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Transgender-Star Laverne Cox "Es stehen Leben auf dem Spiel"

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Laverne Cox ist nicht nur als Schauspielerin erfolgreich, sondern auch politisch aktiv.

(Foto: Netflix)

Sie war schon oft die Erste - die erste Transperson, die für einen Schauspiel-Emmy nominiert war, die erste Transperson in Wachs bei Madame Tussauds. Die einzige bleiben will Laverne Cox nicht. Als Star der Netflix-Serie "Orange Is the New Black" nutzt sie ihre Plattform für politische Meinungsmache. Mit n-tv.de spricht sie über die Strahlkraft ihrer Serien-Rolle Sophia, Klo-Regeln für Transpersonen, Caitlyn Jenner und erschreckende Statistiken.

n-tv.de: In der neuen Staffel "Orange Is the New Black" proben die Insassen den Aufstand. Sie rebellieren gegen den Status quo. Ist das dieselbe Art von Wut, die gerade überall auf der Welt Menschen dazu treibt, sich politisch zu engagieren?

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Laverne Cox: Es ist tatsächlich interessant, dass diese Staffel ausgerechnet zu einem Zeitpunkt ausgestrahlt wird, an dem sich weltweit Widerstand regt - insbesondere gegen die amerikanische Regierung. Wir haben im Juli 2016 mit den Dreharbeiten begonnen. Damals wussten wir noch gar nicht, wer Präsident der USA werden würde. Der Aufstand in Litchfield ist eine Reaktion auf den brutalen Mord an der Insassin Poussey Washington durch einen Justizvollzugsbeamten. Dass die Geschichte so ins gegenwärtige politische Geschehen passt, hat Jenji (Kohan, Macherin der Serie; Anm. d. Red.) sicherlich nicht geplant. Doch im Universum gibt es keine Zufälle. Jenji und die anderen Autoren der Show hatten eine Eingebung. Sie mussten den Zuschauern etwas zeigen: Wir müssen uns gegenseitig dazu inspirieren, nicht nur Empathie aufzubringen, sondern in Aktion zu treten.

Und auf ihre Weise finden die Insassen dann auch Wege, ihre Wut und ihre Trauer in etwas Produktives zu verwandeln. Was können wir von ihnen lernen?

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Es ist wichtig, für Gerechtigkeit einzutreten, findet Laverne Cox.

(Foto: Netflix)

Die Insassen können nicht auf besonders viele Ressourcen zurückgreifen. Die Ressourcen, die sie haben, wissen sie nicht zu nutzen. Stellen Sie sich vor, Sie sollen ein iPad bedienen, ohne jemals ein iPad in der Hand gehabt zu haben! Die Insassen wissen also nicht, wie genau sie ihre Ziele verwirklichen können, und doch versuchen sie es. Die Lektion daraus ist: Auch wenn man nicht weiß, wie man sich engagieren soll, man kann es lernen. Vermutlich wird es ein bisschen chaotisch, vielleicht sogar sehr chaotisch, aber es ist wahnsinnig wichtig, sich einzubringen und für Gerechtigkeit einzutreten. Es stehen Leben auf dem Spiel. Menschen sterben.

Von Anfang an hat OITNB Stimmen eine Bühne geboten, die sonst nur wenig Gehör in der Gesellschaft finden. Ihre Figur Sophia Burset etwa hat Transidentitäten zu neuer Öffentlichkeit verholfen. Als Sie die Rolle übernommen haben, hatten Sie eine Vorstellung davon, wie groß Ihre Strahlkraft auch jenseits der Bildschirme sein würde?

Nein, überhaupt nicht. Im Skript für die Pilotfolge hatte ich nur eine Szene: Ich stehe in der Schlange für die Essensausgabe und sage Piper Chapman (eine der Hauptfiguren gespielt von Taylor Schilling; Anm. d. Red.), dass sie sich von mir den Haaransatz nachfärben lassen soll. Damals war ich einfach begeistert davon, ein Skript von Jenji in den Händen zu halten. Ich war ein großer Fan ihrer Serie "Weeds". Mein Gott, es war die Gelegenheit, mit einem Genie zu arbeiten!

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Laverne Cox spielt bei OITNB Sophia Burset.

(Foto: Jojo Whilden/Netflix)

Zu welchem Zeitpunkt wurden Sie sich dann des Einflusses Ihrer Rolle bewusst?

Als ich das Skript für Episode drei bekommen habe. Darin wird die Hintergrundgeschichte von Sophia erzählt (gezeigt werden die ersten Schritte der Geschlechtsangleichung unterstützt von ihrer Frau; Anm. d. Red.). Ich wusste: Das ist es, worauf ich meine ganze Karriere über gewartet habe! Hierfür habe ich gearbeitet, hier kann ich zeigen, was ich drauf habe.

In den vergangenen Jahren haben Sie nicht nur Ihr Schauspieltalent unter Beweis gestellt, Sie treten auch als Aktivistin auf.

Durch OITNB habe ich eine größere Plattform gewonnen. Die nutze ich, um Themen zu adressieren, die mir wichtig sind. Hoffentlich kann ich Menschen dazu ermutigen, umzudenken.

Sie haben sich zum Beispiel sehr öffentlichkeitswirksam für das Recht von Transpersonen eingesetzt, die Toilette aufzusuchen, die sie aufsuchen möchten. Haben Sie das Gefühl, die "Bathroom bill"-Debatte ist vielleicht nur Stellvertreter für den Streit um die Sichtbarkeit von Transpersonen?

Dahinter steht folgende Frage: Haben Transpersonen das Recht, im öffentlichen Raum zu existieren? Der Bürgerrechtsanwalt Chase Strangio argumentiert in der Sache brillant. Wenn Transmenschen nur ausgewählte Toiletten besuchen dürfen, können sie ihre Arbeit nicht angemessen verrichten! Haben Sie den Film "Hidden Figures" gesehen?

Ja, der war großartig! Er erzählt die Geschichte dreier afroamerikanischer Mathematikerinnen, die in den 60er Jahren vor dem Civil Rights Act bei der NASA arbeiten.

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Der Film "Hidden Figures" erzählt von schwarzen Mathematikerinnen bei der NASA.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Es gibt darin eine Szene, in der eine der Hauptfiguren, Katherine Johnson (gespielt von Taraji P. Henson; Anm. d. Red.), von ihrem Vorgesetzten gefragt wird, weshalb sie immer 45 Minuten braucht, um aufs Klo zu gehen. Sie antwortet: "Weil ich immer zu den Waschräumen für Schwarze laufen muss." Der Film spielt zurzeit von Jim Crow (bezeichnet im US-Sprachgebrauch das System zur Aufrechterhaltung einer Rassenhierarchie, speziell die Gesetze zur Rassentrennung zwischen 1876 und 1964; Anm. d. Red.). Schwarze Menschen mussten damals gesonderte Toiletten benutzen. Dass so heute mit Transpersonen umgegangen wird, hat nichts mit Gleichheit vor dem Gesetz zu tun - und darauf sollte es Amerika doch ankommen.

Was löst es denn in Ihnen aus, wenn etwa Caitlyn Jenner ihren Besuch einer Damentoilette im Trump Tower in einem Facebook-Video als völlig problemlos dokumentiert? Spielen solche Beiträge nicht die Relevanz der Thematik herunter?

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Das Video kenne ich nicht (atmet tief aus). Ich denke … (hält mehrere Sekunden inne). Es gibt diese Dokumentation, "I Stand Corrected". Der Film erzählt von einer Frau namens Jennifer Leitham, einer wundervolle Jazz-Bassistin. Sie hat sich schon früh in ihrer Karriere als trans geoutet. In den frühen 2000ern hat sie ein Interview dazu gegeben, danach nie wieder. Ihre Geschichte wurde damals nämlich von der Öffentlichkeit zerpflückt. 15 Jahre später erzählt sie nun, was für sie problematisch an der Situation war: Sie sollte für die Transgender-Community sprechen - dabei war ihre Geschlechtsangleichung damals noch kein Jahr her. "Ich hatte noch gar nicht wirklich Erfahrungen als Transperson gesammelt", sagt sie.

Also wird auch Caitlyn Jenner in 15 Jahren schlauer sein?

Sie hat ihre ganz eigene Coming-out-Geschichte und die hat ihre Berechtigung. Aber sie hat mit Sicherheit noch nicht die Erfahrungen gemacht, die andere Transpersonen gemacht haben. Dazu kommt, dass sie das Privileg genießt, zur Oberschicht zu gehören. Es ist nicht fair, sie zur Sprecherin einer Gruppe von Menschen zu stilisieren, über die sie nur so wenig weiß.

2014 waren Sie auf dem Cover des renommierten US-Magazins "Time". Das Blatt titelte …

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Im Juni 2014 zierte Laverne Cox das "Time"-Cover.

(Foto: TIME)

"The Transgender Tipping Point"! (zu Deutsch "Der Transgender-Wendepunkt"; Anm. d. Red.)

Seitdem sind drei Jahre vergangen. Ist die Wende eingetreten?

Die Aussage war damals schon kontrovers. Die Ausgabe ist im Juni 2014 erschienen. In dem Monat sind in den USA vier Transgenderfrauen ermordet worden. Das ist viel für unsere Community. Transpersonen machen weniger als ein Prozent der Bevölkerung aus (Einer aktuellen Studie des Williams Institute zufolge sind es derzeit 0,6 Prozent; Anm. d. Red.). 2014 ist für Transpersonen das tödlichste Jahr seit Beginn der Zählungen gewesen. Und seitdem ist die Zahl der gemeldeten Morde an Transpersonen jährlich gestiegen. Erst wurde 2015 das tödlichste Jahr, dann 2016. Die Gewalt nimmt also zu. Hinzu kommen die neuen Gesetze, die sich gegen Transpersonen richten.

Die Toiletten-Verbote, wir sprachen darüber. Alles in allem klingt das nach einem eher niederschmetternden Fazit.

Bei dem Wendepunkt, den "Time" verkündet hat, ging es um Sichtbarkeit. Und tatsächlich sind Transpersonen heute, drei Jahre später, präsent wie nie zuvor. Das wiederum hat allerdings enorme Gegenreaktionen zufolge. Es ist eine furchterregende Zeit. Gleichzeitig ist es eine spannende Zeit, weil sich neue Möglichkeiten eröffnen. Wir Transpersonen müssen nur sicherstellen, dass wir am Leben bleiben.

Mit Laverne Cox sprach Anna Meinecke.

Die fünfte Staffel "Orange Is the New Black" ist abrufbar über Netflix.

Quelle: n-tv.de

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