Unterhaltung

Beatles und Minirock, Kubakrise und Konzil 1962 - ein Jahr verändert die Welt

AP6210110299.jpg

Oktober 1962: Papst Johannes XXIII. eröffnet das Zweite Vatikanische Konzil.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Was hat der Minirock mit dem Papst zu tun? Was Nikita Chruschtschow mit den Rolling Stones? Und was verbindet Andy Warhol mit James Bond? Alle spielten im Jahr 1962 eine große Rolle. Es war die Zeit von British Invasion und Pop-Art, von Kennedy und Kaltem Krieg. Vor 50 Jahren hat sich die Welt für immer verändert.

Aggiornamento - Modernisierung. Für Papst Johannes XXIII. ist dies eines der Leitmotive des von ihm einberufenen Zweiten Vatikanischen Konzils. Am 11. Oktober 1962 eröffnet er das Treffen im Petersdom. Das Ziel ist die Erneuerung der katholischen Kirche. Diese ist wohl auch nötig, wenn man bedenkt, dass etwa die Liturgie zuletzt im 16. Jahrhundert reformiert wurde.

AP661115038.jpg

Mary Quant gilt als Erfinderin des Minirocks - und erhält 1966 die Auszeichnung als Member of the Order of the British Empire.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Seitdem hat sich die Welt dann doch etwas verändert. Europa hat die Nachkriegszeit hinter sich gebracht und der Mensch fliegt inzwischen ins All. In den 50er Jahren hat der Rock'n'Roll die Jugend verführt und Marlon Brando und James Dean die Mädchen. Da will sich auch der Vatikan frischer und moderner präsentieren - natürlich unter anderen Vorzeichen: Er will die Gläubigen stärker einbinden und Tridentinische Messe abschaffen. Die Messe soll stattdessen in der Landessprache gehalten werden, der Pfarrer nicht mehr mit dem Rücken zur Gemeinde stehen. Für einige Traditionalisten ist das eine Revolution. Der Vatikan denkt eben in eigenen Kategorien und Zeitläufen. Wissen die Kardinäle eigentlich, was draußen passiert, im Jahr des Konzils?

Marlon Brando im T-Shirt

Da wäre etwa der . 1962 wird er erstmals in der britischen "Vogue" abgebildet. Die Schöpfung von Mary Quant ist ein Skandal - die Gesellschaft und natürlich auch die Kirche gehen auf die Barrikaden. In den folgenden Jahren tritt das knappe Kleidungsstück trotzdem seinen Siegeszug um die ganze Welt an. Der kurze Rock ist Provokation, aber auch Manifestation einer neuen Generation, die sich anschickt, traditionelle Vorstellungen über Bord zu werfen.

AP64010113159.jpg

Die Beatles trugen am Anfang ihrer Karriere noch brav Anzug, Hemd und Krawatte.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Das gilt übrigens auch für das T-Shirt. Das gibt es zwar schon wesentlich länger, doch erst zu Beginn der 60er Jahre wird es auch als Oberbekleidung akzeptabel. Es entwickelt sich zum Kleidungsstück der Jugend, später mit zahlreichen Aufdrucken auch zum Statement. Dazu hat nicht zuletzt Marlon Brando beigetragen, der 1951 im Film "Endstation Sehnsucht" im weißen Shirt rumläuft - bis dahin wurde es fast ausschließlich als Unterwäsche getragen.

Selbst Elvis Presley, der Rebell der 50er Jahre, trat in seinen wilden Jahren im Hemd auf. Anfang der 60er verschwendet das einstige Jugendidol sein Talent allerdings an seichte Hollywood-Filme. Die sogenannte Payola-Affäre über die angebliche Bestechung von DJs durch Plattenfirmen hat den Rock'n'Roll ohnehin in Misskredit gebracht. Als 1959 mit Buddy Holly auch noch einer der vielversprechendsten jungen Musiker stirbt, hat der Rock'n'Roll als Jugendbewegung ausgedient.

Merseybeat und British Invasion

Der Bär steppt nicht mehr in den USA. Es sind junge Musiker in Großbritannien, die sich für Rock'n'Roll und Rhythm & Blues begeistern und diese mit Elementen des Skiffle kombinieren: Der Merseybeat ist geboren.

Am 11. September 1962 - einen Monat vor Eröffnung des Vatikanischen Konzils - fällt der Startschuss zur Revolution. Die Beatles nehmen (vermutlich in Anzug und Hemd) ihre erste Single auf: "Love Me Do". Nach Jahren des Tourens in Liverpooler Clubs und Hamburger Kneipen haben sie ihren ersten Plattenvertrag erhalten. Anfang des Jahres hatte Decca Records sie noch abgelehnt - Rock habe keine Zukunft, hieß es. Die Fab Four, die gerade erst Drummer Ringo Starr in die Band geholt haben, beweisen fortan das Gegenteil. Sie werden die Welt erobern und nach Aussage von John Lennon populärer werden als Jesus - die Kirche fand das nicht sehr lustig.

Während die Beatles also erstmals auf Vinyl erscheinen, haben ihre ewigen Rivalen immerhin schon die Bühnen der Londoner Clubs erobert. Am 12. Juli 1962 bestreiten die ihr erstes Konzert im Marquee. Noch covern sie Songs ihrer Vorbilder aus den USA, doch schon bald wird "(I Can't Get No) Satisfaction" aus den Boxen dröhnen - man ahnt schon, wen das auf die Barrikaden bringt.

Beatles und Rolling Stones sind aber nur der Anfang: In den Folgejahren gründen sich weitere britische Bands wie The Kinks, The Who und die Small Faces, die als British Invasion Europa und Amerika erobern. Die Metropole der neuen Musik heißt - hier wird der Soundtrack der Jugend geboren. Auf der Carnaby Street entstehen Trends und Moden - der Minirock lässt grüßen. "Swinging London" nennt sich das neue Lebensgefühl.

Suppendosen werden Kunst

AP06051001809.jpg

Suppendosen machen Karriere: "Small Torn Campbell's Soup Can (Pepper Pot)" von Andy Warhol, entstanden 1962. Vor einigen Jahren wurde das Werk für 11,7 Millionen Dollar (9 Millionen Euro) versteigert.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Das soll freilich nicht heißen, dass die USA nichts Neues mehr zu bieten hätten. Da wäre zum Beispiel . Dieser hatte bereits als New Yorks bestbezahlter Werbegrafiker und mit seiner "drop and dripping"-Technik auf sich aufmerksam gemacht. Doch Anfang der 60er Jahre beginnt er, sich mit dem Siebdruckverfahren auseinanderzusetzen. Vorlagen aus Comics, Filmen, der Werbung und der Industrie kann er so in vielfachen Variationen zu Kunstwerken machen. 1962 präsentiert er seine neuen Werke in Los Angeles unter dem Titel "Campbell's Soup Cans" - und erntet vor allem Unverständnis. Mehr Erfolg hat Warhol in New York. Dort gründet er 1962 auf einer ehemaligen Fabriketage sein Atelier: "The Factory". Der Ort wird zum Treffpunkt einer ganzen Generation von Künstlern, Warhol zu ihrem Übervater und zur Legende der Pop-Art.

Die neue Kunstrichtung erlebt 1962 auch ihre erste große museale Präsentation: Im kalifornischen Pasadena erregt die Ausstellung "New Painting of Common Objects" große Aufmerksamkeit und beschert Künstlern wie Roy Lichtenstein, Jim Dine und eben Warhol erste kritische Anerkennung. Auch wenn Warhol nicht der Erfinder der Pop-Art ist, so hat seine reihenweise Verwendung von Motiven den Kunstbetrieb doch revolutioniert. Eines seiner berühmtesten Motive ist übrigens . Sie wird nach ihrem frühen Tod am 5. August 1962 neben James Dean zur Ikone einer neuen Filmgeneration.

Nicht nur zur Ikone, sondern gar zum Propheten wird ein gewisser ausgerufen. Der junge Mann aus Minnesota bringt 1962 seine erste Platte heraus. Er benennt sie nach seinem Künstlernamen: "Bob Dylan". Geprägt wird er durch die Beatnik-Bewegung, die im New Yorker Greenwich Village präsent ist, vor allem aber durch die Folkmusik eines Woody Guthrie und Pete Seeger. Entsprechend politisch sind Dylans Lieder, die die gesellschaftliche Stimmung im Land wiedergeben. New York swingt zwar nicht, aber es brodelt - wie die gesamten USA.

Kalter Krieg auf Kuba

Die Bürgerrechtsbewegung erhält permanent Zulauf und wird 1963 mit dem "Marsch auf Washington" ein Zeichen setzen. Noch aber gehören Diskriminierung und Rassentrennung in den Südstaaten zum Alltag. Doch , seit 1960 erster katholischer US-Präsident, ist Hoffnungsträger einer neuen Ära, einer neuen Generation. Seine Jugend und seine Politik reißen etliche Menschen mit, während in Deutschland der 86-jährige Konrad Adenauer im Kanzleramt sitzt. Zum Beispiel kündigt Kennedy an, dass bis zum Ende des Jahrzehnts . Die Schmach, dass die Sowjetunion mit den ersten Menschen ins Weltall geschickt hat, ist groß.

AP050120029934.jpg

Anfang der 60er hat Dylan noch Mundharmonika und Akustikgitarre. Ein paar Jahre später schließt er einen Verstärker an.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Dabei hat Kennedy ganz andere Probleme. Schon in seinem ersten Regierungsjahr 1961 stellt ihn der Kalte Krieg vor große Herausforderungen. Er muss sich mit der auseinandersetzen, mit dem und den zunehmenden Unruhen in Vietnam. Stetig erhöht Kennedy die Militärhilfen für den Süden - .

Zuvor aber wartet 1962 die größte außenpolitische Herausforderung auf Kennedy: Nur wenige Tage, nachdem der Papst das Konzil im Petersdom eröffnet hat, blickt die Welt in den Abgrund, sie steht kurz vor dem Dritten Weltkrieg. Wie US-Aufklärungsflugzeuge am 14. Oktober nachweisen, hat die Sowjetunion Mittelstreckenraketen auf Kuba stationiert - später wird bekannt, dass auch taktische Atombomben dazugehören. Kennedy und seine Berater schwanken: Sollen sie die Provokation hinnehmen, sollen sie mit einem Luftschlag oder gar der Invasion der Insel antworten?

Die Welt schrammt am Atomkrieg vorbei

AP6210220288.jpg

22. Oktober 2962: US-Präsident Kennedy informiert die Öffentlichkeit über die geplante Seeblockade gegen Kuba.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Erst am 22. Oktober geht der Präsident an die Öffentlichkeit. Er hat sich mit seinen Beratern für eine friedlichere Variante, die Seeblockade, entschieden. Trotzdem werden die US-Truppen in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt. Der sowjetische Regierungschef Nikita Chruschtschow verurteilt die Blockade und versichert, die Stationierung der Raketen diene allein der Verteidigung. Immer wieder versuchen sowjetische Schiffe, aber auch mit Atombomben bestückte U-Boote, den Riegel zu durchbrechen. Die US-Marine setzt Granaten ein - nur knapp schrammt die Welt an einem Atomkrieg vorbei.

Die Lage spitzt sich zu, als sich erst ein US-Aufklärungsflugzeug über sowjetischen Luftraum verirrt und später eine US-amerikanische U2 über Kuba abgeschossen wird. Erst am Abend des 27. Oktober, nach einem Geheimtreffen beider Seiten, entscheidet sich Chruschtschow, die Raketen von Kuba abzuziehen. Kennedy verzichtet dafür auf eine Invasion auf Kuba und verspricht auch den Abbau von Raketen in der Türkei. Die Welt kann aufatmen.

Hippies, Woodstock und Punk

Raketen und Geheimdiplomatie - das erinnert natürlich an einen Helden, der - Ironie des Schicksals - kurz vor Ausbruch der Kubakrise das Licht der Filmwelt erblickt: James Bond. Der Brite - auch er eine Ikone der Swinging Sixties - jagt freilich nicht sowjetische Gegenspieler, sondern Dr. No, den Schergen einer weltweiten Verbrecherorganisation. Am 5. Oktober 1962 hat dieses erste Bond-Abenteuer seine Uraufführung. Im Nachhinein ist natürlich erstaunlich, wie naiv im Film mit Atomenergie umgegangen wird.

Atomkrieg und Vatikanisches Konzil, Swinging London und Pop-Art, Beatles und Bob Dylan. 1962 war ein Jahr der Erneuerung, es war in vieler Hinsicht sogar revolutionär. Was damals geschah, prägt uns bis heute. Auch weil sich vieles, das 1962 seinen Ursprung nahm, weiterentwickelt hat. Auf British Invasion und Swinging London folgten Hippies und Woodstock. Minirock und T-Shirt sind heute aus dem Straßenbild nicht mehr wegzudenken - nicht selten im Siebdruckverfahren mit bedruckt. Andy Warhol prägte nicht nur die Kunst und beeinflusst bis heute etwa die "Schön, wenn die Welt bunt wird" , er förderte auch The Velvet Underground, die Vorväter des Punk. James Bond erlebt 2012 seinen 25. Film und Bob Dylan hat gerade ein neues Album herausgebracht.

Und die katholische Kirche? Die hat 2007 Teile der Beschlüsse des Vatikanischen Konzils rückgängig gemacht: Die Der Zauderer auf dem Heiligen Stuhl war eine Forderung der Traditionalisten, denen sich Papst Benedikt XVI. gebeugt hat. Manche Mühlen mahlen eben langsam, aller Modernisierung zum Trotz.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema