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Die Zukunft von Harry und Meghan Der fünfte Prinz im königlichen Wagen

Macht Prinz Harry einen Fehler, sich mit seiner Kleinfamilie vom britischen Königshaus loszusagen? Immerhin hat er eine glänzende Abdankung inszeniert. Außerdem passt der Abschied herrlich in den Monat des Brexit: Harry verlässt eine Gemeinschaft, die ihm nicht mehr vorteilhaft erscheint.

Die traditionelle und letztendlich einzige Regel für den Nachwuchs und das Sexleben im englischsprachigen Hochadel lautet: "One heir, one to spare". Der Satz ist Ausdruck für die ehelichen Pflichten und für die individuellen Freiheiten durchlauchter Eheleute, wie es heute Prinz William und Prinzessin Kate sind - und wie es vor ihnen Charles und Diana, Elisabeth und Philip und die anderen Ahnen waren. Alles, was ein illustres Paar gemeinsam leisten muss, ist die Zeugung von zwei Kindern: ein Erbe ("heir") und ein Ersatzerbe ("one to spare") - für den Notfall sozusagen, weil man ja nie weiß, was passiert. Danach darf man machen was man will.

"One heir, one to spare" ist das perfekte Destillat aus englischem Pragmatismus und der romantischen Sehnsucht nach einem erfüllten Liebesleben. Keiner steht besser dafür Pate als Prinz Charles: Nachdem er mit Diana die beiden Söhne William und Harry gezeugt hatte, durfte er sich mit ganzem Herzen seiner Jugendliebe Camilla widmen, die seit 2005 seine Frau ist. Diana hat die Geschichte bekanntlich nicht überlebt.

Charles - Zwei Kinder und dann ab zu Camilla

Dass der heute 35-jährige Harry stets seine Probleme damit hatte "the one to spare" zu sein, hat auch mit dem Schicksal seiner Eltern und speziell mit dem seiner Mutter zu tun. In aller Öffentlichkeit hat Harry erst neulich mit seinem Bruder William eingeräumt, wie ihn der tragische Tod der Mutter als 13-Jähriger psychologisch belastete. William, der zwei Jahre älter ist, verkraftete die Situation offenbar besser.

Hinzu kam, dass der rothaarige Harry seit seiner Geburt mit den hartnäckigen Gerüchten leben musste, gar kein leiblicher Sohn von Prinz Charles zu sein, sondern von Dianas zwischenzeitlichem Liebhaber, dem rothaarigen Reitlehrer und Offizier James Hewitt. Die Ähnlichkeit der beiden Männer ist tatsächlich verblüffend. Andererseits hat Hewitt, der die Affäre mit Diana weder bestreitet noch bereut, niemals behauptet, Harry sei sein Sohn.

Solange die beiden Prinzen jung waren, konnte Harry immerhin in der Thronfolge den dritten Platz hinter Vater Charles und Bruder William beanspruchen. Aus dieser Position heraus haben es in der Geschichte schon andere auf den Thron geschafft. So beerbte der stotternde Großvater George VI. - Vater von Elisabeth II. - seinen Bruder David, der als König Edward VIII. im Jahr 1936 abdankte und sich danach mit seiner US-amerikanischen Ehefrau ins Exil verabschiedete.

Mit der Geburt von Williams drei Kindern hat sich Harrys Position seit 2013 in einer Weise verschlechtert, dass der Thron für ihn in unerreichbare Ferne gerückt ist. Aus dem Ersatzprinzen ist mit den Minis George (the "heir") und Louis ("one to spare") gewissermaßen der fünfte Prinz im königlichen Wagen geworden. Und da in der britischen Erbfolge Frauen gleichbehandelt werden, hat sich dazwischen auch noch eine Prinzessin eingereiht: Charlotte. Wer weiß wie viele noch folgen werden?

Harrys größte Leistung - kein zweiter Andrew

Neben einigen militärischen Ehren und vorbildlichen karitativen Einsätzen besteht Harrys größte persönliche Leistung bisher darin, es geschafft zu haben, das Image eines notorischen "Partyprinzen" loszuwerden. Er hatte es sich als junger Mann zugelegt: mit unzähligen Freundinnen, viel Alkohol und skurrilen Auftritten, unter anderem in einer Naziuniform. Die Befürchtungen waren berechtigt, dass er sich ähnlich entwickeln könnte wie der andere Ersatzprinz, Charles' peinlicher Bruder Andrew. Er trieb schon während Harrys Kindheit als "Randy Andy" sein ralliges und notgeiles Unwesen - so dass es einen nur wundern kann, welche Verwunderung Andrew heute noch mit Sexgeschichten auszulösen vermag.

Harry ist hingegen gereift und zu einem Mann geworden, der an seinen Aufgaben gewachsen, an seinen Ängsten nicht zerbrochen und an seiner Position nicht verzweifelt ist. Irgendwann muss ihm aufgefallen sein, dass er für Erben nicht erst zu sorgen und auf seine Liebe nicht zu warten braucht. Er hat sie in seiner Frau Meghan gefunden, einer geschiedenen US-Amerikanerin mit deutschen, irischen und afrikanischen Wurzeln. Gemeinsam haben sie ein Kind, das sie einfach ihren Sohn nennen dürfen - ohne irgendwelche Erbschaftsregeln beachten zu müssen. Es ist eine schöne wie zerbrechliche Position.

Transatlantische Familie mit Vorbildrolle

Aus welchen Gründen auch immer - es ist nicht nur die Berichterstattung in der aggressiven britischen Presse, die Harry und Meghan, dem Herzog und der Herzogin von Sussex, im eigenen Land das Leben schwer macht. Auch die Weihnachtsansprache der Großmutter hat allen gezeigt, dass es Harrys Kleinfamilie nicht mehr auf den Schreibtisch der Königin schaffen wird - neben vier andere Ersatzprinzen und eine Ersatzprinzessin. Unehelicher Enkel oder nicht - schon seit langem sieht es so aus, als gehöre Harry nicht vollkommen dazu. Wann wäre also ein besserer Zeitpunkt, um in eigener Regie zu gehen, als jetzt?

Nach allem, was Harry erlebt hat, und bei allem, was ihm das britische Königshaus in Zukunft noch bieten könnte, hat er sich entschieden, dieser Gemeinschaft den Rücken zu kehren. Er möchte sie verlassen, ohne auf die Vorteile zu verzichten. Man könnte auch sagen: Harry will endlich die Kontrolle über sein Leben und seine eigene Familie übernehmen und ab sofort selbständig die Zusammenarbeit mit dem Rest der Welt verhandeln. Als eine wahrlich transatlantische Familie, die für viele junge Menschen zu einem zeitgemäßen Vorbild geworden und mit digitalen Medien genauso versiert ist wie mit globaler Kommunikation, sollte das gelingen. Und in Zeiten des Brexit sollte diese Strategie selbst bei den Briten auf großes Verständnis stoßen.

Quelle: ntv.de