Kolumnen

Schlechte Zeiten, gute Zeitenlti Quarantäne mit fremder Frau

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In der Corona-Krise bestimmen Einschränkungen den Alltag, katastrophale Nachrichten drücken aufs Gemüt. Dass die Lage trotzdem nicht ausweglos ist, erzählen unsere Kolumnisten mit bewegenden Geschichten, erbauenden Gedanken und Ausblicken, die ein wenig Mut machen.

Zu gerne wüsste ich, was sich die Vögel in diesen Wochen zuzwitschern. Auf mich wirken sie so laut und fröhlich, dass ich ihre gute Laune gar nicht überhören kann - jedenfalls nicht hier, in Berlin-Schöneberg, wo kaum noch Autos durch die Straßen fahren, die Grünflächen leer daliegen und auch keine E-Scooter mehr piepsen. Vor bereits drei Wochen habe ich ohne äußere Zwänge und diagnostische Erfordernisse, aber mit einer (damals noch völlig) fremden Frau die Privatquarantäne begonnen. Als Autor mache ich das nicht zum ersten Mal. Jetzt sind wir praktisch alleine: ich, die Frau und die Vögel.

Jeden Morgen öffnen wir die großen Fenster im Schlafzimmer und schauen aus unserer Belle Etage hinaus auf die noch winternackten Bäume. Die Zweige und Äste wachsen wild durcheinander, während sie sich doch einer inneren Ordnung nach oben folgend in den tiefblauen Frühlingshimmel strecken - als hätte sie der amerikanische Maler Cy Twombly höchstpersönlich gekritzelt. Langsam groovt sich die künstliche Intelligenz von Spotify auch auf die Lage ein. Tag für Tag wird mir bessere Musik vorgeschlagen, heute Morgen etwa Harry Nilssons Weckruf "Gotta Get Up", gefolgt von Mitsuko Uchidas Interpretation des ersten Satzes aus Beethovens viertem Klavierkonzert, gefolgt vom neuesten Lied der Combo The Whitest Boy Alive, das ausgerechnet "Serious" heißt.

Während die Fenster weit offen stehen und der Herr, der sonst über mir wacht und wohnt, in Freiburg festsitzt, liegen wir im Bett und hören schamlos laut Musik. Dabei können wir erleben, wie immer mehr Vögel in den leeren Bäumen gegenüber Platz nehmen. Ich habe mittlerweile keinen Zweifel mehr: Auch sie sind in meinem Spotify-Konto eingeloggt. Auch sie haben ihren Spaß!

Es ist eine herrliche Zeit für alle Menschen, die ihre letzten Möglichkeiten in Freiheit vorausschauend genutzt haben, um am richtigen Ort in der richtigen menschlichen und materiellen Konstellation die Unfreiheit anzutreten. Seien wir ganz ehrlich: Jeder wünscht sich in der Coronakrise Haftbedingungen, die sich Pablo Escobar einst teuer erkaufen musste.

Dabei ist die Dynamik in der Gesellschaft vergleichbar mit der Reise nach Jerusalem. Rund 4 Millionen Berliner, 80 Millionen Deutsche, 250 Millionen Europäer und was weiß ich wie viele Milliarden Menschen spielen gerade dieses Spiel. Jeder sucht einen sicheren Stuhl, gerne auch zum Teilen mit den Liebsten, und alle wissen, dass weder genügend Stühle noch Betten zur Verfügung stehen. In letzter Konsequenz ist das kein schöner, sondern ein sehr ernster Gedanke, besonders zu Beginn des Frühlings, wenn uns die Sonne wieder die ersten wärmenden Strahlen nach Mitteleuropa schickt. Weil viele Mithäftlinge diesen Frühling oder das Jahr nicht überleben werden. Schon als Kind kam mir der Gedanke, dass das Leben in Unfreiheit bei schönem Wetter besonders grausam sein muss. Als Kölner habe ich die vergangenen 46 Jahre in der Gewissheit gelebt, diese Diskrepanz niemals persönlich erfahren zu müssen. DDR und Nazideutschland sind schließlich Geschichte. Und Nordkorea ist weit weg.

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Der Ausblick des Autors.

Nun sind die Straßen und Plätze, die Restaurants und Postfilialen (sofern es sie überhaupt noch gibt) auf einmal so leer, wie ich mir das öffentliche Leben in Nordkorea stets vorgestellt habe. Und ich bin überzeugt, dass es genau das ist, was die Vögel so laut und fröhlich macht - und was sie sich gegenseitig in den Lüften mit weniger als 280 Schnabelschlägen twittern:

Die Menschen sind so anders - sie lassen auf einmal ihre Autos stehen!

Sie liegen in den Betten und hören Musik!

Sie schauen stundenlang aus dem Fenster!

Sie schreien sich nicht mehr auf der Straße an!

Sie hetzen nicht mehr durch ihr Leben!

Sie bauen keine Einkaufszentren mehr, sondern lassen uns in Ruhe unsere Nester bauen!

Sie haben aufgehört, uns mit den Turbinen ihrer Flugzeuge zu schreddern!

Die Kinder werfen nicht mehr mit Sand nach uns!

Wäre ich ein Vogel, ich hätte mir in meinem kurzen Vogelleben einmal die Freiheit genommen, in Nordkorea zu überwintern. Aus reiner Neugier. Andererseits sind Vögeln politische Systeme und Ideologien vollkommen egal. Was für sie zählt, ist frische Luft, die Rücksicht der Menschen und die Freiheit, Grenzen zu überwinden. Während ich in unserer gegenwärtigen Privatquarantäne in den Himmel starre und über die Lage nachdenke, beschließe ich, dass ein kleiner Ausflug in die rheinische Heimat oder ans Mittelmeer auch sehr schön wäre. Demnächst auch gerne zu Fuß oder mit dem Fahrrad! Hauptsache, ich darf in diesem kurzen Menschenleben irgendwann wieder reisen. Es ist unfassbar, das zu schreiben: Die Freiheit, die wir Europäer noch vor wenigen Wochen hatten, erscheint im Moment so unerreichbar wie der alte Traum der Menschen, selbst ein Vogel zu sein. Wenn das keine gute Erkenntnis in schlechten Zeiten ist!

Musikuntermalung zu dieser Kolumne: The Whitest Boy Alive - "Serious"

Quelle: ntv.de