Mittel für gesundes ZahnfleischNeue Zahnpasta stoppt gezielt Parodontitis-Erreger

Bisherige Pasten und Spülungen gegen Zahnfleischentzündungen zerstören oft die gesamte Mundflora. Eine neue Substanz aus deutscher Forschung soll nun gezielt nur gegen die schädlichen Bakterien wirken. Dadurch könnte sich das natürliche Gleichgewicht im Mund wieder stabilisieren.
Fast jeder zweite Erwachsene entwickelt im Laufe seines Lebens eine Parodontitis - eine chronische Entzündung des Zahnfleischs. Hält diese an, kann sie zu Zahnverlust und zum Schwund des Kiefers führen. Darüber hinaus steht Parodontitis im Verdacht, schwere Folgeerkrankungen wie Herz-Kreislauf-Leiden, Diabetes oder sogar Alzheimer zu begünstigen, wie die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KZBV) auf ihrer Website schreibt. Jetzt gibt es einen neuen Ansatz aus der deutschen Forschung, der die Behandlung verändern könnte: eine Zahnpasta, die gezielt nur die schädlichen Keime ausbremst - und die gesunde Mundflora intakt lässt.
Auslöser von Parodontitis sind bestimmte Bakterien des Mikrobioms im Mund, allen voran der Keim Porphyromonas gingivalis. Er heftet sich bevorzugt am Zahnfleischrand an, fördert Entzündungen und kann bei fortschreitender Erkrankung tief ins Gewebe eindringen. Das Problem bisheriger Behandlungen: Viele Zahnpasten und Mundspülungen wirken nach dem Prinzip "alles oder nichts".
Alkohol oder Antiseptika wie Chlorhexidin töten zwar die krank machenden Erreger ab, vernichten aber zugleich auch nützliche Bakterien. Beim Wiederaufbau der Mundflora haben die aggressiven Keime dann oft einen Vorteil - die Entzündung flammt erneut auf und es entsteht ein Teufelskreis. So zeigte etwa eine Studie aus dem Jahr 2020, dass die tägliche Anwendung von etwa Chlorhexidin-Mundspülungen zu signifikanten Veränderungen der bakteriellen Zusammensetzung und Diversität der Mundflora führt.
Genau hier setzt die neue Subtanz an, die Forschende am Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie (IZI) in Halle an der Saale identifiziert haben. "Sie tötet die Gingivitis-Erreger nicht einfach ab, sondern blockiert nur deren Wachstum", sagt Stephan Schilling vom Fraunhofer IZI laut Mitteilung. Dadurch könnten die schädlichen Bakterien ihre krankmachende Wirkung nicht entfalten, während gesunde Mikroorganismen bleiben und das natürliche Gleichgewicht im Mund stabilisieren.
Langer Weg bis zur marktreifen Zahnpasta
Demnach lassen sich so bakterielle Biofilme auf den Zähnen um etwa ein Viertel reduzieren, zugleich sinkt die Aktivität der schädlichen Keime. Auch Entzündungsmarker gehen zurück und das Eindringen der Bakterien in das Zahnfleischgewebe wird gehemmt. Ein wichtiger Vorteil dem Forschungsteam zufolge: Statt das Mikrobiom radikal zu verändern, unterstützt der Wirkstoff dessen natürliche Selbstregulation.
Der Weg vom Labor zur marktreifen Zahnpasta war den Angaben nach allerdings lang. Die Substanz musste nicht nur wirksam sein, sondern auch strenge Sicherheitskriterien erfüllen. Sie darf nicht toxisch wirken, nicht in den Blutkreislauf gelangen und keine Verfärbungen auf den Zähnen verursachen.
Damit die Zahnpasta diesen Anforderungen gerecht wird, haben die Fraunhofer-Forschenden im Jahr 2018 die Firma PerioTrap Pharmaceuticals gegründet. In enger Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer IZI und dem Fraunhofer-Institut für Mikrostruktur von Werkstoffen und Systemen (IMWS) entstand schließlich eine Zahnpasta, die nun auf dem Markt ist. "Wir haben nicht einfach eine gute Zahnpasta mit einer neuen Substanz entwickelt, sondern ein hochwertiges Zahnpflegeprodukt in medizinischer Qualität", betont Schilling.
Die Arbeit der Forschenden geht aber weiter. Für den Einsatz in Zahnarztpraxen entwickeln sie ihren Angaben nach ein Pflegegel, das nach professionellen Zahnreinigungen aufgetragen wird. Es soll die Mundflora stabilisieren und das Zahnfleisch langfristig gesund halten. Auch ein Mundwasser mit dem gleichen Wirkprinzip ist in Arbeit.
Sogar Anwendungen für Haustiere sind denkbar: Da Parodontitis bei Hunden und Katzen ähnliche Ursachen hat wie beim Menschen, könnten auch sie künftig von der gezielten Keimhemmung profitieren.