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"Welcome to the Autobahn"Mercedes-AMG GT Viertürer feiert Weltpremiere - das Verrückte wird normal

20.05.2026, 07:52 Uhr Patrick-portraetfotoVon Patrick Broich, Los Angeles
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Das Verkehrszeichen 282 ist im Kontext mit dem Mercedes-AMG GT Viertürer ziemlich oft Thema. In Windeseile beschleunigt der Newcomer auf 300 Sachen. (Foto: Mercedes-AMG)

Noch ein bisschen Bedarf an Superlativen? Dann kommt die Weltpremiere des neuen Mercedes-AMG GT Viertürers vielleicht gerade recht. Was die Schwaben hier auf die Räder gesetzt haben, stellt das Bisherige weit in den Schatten. 

Eigentlich ist es ja so, dass das Verrückte fast normal geworden ist, so ein bisschen jedenfalls. Porsche führt bereits zwei Modelle mit über 1000 PS im Programm, Lucid bietet vierstellige Leistungswerte. Tesla, gut, spielt quasi keine Rolle mehr. Und etliche andere Hersteller kommen mit rund 900 PS um die Ecke. Also, wo ist eigentlich der Aufreger beim Mercedes-AMG GT Viertürer mit 1069 PS im Falle des Topmodells "63"? Tja, dann lass das doch mal aufdröseln.

Zunächst einmal steht außer Frage, dass viele Enthusiasten die Elektromobilität skeptisch beäugen. Aufmerksame Interessierte wissen längst, dass nicht nur Porsche wieder länger an Verbrennern festhalten möchte als ursprünglich geplant. Auch Lotus kommuniziert plötzlich wieder Achtzylinder-Pläne - wohlgemerkt, die Marke, die bald nur noch elektrisch sein wollte. Und Aston Martin hatte sein Vorhaben beerdigt, den Zwölfzylinder zu beerdigen. Totgesagte leben länger und so.

Und mitten in dieses Autofan-Anti-Elektroumfeld platzt jetzt AMG mit einem Hochleistungselektrofahrzeug, das ausgerechnet Hardcore-Enthusiasten abholen soll. Was ist denn da bitte los? Und wie sieht es mit einer Verbrenner-Alternative für dieses Modell aus? Kein Kommentar von Mercedes.

Zugegeben, wer sich allein die technischen Daten auf der Zunge zergehen lässt, merkt schnell: Mit einem Verbrenner wäre es verdammt schwierig, an diese Antriebsgewalt heranzukommen. Denn der Strang der Topvariante leistet ja nicht nur über 1000 Pferdchen, sondern lässt 2000 (!) Newtonmeter Drehmoment auf die Räder los. Die Nachbarn aus Zuffenhausen werden sich wundern. Natürlich muss man angesichts solcher abgedrehten Werte nicht nur fragen, wo das alles hinführen soll, sondern auch, ob selbst vier angetriebene Räder so viel Traktion bieten, um die Power auf die Straße zu bringen. Sagen wir mal so, aus dem Stand nicht - aber rollt der 2,5-Tonner erst einmal, geht viel.

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Das Verkehrszeichen 282 ist im Kontext mit dem Mercedes-AMG GT Viertürer ziemlich oft Thema. In Windeseile beschleunigt der Newcomer auf 300 Sachen. (Foto: Mercedes-AMG)

AMG mit völlig neuem Motorenkonzept

Der im Vergleich zum Vorgänger durchaus evolutionär weiterentwickelte Gran Turismo wuchert mit ziemlich heftigen Fahrleistungen. So rangieren 6,8 Sekunden für den Sprint auf 200 km/h - nicht 100 - schon in der Bugatti-Chiron-Klasse. Der mit 816 PS schwächere "55" erledigt die gleiche Aufgabe innerhalb von neun Sekunden. Also hier ist immer noch von Porsche-Turbo-Level die Rede.

Aber jetzt kommt noch eine weitere Sache dazu, und das unterscheidet diesen elektrischen AMG von seinen bisherigen Wettbewerbern. Er nutzt vom Elektromotorenspezialist Yasa (jetzt im Besitz des Mercedes-Konzerns) entwickelte, sogenannte Axialfluss-Maschinen, bei denen der elektromagnetische Fluss parallel zur Drehachse des Motors läuft. Dadurch entsteht bei kompakter Bauweise eine ziemlich leistungsdichte Powereinheit. Denn die wirksame Kraft sitzt hier weiter außen am Radius, was mehr Drehmoment bei gleichem Leistungseinsatz erzeugt.

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Seitlich betrachtet erkennt man, dass der optische Unterschied zum Vorgänger eigentlich eher evolutionär statt revolutionär ausfällt. Revolutionär sind allerdings die Fahrleistungen des neuen Stromers. (Foto: Mercedes-AMG)

Und dann kommt noch eine effiziente Ölkühlung dazu, fertig ist der nachhaltige Treibsatz. Sagt zumindest AMG, zu überprüfen wäre diese These schließlich erst noch. Allerdings trauen sich die Verantwortlichen, beim "63" immerhin 530 kW Dauerleistung ins Datenblatt zu schreiben, was 721 PS entspricht. Das ist der Wert, der gemäß Zertifizierung eine halbe Stunde lang zur Verfügung steht. Und das ist tatsächlich beachtlich.

Dagegen entspricht der Prospektwert bei Elektrofahrzeugen im Grunde immer bloß dem Leistungspeak. Das ist jedoch kein Problem, denn man muss sich das folgendermaßen vorstellen: Für die maximale Beschleunigung braucht es freilich die maximal mögliche Spitzenleistung - das wären beim Top-GT eben 1069 PS. Aber um die Höchstgeschwindigkeit von 300 km/h bloß zu halten, reicht viel weniger Leistung weit diesseits der 500-kW-Schwelle. Und da auf der Straße nicht permanent beschleunigt wird, langt es, den Peak bloß temporär abrufen zu können.

Heck
Aus der Heckperspektive wird man diesen neuen Mercedes am häufigsten sehen. Vorausgesetzt, das weiße Schild mit den Streifen tauchte vorher auf. (Foto: Mercedes-AMG)

Indes versprechen die AMG-Ingenieure, dass sich selbst das maximale Spurtvermögen dauerhaft reproduzieren lasse. Bis Leistungsverlust einsetze, sei die 106 kWh große Batterie ohnehin leer - eine gute Nachricht für Nordschleifenfans. Das vorangeschickte Concept des Viertürers musste sich bereits im Dauereinsatz auf dem Highspeed-Track in Nardò beweisen, wo man es auf einen achttägigen Dauereinsatz schickte. Soll zur Zufriedenheit der Ingenieure ausgegangen sein.

So schnell wie der GT Viertürer lädt nahezu kein anderes Auto

Batterie ist hier ein gutes Stichwort. In diesem Kontext klettert der 5,09-Meter-Liner eine entscheidende Stufe höher auf der Ladeleiter. So weisen seine technischen Daten jetzt 600 kW Spitzenladeleistung aus. Er könnte zwar sogar ein Megawatt, allerdings würde das wenig Sinn ergeben, weil es derzeit keine entsprechenden Ladestationen gibt. Mercedes selbst sowie Ionity rollen gerade die Alpitronic-Geräte mit 600 kW Power (Hyc1000) für den Einsatz im PKW-Bereich aus, im münsterländischen Werne steht ein solcher Ladepark bereits in Saft und Kraft. Dann reichen gerade einmal elf Minuten, um die Batterie von 10 auf 80 Prozent State of Charge zu bringen. Was wiederum dem konventionellen Tanken ziemlich nahe kommt.

Bei einer ersten Sitzprobe verströmt der neue AMG GT Viertürer so ziemlich die gleichen Vibes wie der Vorgänger (Kontinuität ist ja immer ganz schön) - vor allem mit dem griffigen Mikrofaser-Bezug. Nur dass es jetzt deutlich mehr Display gibt. Ein etwas zum Fahrer hin geneigter Hauptscreen ist demnach gut erreichbar. Freilich läuft jetzt auch MB.OS als Betriebssystem auf dem Monitor, worauf sich die Kunden freuen können.

Innenraum
In puncto Displaymenge kann es der neue AMG GT Viertürer mit den restlichen frischen Konzernmodellen aufnehmen. Der mittlere, zum Fahrer geneigte Screen ist allerdings unique. (Foto: Mercedes-AMG)

Freuen können sich Fondpassagiere auf viel Platz. Auch wenn die flache Silhouette eine Auswirkung auf das Einsteigen haben sollte - also bitte Kopf einziehen -, sitzt man ganz fein. Spezielle Ausbuchtungen schon im Chassis ermöglichen sogenannte Fußgaragen, also Mulden, sodass die Füße tiefer ruhen können. Zusammen mit der ordentlichen Beinfreiheit (3,04 Meter Radstand) wird das Reisen in der zweiten Reihe kommod.

Über den Köpfen findet sich ein elektrisch auf intransparent schaltbares Panoramaglasdach. Es bietet optional zusätzlich noch eine Lichtinszenierung, die vor allem nachts zur Geltung kommt mit den illuminierten AMG-Wappen. Cool oder Kitsch? Entscheiden Sie selbst.

Hightech-Fahrwerk ist gesetzt

Zum Schluss noch die Information für Performancefreunde, dass auch fahrwerksseitig alle Register gezogen wurden. Variable Luftfedern sind die eine Sache - darüber hinaus gibt es on top miteinander verbundene Hydraulikelemente, die Stabilisatoren ersetzen sollen. Und ein variabler Systemdruck ist in der Lage, die Wankrate bei Bedarf zu reduzieren. Außerdem erhöhen sechs Grad Lenkwinkel an der Hinterachse die Agilität sowohl in schnell gefahrenen Kurven bei höherer Geschwindigkeit und beim Parken in der Stadt. Und mehrere aktive Aerodynamik-Elemente fahren je nach Tempo in Stellung, um die Stabilität bei hoher Geschwindigkeit zu verstärken.

Ach ja, die höchste angegebene Peak-Leistung hält das Topmodell analog zur Modellbezeichnung exakt 63 Sekunden lang. Beim "55" sind es 55 Sekunden. In beiden Fällen ist die Höchstgeschwindigkeit dann längst erreicht.

Dass man den neuen Viertürer auf unlimitierten Autobahnen fast nur von hinten sehen wird, macht nichts. Das schwarz abgesetzte Heck mit den runden LED-Leuchten im Sternen-Look erinnert zwar ein bisschen an einen Aston Martin Vanquish, ist aber dank prägnanter Lichtgrafik gut identifizierbar.

Ganz günstig wird der GT-Viertürer-Spaß sicherlich nicht. Sein Preis dürfte sich allerdings am Vorgänger orientieren. Somit wäre man beim Topmodell mit guten 200.000 Euro dabei. Ob der je nach Einstellung mit V8-Sound aus dem Lautsprecher tönende Elektro-Knaller von den Enthusiasten gekauft werden wird, darf als spannende Wette betrachtet werden. Eine Sache ist ziemlich klar: Was der Viertürer an natürlichem Achtzylinder-Bollern einbüßt, macht er mit seinen Fahrdaten mehr als wett. Ob das die Kunden aber genauso sehen, bleibt abzuwarten.

Mercedes drückt die Wichtigkeit dieses technologischen Highlights für den Konzern in einer ziemlich verrückten Präsentationsshow in Los Angeles aus, bei welcher der Protagonist einfach mal über die neue Sixth-Street-Bridge ballert, die der Hersteller schon vor Tagen hat sperren lassen. Dort heißt eine große blaue Tafel die Zuschauer willkommen mit dem Claim "Welcome to the Autobahn" - garniert mit einigen weißen Schildern, dem deutschen Verkehrszeichen 282. Es zeigt das Ende aller Streckenverbote an, kommt diese Tafel, verfügen die Autobahnen in Deutschland über kein Tempolimit. Damit unterstreicht Mercedes-AMG, dass ein großer Express-Tourer durchaus auch mit rein elektrischem Antrieb gelingen kann — 300 km/h fahren darf er aber lediglich in Deutschland.

 

Quelle: ntv.de

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