Dschungelcamp -Tag 4Ariel sprengt das Camp - Moralkeule statt Sterne
Von Verena Maria Dittrich
Moralpredigten, Dauerstreit und eine Entscheidung, die alle leer ausgehen lässt: Unsere Ariel wird an Tag 4 zum "Pitbull". Warum die Schweizerin das ganze Camp gegen sich aufbringt? Tja, sie hat halt ihre "Werte"! Selten war ein Dschungel-Tag so entlarvend.
"Diese Sparte ist sich gerade dezent selbst am Abschaffen", sagt Samira über die Branche Reality-TV und liefert damit, so ganz "random", wie man es heutzutage nennt, den treffendsten Kommentar zu einem Dschungel-Tag, an dem sich diese Diagnose wie ein roter Faden durch das Camp zieht.
Tag 4 ist wie ein Autounfall. Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll bei dieser permanenten Empörung und diesem moralischen Dauerfeuer einer jungen Dame namens Ariel. Vielleicht liegt es daran, dass sie selbst kein eigenes Thema hat, so dass sie sich in nahezu jede Auseinandersetzung einmischt und gefühlt bei jedem Konflikt mit am Tisch sitzt, obwohl sie das alles, um im Dschungelsprech zu bleiben, einen "Scheißdreck" angeht.
In einer Tour stellt sie sich moralisch über andere, tut so, als würde sie für das Publikum sprechen, und sortiert ihre Mitcamper in würdig und unwürdig, "Ehebrecher" und "Verbrecher". Und dann wundert sie sich gleichzeitig aber darüber, dass die Leute von ihr nur noch genervt sind. Schließlich spreche sie ja nur "Fakten" aus.
Schon früh wird klar, dass Ariel diesen Tag wieder einmal als ihre ganz eigene moralische Bühne nutzt. Ein Streit mit Umut beginnt noch vergleichsweise banal, als er sie fragt: "Du eckst gerne an, du brauchst Drama, du liebst das?" Sie lacht höhnisch, nennt ihn "peinlich", wirft ihm "Rassismus" vor, weil er ihren Akzent korrigiert hat.
Sehr schnell steckt man mittendrin in dieser moralischen Grundsatzdebatte, bei der es der 22-Jährigen vor allem um eines zu gehen scheint: maximale Eskalation. Oder wie wir von Walentina Doronina gelernt haben: "Sendezeit".
Moral gilt nur für die anderen
Was die Schweizerin dabei perfekt beherrscht, ist das Umdeuten. Sie dreht den Leuten buchstäblich die Worte im Munde herum und zieht immer wieder die größtmögliche Keule aus ihrem Satzbaukasten der Empörung. Himmel, Herrgott, ist das anstrengend!
Wenn es passt, geht es ihr um Werte und auch um ihre Tochter. Wenn es nicht passt, dann geht es um Schuld. Natürlich nie ihre eigene, sondern immer nur die der anderen: "Ich betrüge meinen Partner nicht vor ganz Deutschland", plärrt sie in Evas Richtung und macht damit klar, dass sie sich selbst konsequent auf die Seite der moralisch Überlegenen stellt, während sie andere öffentlich aburteilt, als wären deren Vergehen das Unmenschlichste überhaupt. Das ist alles so vollkommen überzogen, dass man irgendwann nur noch darüber lachen kann.
Besonders Eva wird an diesem vierten Tag zu ihrer Projektionsfläche. Ariel spricht mit ihr nicht "auf Augenhöhe", weil sie angeblich "oben" und Eva "unten" sei. Erneut nennt sie sie Ehebrecherin und spricht von "Scham" und "Ehre". Eva habe ihr Menschsein praktisch verwirkt. "Ich bin hier wegen mir und nicht, weil ich mit einem verheirateten Mann gebumst habe", schleudert sie ihr entgegen. Dass sie Eva gleichzeitig jedoch als "Schmutz" bezeichnet, scheint im eigenen Wertesystem kein Widerspruch zu sein. Hach ja, auch Moral gilt eben immer nur für die anderen.
Auffällig ist dabei, wie oft Ariel von Selbstreflexion spricht - und wie wenig davon tatsächlich sichtbar wird. Sie sagt, sie habe "sehr viel Selbstreflexion". Hahaha, während sie das Camp spaltet, Fronten aufbaut und jede Form von Widerspruch als Angriff auf ihre Person oder ihre Werte interpretiert.
Samira versucht mehrfach, sie zu bremsen, bittet sie, diese Kämpfe nicht mehr zu führen. Doch Ariel will jede Situation dominieren. Hubert sagt trocken: "Dafür wird sie doch eingekauft, weil sie immer Stunk sucht." Patrick wird noch deutlicher: "Der Beruf von ihr ist Krawall und Remmidemmi."
"Kein Team mit Verbrechern"
Und dann kommt's knüppeldick. Die Dschungelprüfung steht an. Das gesamte Camp hat einen Mordshunger, Gil und Eva wollen alles geben - aber was ist mit Ariel? Sie macht sinnbildlich genau das, was Samira zuvor angesprochen hat, als es um den Zustand von Reality-TV ging, wo alles immer extremer werden muss. Sie "scheißt" rein. "Es tut mir unfassbar leid, aber ich kann mir selbst nicht untreu sein."
Wie bitte? Ja, Sie lesen richtig. Wieder diese Selbstüberhöhung. Sie könne einfach nicht mit Menschen "auf Team machen", die ihre Werte nicht teilen. Ihr Kind wurde ins Spiel gebracht. Eva fleht, bittet: "Ich habe nicht über dein Kind, sondern über deine Werte gesprochen." Es hilft nichts. Auch als Sonja nachfragt, ob sie damit in Kauf nehme, dass alle leer ausgehen und die Camper hungern müssen. Ariel bleibt hart. Mit Gil könne sie sowieso "nicht arbeiten" wegen dessen Vergangenheit. Heißt erneut: null Sterne.
Natürlich sei sie hungrig, aber sie sei vielmehr "stolz" auf ihre Entscheidung, für sich eingestanden zu haben. Weil sie eben nicht mit einem "Verbrecher und einer Ehebrecherin" für das Camp Sterne erspielen möchte.
Hier schließt sich der Kreis zu Samiras Eingangssatz. Wenn Reality sich selbst abschafft, dann nicht durch Skandale, die es immer schon gegeben hat. Sondern wegen Leuten wie Ariel, ihrer eigenen Moral-Logik und ihrem Glauben, die eigene Verantwortungslosigkeit dem Team gegenüber auch noch als Akt der Selbstverwirklichung verkaufen zu wollen. Dazu ihre ständigen Predigten über Werte, während sie gleichzeitig andere ab- und entwertet. Das mag vielleicht gutes Krawall-Fernsehen sein. Schön ist es nicht.
Was sonst noch geschah, ging dabei fast unter. Nicole und Hardy tauschten sich über ihre berühmten Eltern aus, Eva rutschte am Weiher aus, und Simone fühlte sich ein bisschen unverstanden. Doch all das verkam ob der großen selbsternannten moralischen Instanz aus der Schweiz zur Randnotiz.
Fast fragt man sich am Ende, was Ariel wohl zu Ingrid van Bergen gesagt hätte - einer Frau, die ihren Mann erschossen hat, trotzdem Dschungelkönigin wurde und der man nie das Menschsein abgesprochen hat.