Elektrisiert der Kleinwagen?VW ID.Polo GTI vorgestellt - nach 50 Jahren lautlos
Von Patrick Broich, Hamburg/Nürburgring
Pünktlich zum 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring enthüllt VW den Polo GTI. Das sportive Mitglied der ID-Reihe weckt mit seinen Leistungsdaten Erinnerungen an den legendären G40 mit Spirallader. Nur, dass er auch ohne Verbrenner mehr Feuer hat.
Na, das musste ja so kommen. Alle Welt (zumindest die Fans) spricht von emotionaler Elektromobilität. Und dann wetzt Volkswagen um die Ecke mit einem nüchtern gezeichneten ID.Polo. Aber! Das reicht noch nicht, um die richtigen Enthusiasten abzuholen. Also gibt es - wie könnte es in Wolfsburg anders sein - eine fetzige GTI-Ausgabe des ID.Polo, der größenmäßig aber längst in einer Liga spielt, die wenige Jahre zuvor noch einer satten Kompaktklasse zur Ehre gereicht hätte. Und die Enthüllung erfolgt gekonnt pointiert 50 Jahre nach dem Debüt des ersten Golf GTI im Jahr 1976. Das war zwar eine andere Klasse, das GTI-Label gab es jedoch vorher noch nicht bei Volkswagen.
Doch eins nach dem anderen. Wer sich dem Polo GTI nähert, entdeckt zunächst mal die ausgefallen gestalteten 19-Zoll-Aluräder mit GTI-Schriftzug in der Mitte auf Wabenmuster. Die Oberfläche entspricht so ziemlich jener des früheren Golf-GTI-Schaltknaufs. Der Golfball eben - wer den begehrten Golf I GTI kennt, weiß, wovon die Rede ist. Und natürlich spendiert Volkswagen auch dem ersten elektrischen GTI den charakteristischen Dachkantenspoiler nebst GTI-Lettern auf Heckdeckel und Schwellern. Worüber ebenfalls nicht mehr diskutiert wird anno 2026, das sind illuminierte Embleme vorn und hinten. Das gestreifte Leuchtband am Heck macht den Kleinwagen zudem ganz schön identifizierbar bei nächtlicher Fahrt.
Und innen? Klar, die ergonomisch sorgfältig ausgeprägten Sportsitze mit typischen GTI-Streifen in klassischen Hausfarben (insbesondere grau und rot) gibt es serienmäßig. Ebenfalls bei der ersten Sitzprobe gleich ins Auge gefallen: Etliche GTI-Schriftzüge und vor allem die roten Lederziernähte im Bereich von Lenkrad, Sitzlehnen und Türbelägen stellen sicher, dass die richtigen Vibes durch den Innenraum wabern.
Ehrlich gesagt, jetzt bekommt man schon ein bisschen Lust, auszuprobieren, wie sich 226 PS auf der Vorderachse anfühlen. Mehr Leistung gab es beim niedersächsischen Kleinwagen in der Vergangenheit nie. Selbst der 2013 aufgelegte Polo R WRC Street liegt mit 220 Pferden darunter. Außerdem nennt das Werk 290 Newtonmeter, die es zu bändigen gilt. Daher haben die Techniker vorsichtshalber schon mal eine mechanische Quersperre mit Lamellenkupplung (elektronisch gesteuert) verbaut, um die Traktion zu optimieren. Gefahren wird aber hier und heute noch nicht - ein bisschen Vorfreude ist ja auch schön.
ID.Polo glänzt mit ordentlichen Fahrleistungen
Dafür darf man bei der Sitzprobe bereits ein bisschen am großen Touchscreen (33 Zentimeter Diagonale) herumspielen. Und neben den historischen Anzeigen analog zu den zivilen Modellen ploppt hier beim GTI ein Laptimer auf, falls es den Besitzer doch mal auf den Track zieht. Immerhin verfügt das obligatorischerweise in der Dämpferhärte verstellbare Chassis des rasanten Polo über einen Dynamikmodus. Und die Fahrwerte können sich sehen lassen. Auf 100 km/h geht es laut Werk in 6,8 Sekunden - davon konnte ein 113 PS starker Polo G40 der frühen Neunzigerjahre nur träumen. Ein bisschen mager allerdings fällt die Topspeed des Neulings aus mit 175 Sachen, während sogar der G40 schon knapp 200 lief und spätere Polo GTI sogar knapp 240 km/h.
Was verbindet den G40 überhaupt mit dem ID.Polo GTI? Er war damals der erste leistungsstarke Polo mit neuartiger Antriebstechnik (Kompressor) und schlug ein neues Kapitel auf, so wie der ID.Polo als erster elektrischer GTI ein neues Kapitel aufschlägt.
Wie viel Energie speichert überhaupt die Nickel-Mangan-Kobalt-Batterie des neumodischen Power-Polo? Mit 52 kWh Nettokapazität fällt der Stromvorrat zumindest für das Segment alltagstauglich aus; so stehen 424 Kilometer WLTP-Reichweite im Datenblatt, damit kann man leben. Fast noch wichtiger allerdings ist das Ladegeschehen. Und hier wählen die Techniker des Volkswagen-Konzerns einen recht konservativen Angang: Die Ladeleistung fällt mit nominalen 105 kW nicht irre hoch aus. Allerdings scheint die Ladekurve mit einem breiten Plateau gesegnet, denn für den Hub von 10 auf 80 Prozent soll der Polo bloß 24 Minuten brauchen.
Zum Schluss noch ein paar Wörter zum Thema Alltagstauglichkeit. So schluckt sein Kofferraum Gepäck im Äquivalent von 441 Litern bei stehender Rücksitzlehne. Das ist in der Tat ein Wert, mit dem selbst Familien im ausgedehnten Urlaub klarkommen würden. Auch die Beinfreiheit im Fond passt dank sauberen Packagings und 2,60 Metern Radstands.
Darüber hinaus erfreut der 1,5 Tonnen schwere Kleinwagen mit Komfort-Annehmlichkeiten, die man sonst eher aus höheren Segmenten kennt. Dazu zählen sicherlich LED-Matrix-Scheinwerfer, Massagesitze, großes Panorama-Glasdach und Soundsystem von Harman/Kardon (übrigens auch schon für die zivilen Varianten zu haben). Assistentenseitig gibt es ab sofort eine Ampelerkennung, sodass der Fronttriebler bei Tempomateinsatz selbsttätig anhält bei Rotlicht.
Und damit der 4,10 Meter lange ID.Polo GTI äußerlich nicht sofort erkennbar wird, falls man eher Understatement schätzt, bietet der Hersteller neben dem klassischen "Tornadorot Uni" plus vier weiteren konventionellen Tönen auch dezente Blauoptionen an, darunter beispielsweise "Celestial Blue Metallic". Als Schnäppchen lässt sich der Top-Polo übrigens kaum bezeichnen - knapp unter 40.000 Euro verlangt der Hersteller. Aber es gibt ja auch verdammt viel Auto dafür.