Politik
Katja Kipping und Bernd Riexinger legen einen Kranz an den Gräbern von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht nieder.
Katja Kipping und Bernd Riexinger legen einen Kranz an den Gräbern von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht nieder.(Foto: dpa)

Ein Besuch bei Rosa und Karl: Gysi ehrt Opfer des Stalinismus, Wagenknecht nicht

Von Hubertus Volmer

Zwei Dinge kann lernen, wer am zweiten Sonntag im Januar zum Berliner Friedhof Friedrichsfelde geht: In Deutschland sind die Linken deutlich traditionsbewusster als die Konservativen. Und sie lieben es, sich gegenseitig zu verachten.

"Na, wegen Karl und Rosa!", sagt der Blumenverkäufer im Berliner U-Bahnhof Lichtenberg. Auf seinem Tisch liegen ausschließlich rote Nelken. Eine Passantin hatte ihn gefragt. Die Dame kommt offensichtlich aus Westdeutschland, von einer "Gedenkstätte der Sozialisten" hat sie noch nie gehört.

Sahra Wagenknecht teilt sich einen Kranz mit der nordrhein-westfälischen Linken-Vorsitzenden Gunhild Böth. Links Oskar Lafontaine.
Sahra Wagenknecht teilt sich einen Kranz mit der nordrhein-westfälischen Linken-Vorsitzenden Gunhild Böth. Links Oskar Lafontaine.(Foto: dpa)

Doch es gibt sie, bereits seit 63 Jahren, auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde in Berlin-Lichtenberg. An jedem zweiten Sonntag im Januar ehrt hier die Linkspartei Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, die beiden Sozialisten, die am 15. Januar 1919 von Soldaten ermordet worden waren. Spätestens ab neun Uhr morgens reißt der Zug der linken Pilger nicht ab. Tausende ziehen vorbei an all den Gruppen und Projekten, die hier ihre Stände aufgebaut haben - die DKP ist da, natürlich die Linkspartei, ein Schallplattenversand, eine linke Buchhandlung, der Freidenker-Verband sowie eine Kaffeebude und ein Bratwurststand, dessen Geruch für Volksfestatmosphäre sorgt. Man kennt sich. "Kampfbereit wie immer", witzelt ein älterer Herr, als er Bekannte begrüßt.

Seit 1990 ruft die Linkspartei zum "stillen Gedenken" an Luxemburg und Liebknecht auf. Fahnen und Plakate seien dabei nicht erwünscht, sagt die Linken-Bundestagsabgeordnete Gesine Lötzsch. In der DDR war das Gedenken alles andere als still: Die greise Staatsführung marschierte geschlossen die Frankfurter Allee hinunter und ließ sich dabei vom Volk bejubeln. Nach der Wende war damit Schluss. Seither legen die Spitzen der PDS beziehungsweise Linkspartei ihre Kränze ohne Brimborium ab. Ein Monopol der Linkspartei ist das Gedenken nicht. "Wir kommen seit Kindertagen her, weil wir das als unsere Pflicht ansehen", sagt ein älterer Mann, der nach eigener Auskunft parteilos ist und mit einem Freund vor der Gedenkstätte steht.

Nelken auch für die Opfer des Stalinismus

Pünktlich um 9.15 Uhr erscheint die Spitze von Linksfraktion und Linkspartei. Als erste legen die Parteivorsitzenden Katja Kipping und Bernd Riexinger einen Kranz nieder, dann Fraktionschef Gregor Gysi zusammen mit Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau. Der dritte Kranz kommt von Gysis Stellvertreterin Sahra Wagenknecht. Hinter ihr steht Oskar Lafontaine. Er war neben Gysi immerhin einer der Gründerväter der Linken. Heute würdigen sich die beiden kaum eines Blickes. Lafontaine ist nur noch Fraktionschef im Saarland. Zur Gedenkstätte kommt er in seiner Funktion als Wagenknechts Lebensgefährte.

Aus Lautsprechern ertönt getragene Klaviermusik, die sich mit den Klängen eines Schalmeien-Orchesters mischt, das vor der Gedenkstätte die "Internationale" spielt. Die Fotografen schießen eifrig Bilder - so viele Linke, die einander in herzhafter Abneigung verbunden sind, bekommen sie nicht täglich auf ein Foto. Erst im Oktober hatte Gysi Wagenknecht als gleichberechtigte Partnerin an der Spitze der Linksfraktion verhindert.

Seit 2006 erinnert ein kleiner Stein auf dem Geländer der "Gedenkstätte der Sozialisten" an die Opfer des Stalinismus.
Seit 2006 erinnert ein kleiner Stein auf dem Geländer der "Gedenkstätte der Sozialisten" an die Opfer des Stalinismus.(Foto: n-tv.de / Hubertus Volmer)

Der Vormittag auf der Gedenkstätte der Sozialisten wird zum Lehrstück für deutsche Geschichte. Hier befinden sich nicht nur die Gräber von Luxemburg und Liebknecht, auch Wilhelm Pieck, Otto Grotewohl und Walter Ulbricht wurden hier beigesetzt. Auch sie bekommen rote Nelken - wobei Grotewohl, der einstmalige Sozialdemokrat und spätere Ministerpräsident der DDR, eher spärlich bedacht wird. Nachdem Gysi, Riexinger, Kipping und Pau ihre Kränze und Nelken niedergelegt haben, gehen sie zum Gedenkstein für die Opfer des Stalinismus, der seit 2006 gegenüber der Grabstelle von Luxemburg und Liebknecht steht. Dort legen sie ebenfalls Nelken nieder. Ein paar Mitglieder der Vereinigung der Opfer des Stalinismus sind gekommen, darunter die frühere CDU-Bundestagsabgeordnete Vera Lengsfeld. Sie verstehen sich als Mahnwache; in früheren Jahren war der Gedenkstein immer wieder bespuckt worden. Außerdem wolle sie darauf aufmerksam machen, dass Gysi 1988 als Anwalt an den Abschiebungen von DDR-Bürgerrechtlern mitgewirkt habe, sagt Lengsfeld.

Die Vorfälle von 1988 stehen in engem Zusammenhang zu "Rosa und Karl". Damals zeigten einige Bürgerrechtler am Rande der offiziellen Demonstration Plakate mit dem Luxemburg-Zitat "Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden". 150 Demonstranten wurden von Stasi und Volkspolizei verhaftet, darunter auch Vera Lengsfeld, die im Februar 1988 aus der DDR nach Großbritannien abgeschoben wurde. "Die Frage, die ich seither an Herrn Gysi habe, ist: Wie kam er dazu, mich im Stasigefängnis Berlin-Hohenschönhausen zu besuchen, obwohl er kein Mandat von mir hatte?", sagt Lengsfeld. "Da bleibt nur ein Auftraggeber."

"Hier trennt sich die Spreu vom Weizen"

Zu einem Wortwechsel zwischen Gysi und Lengsfeld kommt es an diesem Sonntag nicht. Die Nelken der Linken-Politiker liegen einträchtig neben den weißen Rosen, die normalerweise an dieser Stelle niedergelegt werden. "Ich will mal sagen: Rot gefällt mir besser als weiß", sagt eine Frau zu drei Männern, die ebenfalls Nelken an den kleinen Stein für die Opfer des Stalinismus gelegt hatten. Die Männer lächeln - ein bisschen Provokation scheinen sie mit ihren Nelken durchaus beabsichtigt zu haben.

Gysi will sein Gedenken so nicht verstanden wissen. Er appelliere an Konservative und Linke, an die gesamte Gesellschaft, "tolerant miteinander umzugehen", sagt er, nachdem er seine Blumen abgelegt hat. Und er erinnert daran, dass Liebknecht 1914 der einzige Abgeordnete im Reichstag gewesen sei, der gegen die Kriegskredite gestimmt habe. Katja Kipping sagt, dieser Tag sei nicht nur ein Anlass für Kranzniederlegungen, sondern auch dafür, in den Texten von Rosa Luxemburg zu lesen. Ihr gefalle vor allem Luxemburgs Konzept der "revolutionären Realpolitik". Typisch für deutsche Linke: Ihr Traditionsbewusstsein ist deutlich stärker als das von Konservativen.

Wagenknecht und Lafontaine hören weder Gysis Appell für mehr Toleranz noch Kippings Plädoyer für die Verbindung von realistischen Nahzielen und fernen Visionen. Sie sind weitergegangen, ohne die Opfer des Stalinismus zu ehren. "Hier trennt sich die Spreu vom Weizen", raunt der niedersächsische Bundestagsabgeordnete Dieter Dehm ihnen zu, während Gysi, Riexinger, Kipping und Pau zu dem kleinen Gedenkstein gehen. Auch so sind Linke: Am liebsten verachten sie sich gegenseitig.

Quelle: n-tv.de

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