eine für ihn scheinbar ausweglose Situation.
Wie wahrscheinlich ist es aus Ihrer Sicht, dass es ein freilebendes Wildtier war?
Es ist nicht völlig auszuschließen, dass ein Tier aus einem Gehege oder aus privater Haltung stammt und dadurch an Menschen gewöhnt oder auf Menschen konditioniert ist. Dann wären andere Erklärungen möglich, etwa dass das Tier menschliche Nähe anders bewertet als ein wildlebender Wolf. Nach den mir vorliegenden Informationen tendiere ich aber zu der Annahme, dass es ein Wolf aus einer freilebenden Population war. Ich bin aber sehr gespannt, was die genetische Analyse ergibt.
Der Wolf soll auf seiner Flucht sogar in die Binnenalster gesprungen sein. Passt auch das ins Bild eines gestressten Tieres?
Ja, absolut. Vielleicht hoffte das Tier, über das Wasser einen Ausweg aus seiner Lage zu finden. Er wird wahrscheinlich sehr eingeschüchtert gewesen sein. Er begegnete in der Stadt ja überall Menschen - und nicht nur, weil er sie sieht, sondern weil er sie auch überall riecht. Stellen Sie sich das so vor, als ob Sie in eine Wolfshöhle kriechen - sehr beängstigend. Deswegen ist der Sprung in die Binnenalster für mich ein klares Zeichen eines starken Fluchtreflexes. Wahrscheinlich ist es der gleiche Reflex, der zum Biss führte.
Welche anderen Erklärungen außer Stress und Bedrängung kommen außerdem in Betracht? Krankheiten zum Beispiel?
Natürlich gibt es Krankheiten, die Wölfe haben können. Aber schwere Erkrankungen wie Räude (eine durch Milben verursachte Hautkrankheit, Anm. d. Red.) oder Staupe (eine hochansteckende Virusinfektion, Anm. d. Red.) würde man einem Tier in der Regel deutlich ansehen. Ein stark von Räude betroffenes Tier hätte massive Fellschäden und würde sehr auffällig wirken. Nach dem, was bisher bekannt ist, ist der Wolf aber nicht so beschrieben worden. Zudem waren historisch die wenigen bestätigten Wolfsübergriffe auf Menschen meist mit Tollwut verbunden - und die spielt bei uns zum Glück seit langer Zeit praktisch keine Rolle mehr. Deshalb bleibt für mich als plausibelste Erklärung vor allem eine extreme Stress- und Bedrängungssituation.
Könnte auch Futter eine Rolle gespielt haben? Also dass der Wolf auf Essen beispielsweise in der Tasche reagiert hat?
Das wäre denkbar, wenn ein Tier an Menschen oder an Fütterung gewöhnt ist. Dann könnte etwas, das wie ein Angriff wirkt, in Wahrheit die Suche nach Futter in der Tasche sein. Aber auch das würde eher für ein konditioniertes Tier sprechen als für einen normal freilebenden Wolf. Bei einem freilebenden Tier halte ich diese Erklärung für sehr unwahrscheinlich.
Wie schnell lässt sich klären, was das überhaupt für ein Tier war?
Relativ schnell. Wenn Haare oder anderes genetisches Material gesichert wurden, dann kann man per Genprobe sehr viel herausfinden. Die freilebende Wolfspopulation in Deutschland ist genetisch sehr gut dokumentiert. Man kann also ziemlich zügig feststellen, ob das Tier zu den bekannten freilebenden Linien gehört oder ob etwas daran ungewöhnlich ist. Ich würde erwarten, dass man dazu in den nächsten Tagen mehr weiß.
Wird der eingefangene Wolf getötet?
Nein, ich denke und hoffe, dass er schnell wieder freigelassen wird. Wenn das Tier mitten in der Stadt in einer absoluten Notsituation war, dann stellt es künftig mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit keine besondere Gefahr für den Menschen dar. Denn in seinem natürlichen Lebensraum würde es nie in so eine Lage geraten.
… und falls doch?
Angenommen, derselbe Wolf sucht nach seiner Freilassung erneut gezielt und regelmäßig die Nähe zu Menschen - für solche Fälle gibt es inzwischen die rechtlichen Möglichkeiten, problematische Tiere schnell legal zu entnehmen, also zu töten. Aber nach diesem einen Vorfall allein würde ich nicht automatisch den Schluss ziehen, dass das Tier sterben muss.
Was sagt der Fall über den Wolf in Deutschland insgesamt? Müssen Menschen jetzt mehr Angst haben?
Nein, aus einem solchen Einzelfall sollte man keine generelle Gefahr ableiten. Zunächst einmal ist eine Wolfsbegegnung nach wie vor etwas sehr Seltenes. Sollte man dennoch einem Wolf begegnen, ist das erstmal kein Anlass für Panik, sondern in erster Linie etwas ganz Besonderes. Meine Empfehlung: innehalten und staunen. Denn im normalen Fall meiden Wölfe den Menschen.
Und wenn ein Wolf doch mal näher kommt, als einem lieb ist? Wie verhält man sich am besten?
Zuerst einmal: ruhig bleiben. Nicht weglaufen, nicht hektisch werden und das Tier nicht provozieren. Im Regelfall wird sich der Wolf ohnehin zurückziehen, sobald er den Menschen richtig wahrnimmt. Wenn das Tier näher ist oder nicht sofort abdreht, sollte man sich bemerkbar machen: aufrecht hinstellen, sich groß machen, die Arme heben, notfalls auch rufen oder in die Hände klatschen. In allergrößter Wahrscheinlichkeit wird sich der Wolf dann zurückziehen.
Der Wolf hat nicht immer den besten Ruf, vor allem bei Schäfern. Warum ist es aus Ihrer Sicht wichtig, dass der Wolf wieder in Deutschland lebt?
Zuerst einmal ist das eine moralische Frage: Wollen wir Menschen immer entscheiden, welche Tierarten hier vorkommen dürfen und welche nicht? Aus Sicht des Naturschutzes sollte man der Natur auch Raum lassen. Dazu kommt die ökologische Funktion des Wolfes, die Populationen von Rehen und Rothirschen zu begrenzen. Da können wir in Deutschland durchaus Hilfe gebrauchen. Und der Wolf zeigt eben auch, dass unsere Landschaften für große Wildtiere noch geeignet sind.
Mit Andreas Kinser sprach Hedviga Nyarsik