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Streetart erobert Wände - und Galerien "Schön, wenn die Welt bunt wird"

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2011: Sokar Uno gestaltet auf dem Fokus Festival in Görlitz ein Graffiti - an dem Projekt ist auch Benuz Guerrero beteiligt.

(Foto: Markus Lippold)

Streetart ist hip. Graffitis, Aufkleber und Skulpturen sind aus dem Straßenbild nicht mehr wegzudenken. "Es ist eben schön, wenn die Welt bunt wird", sagt auch Künstler Sokar Uno im Gespräch mit n-tv.de. Er findet es auch nicht schlimm, dass die Kunst vermehrt von der Straße in die Galerien wandert. Streetart sei ohnehin bereits fester Teil der Popkultur. Das beste Beispiel dafür ist die Kunstmesse Stroke, die jetzt wieder in Berlin stattfindet und zu der auch Sokar Uno eingeladen ist. Dort präsentieren nicht nur Galerien ihre Künstler und Werke, sondern die Besucher können auch live die Entstehung eines Kunstwerks mitverfolgen. Inspirationen gibt es dafür genug, wie Sokar Uno erklärt, er findet sie überall.

n-tv.de: Der Begriff Streetart ist derzeit in aller Munde. Aber was ist Streetart und sehen Sie sich als Streetartist?

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(Foto: Sokar Uno)

Sokar Uno: Ich würde mich selbst eher als Graffiti-Künstler bezeichnen und ich würde Graffiti und Streetart auch nicht gleichsetzen. Alles, was auf der Straße passiert, ist für mich Streetart. Das geht von Arbeiten mit der Sprühdose über Skulpturen und Installationen bis hin zu Musik, die gespielt wird. Ein typischer Streetartist ist für mich der Brite Banksy. Er macht Streetart im wahrsten Sinne des Wortes - Kunst auf der Straße. Er hat eine besondere Ausdrucksform und Aussage. Dazu benutzt er zwar wie Graffiti-Künstler die Sprühdose, aber trotzdem ist beides nicht das Gleiche.

Hat sich in den letzten Jahren die öffentliche Wahrnehmung für Graffiti und Streetart verändert?

Das hat sich klar verbessert. Es gibt mittlerweile auch öffentliche Projekte, bei denen Fassaden und Wände legal gestaltet werden. Und es gibt immer mehr Menschen, die Graffiti und Streetart als Kunst akzeptieren und diese auch fördern. Heute ist Streetart Pop, ein fester Teil der Popkultur, die überall präsent ist. Es ist eben einfach schön, wenn die Welt bunt wird. Das verhilft dieser Kunst und den Künstlern natürlich nochmals zu größerer Anerkennung und sogar Berühmtheit.

Teil dieser Entwicklung ist die "Stroke", die heute wieder im Berliner Postbahnhof ihre Pforten öffnet. Hier wird diese Kunst auch von Galerien präsentiert. Was halten Sie davon?

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(Foto: Markus Lippold)

Ich finde es nicht schlimm, wenn Sachen von der Straße in die Galerien kommen. Teilweise sind es ja ohnehin die gleichen Künstler, die sonst auf der Straße aktiv sind und die nun ihre Werke in Galerien präsentieren. Das entspricht eben der derzeitigen Popularität dieser Kunstrichtung. Auf jeden Fall fühle ich mich geehrt, dass ich von Marco Schwalbe, einem der beiden Organisatoren der Messe, eingeladen wurde.

Die Stroke als Kunstmesse verzichtet bewusst auf den Begriff Streetart. Stattdessen wird von Urban Art gesprochen - zu Recht?

Ich finde den Begriff sehr gut, weil er alles umfasst, was auf der Stroke präsentiert wird. Das ist Kunst, die zwar die Mittel der Streetart aufgreift, aber eben abseits der Straße präsentiert wird.

Allerdings gibt es auch kritische Stimmen, die diese Entwicklung einen Ausverkauf nennen.

Jeder sollte seinen Intentionen folgen und das machen, was ihm Spaß macht. Wenn man auf der Straße bleiben will, kann man auf der Straße bleiben. Wenn Gerhard Richter plötzlich auf der Straße arbeiten will, kann er das ja auch machen. Ich selbst mache ja auch nicht nur Auftragsarbeiten, sondern auch viele freie Arbeiten, ob nun auf Wänden oder auf Leinwänden. Das macht ja gerade die Vielfalt von Streetart aus.

Sie leben heute als freier Künstler in Dresden. Wie kam es dazu und wie haben Sie angefangen?

Eigentlich zeichne ich seit meiner Kindheit. Da wurde ich von meiner Mutter geprägt, die auch viel zeichnete, vor allem Porträts. Als ich in der Schule schreiben lernte, begann ich auch, mit Buchstaben und Schrift zu experimentieren. Schließlich sah ich diese Malerei und Kalligrafie auf der Straße. So entdeckte ich die gesamte Graffiti- und Hip-Hop-Kultur für mich und lernte auch andere Sprayer in meiner Heimatstadt Gotha kennen.

Und mit denen ging es dann auf die Straße?

Ab und zu zog man dann eben los und hinterließ seine Spuren an Brückenpfeilern. Damals war das legale Sprühen, also etwa in Form von Auftragsarbeiten, ja noch weitgehend unbekannt. Es blieb also nur die Straße, wo man sich ausprobieren und austoben konnte.

Und wann wurde es legal?

Nach der Schule machte ich eine Ausbildung zum Technischen Zeichner. Schon im ersten Ausbildungsjahr sagte meine Chefin, dass dieser Beruf eigentlich nichts für mich wäre und ich unbedingt etwas mit Kunst machen müsse. Und so begann ich, Graffitis als Auftragsarbeiten zu sprühen. Damals hatte ich jede Woche irgendwo ein anderes Projekt. Irgendwann schrieb ich dafür auch Rechnungen und meldete mich beim Finanzamt als Freiberufler an. Bis ich meine Ausbildung beendete, lief das aber noch nebenbei.

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(Foto: Markus Lippold)

Haben Sie überlegt, Kunst zu studieren?

Ja, eigentlich wollte ich direkt nach meinem Fachabitur für Gestaltung studieren, das ich in Paderborn gemachte habe. Aber zunächst nahm ich mir eine Auszeit und arbeitete ausschließlich als Freiberufler. Ich malte weiterhin Auftragsarbeiten auf der Straße, gestaltete aber auch schon Leinwände oder unterrichtete in Workshops. Und dabei ist es erst mal geblieben. Studieren möchte ich aber nach wie vor, ich weiß nur noch nicht genau, welches Fach.

Der Übergang in die Selbstständigkeit klingt wie ein Sprung ins kalte Wasser.

Ja, das war es auch irgendwie. Ich denk aber, dass man nicht unbedingt Kunst studiert haben muss, um seinen Stil zu entwickeln. Das hängt immer von der Person selbst ab und wie sehr man sich reinhängt. Ich selbst kann seit drei Jahren davon leben, auch wenn es gerade im Winter ab und zu Durststrecken gibt, weil man nicht draußen arbeiten kann.

Wie würden Sie Ihren Stil beschreiben?

Das ist für mich eigentlich schwer zu umschreiben. Meine Graffitis weisen zum Beispiel Elemente von Comics, Illustrationen und Fotorealismus auf. Anfangs malte ich etwa Fotos mit der Sprühdose ab. Ich wollte aber nicht einfach Kopien anfertigen, denn die Realität eins zu eins wiederzugeben, finde ich eher langweilig. Wichtiger war mir, meine Technik so weit zu entwickeln, bis ich die Proportionen im Schlaf zeichnen konnte. Dann fing ich an, die Anatomie gezielt zu verändern und entwickelte so einen neuen Stil, den ich bis heute habe.

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(Foto: Markus Lippold)

Zum Beispiel die Kunst von Banksy hat immer auch einen gesellschaftskritischen Aspekt. Ist das bei Ihnen auch so, oder steht eher das Künstlerische im Vordergrund?

Ich würde meine Arbeit nicht als gesellschaftskritisch bezeichnen. Ich gehe zwar auf Themen ein und stelle sie illustrativ dar, aber vor allem will ich die Leute zum Lachen bringen, wenn sie meine Bilder sehen. Vielleicht rege ich sie damit ja auch zum Nachdenken an.

Wo finden Sie Ihre Inspirationen?

Überall. Das geht von Musik über alle Formen der Popkultur bis zu Leuten, denen ich auf der Straße begegne und die mich zu einer Figur inspirieren. In erster Linie versuche ich, meine eigenen Erlebnisse und Begegnungen zu verarbeiten.

Ihr aktuelles Projekt, das Sie derzeit in Dresden ausstellen, heißt Matban. Das ist - was unschwer zu erkennen ist - von Batman inspiriert.

Ja, Batman ist sozusagen ein Held meiner Kindheit, ich hatte viele Spielfiguren von ihm. Batman ist Pop, er ist eine coole Figur, weil er kein Superheld ist, sondern ein Mensch, der die Menschen vor dem Bösen bewahren will. In diesem Sinne will ich die Menschen mit den Matban-Werken zum Schmunzeln bringen.

Mit Sokar Uno sprach Markus Lippold.

Die "Stroke - Urban Art Fair" findet bis 16. September im Berliner Postbahnhof am Ostbahnhof statt.

Die Ausstellung "Matban" von Sokar Uno ist noch bis zum 6. Oktober in der Dresdner Galerie Module zu sehen.

Quelle: n-tv.de