VIP VIP, Hurra!Als Chuck Norris noch unsterblich war
Die Promikolumne von Verena Maria Dittrich
Eine Action-Legende stirbt, und für einen Moment flackert eine ganze Kindheit auf. VHS-Kassetten, fliegende Fäuste, eine einfache Welt. Doch kaum ist die Meldung da, ist sie auch schon wieder weg. Was bleibt von Helden in einer Zeit, die nichts mehr festhält?
Wissen Sie, was das Schöne an dieser Kolumne ist: Ich kann so manche Promi-Nachrichten, auf die gefühlt ganz Deutschland aufspringt, in aller Ruhe ignorieren. Und weil es, zumindest gefühlt, dieser Tage nur noch um ein Thema, Empörung und Reichweite geht, schreibe ich über etwas vollkommen anderes. Etwas, das ganz ohne Aufreger auskommt.
Manchmal, bei Preisverleihungen oder am Ende eines Jahres, blicken wir zurück auf alle, die von uns gegangen sind, und ich ertappe mich jedes Mal dabei zu denken: Ach, der ist auch schon gestorben? Oh nein, und diese Schauspielerin lebt ja auch nicht mehr. Das hatte ich schon wieder ganz vergessen, ihr Tod ist völlig an mir vorbeigegangen.
Unsere Medienwelt ist wahnsinnig schnell, aber auch schnelllebig geworden. Weiter, immer weiter, nie stehen bleiben. Meldungen, Artikel, Meinungen. Die Medienlandschaft ist zudem gerade in einem massiven Umbruch, viele Häuser stellen sich neu auf, wer schwächelt, ist raus.
Das Tagesgeschäft in Redaktionen kann knallhart sein. Und an dieser Stelle, lieber Leser, ein kleiner Insider für Sie: Weil die Ressourcen oft begrenzt sind, ist eine gute Planung das A und O. Da schaut man auch schon mal, welcher Promi, ich sag das jetzt ganz schonungslos, nicht nur demnächst ein Jubiläum feiert, sondern vielleicht auch nicht mehr lange leben wird. Und weil Zeit Geld ist, werden Nachrufe nicht selten vorgeschrieben, für den Fall der Fälle. Ich finde das pietätlos. Aber es ist Business as usual. Nicht immer. Aber oft genug, um es zu wissen.
Und dann stirbt wieder jemand, man überfliegt einen Nachruf oder liest nur noch die Überschrift, weil sowieso immer weniger gelesen wird. Es gibt aber auch diese Nachrichten, die man liest und merkt, dass sie einen länger beschäftigen, als man zunächst gedacht hätte. Der Tod von Chuck Norris, der vor wenigen Tagen im Alter von 86 Jahren auf Hawaii gestorben ist, ist für mich so eine Nachricht. Und während die Meldung noch nachhallt, merke ich gleichzeitig, wie sie schon wieder verschwindet. Zwei, drei Tage später fühlt es sich an, als läge sie Wochen zurück, überdeckt von neuen Dramen, neuen Aufregern. Die Zeit vergeht, wie gesagt, immer rasanter, und mit ihr alles, was einmal Bedeutung hatte.
Chuck Norris und der wilde Osten
Der Tod von Chuck Norris berührt mich nicht, weil ich ein großer Fan seiner Person gewesen wäre, sondern weil er Teil einer ganz bestimmten Zeit war. Ich teile weder die politischen Ansichten, die er vertreten hat, noch verkenne ich die Problematik vieler seiner Filme. Und trotzdem lösen sie etwas aus.
90er Jahre. Lausitz, irgendwo zwischen Plattenbau und "Wind of Change". Die Welt sortiert sich neu, und wir stehen mittendrin, ohne schnell genug verarbeiten zu können, was da eigentlich passiert. Die Erwachsenen reden von Chancen, vom Westen, von Freiheit, aber für uns Kinder kommt diese neue Welt durch etwas ganz anderes ins Zimmer, durch klobige schwarze Plastikkassetten; VHS.
Und auf diesen Kassetten sind Männer, die Dinge tun, die bei uns niemand tut. Männer, die nicht diskutieren, sondern handeln. Einer davon: Chuck Norris.
Wir kannten Bud Spencer und Terence Hill, diese wuchtigen, fast schon warmherzigen Haudegen. Aber Chuck Norris war anders. Härter. Ernsthafter. Filme wie "Missing in Action" oder "Delta Force" liefen, und es war völlig egal, ob die Story Sinn ergab oder die Dialoge gut waren, was sie selten waren.
Im Rückblick sind sie oft absurd. Man schaut sie heute und fragt sich, wie das jemals ernst gemeint sein konnte. Diese unverwüstliche Männlichkeit, dieses Schwarz-Weiß-Denken, diese Gewalt ohne Konsequenzen. Und gleichzeitig haben wir es geliebt. Vielleicht auch, weil diese Welt so klar und einfach war. Und irgendwo dazwischen steht dieser Mann, der einmal sogar mit Bruce Lee vor der Kamera stand, in "Way of the Dragon", dieser ikonischen Kolosseum-Szene, die selbst heute noch funktioniert.
Die naive Sicht auf die Welt
Es war eine wilde Zeit, damals, als samstags die Chuck-Norris-Filme liefen. Alles war im Umbruch. Genauso wie heute. Natürlich war es damals nicht besser. Aber anders.
Dinge hatten mehr Zeit, sich abzulegen. Eine VHS-Kassette wurde nicht einmal gesehen, sondern zehnmal. Man kannte jede Szene, jede Bewegung, jeden Schlag. Diese Filme haben ein schlichtes Weltbild transportiert: gut gegen böse, stark gegen schwach, Amerika gegen den Rest. Und ja, das war oft problematisch, manchmal peinlich.
Heute tun wir gern so, als wären wir komplexer geworden. Vielleicht sind wir das auch. Aber wir sind vor allem schneller geworden. Schneller im Urteilen und im Empören. Vor allem schneller im Vergessen. Schwupp, der nächste Skandal und die nächste Sau, die durchs Dorf getrieben wird.
Chuck Norris passt in diese Welt eigentlich gar nicht mehr. Er gehört in eine Zeit, in der Dinge noch Gewicht hatten. In der ein Film, selbst ein schlechter, ein Ereignis war. Und in der ein Held, so überzeichnet er auch war, zumindest für einen Nachmittag das Gefühl geben konnte, dass die Welt irgendwie einfacher ist.
Und vielleicht passt er gerade deshalb doch wieder erstaunlich gut in unsere Zeit. Nicht wegen der Filme, sondern wegen dieser absurden, fast liebevollen Überhöhung, die irgendwann daraus geworden ist: Chuck Norris schläft nicht. Er wartet. Chuck Norris macht keine Liegestütze. Er drückt die Erde nach unten. Diese Witze haben ihn am Ende größer gemacht als seine Filme. Was haben wir gelacht!
So kam mit dem Tod von Chuck Norris auch die Erinnerung an längst vergessene Zeiten, an dieses naive Sich-Hineinziehen-Lassen in eine Welt, die größer war als der eigene Alltag. Und während heute schon wieder die nächsten Themen durch die Timeline rauschen, bleibt für einen kurzen Moment dieses Bild: ein flimmernder Bildschirm an einem Samstagnachmittag, eine Videokassette, die leise zurückspult, und ein Actionheld, der vielleicht nie wirklich groß war, aber für uns genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Das ist, wenn man ehrlich ist, mehr, als man über viele Schlagzeilen von heute sagen kann.