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"Tatort: Das jüngste Geißlein"Es war einmal ein Wolf ...

04.01.2026, 21:46 Uhr
imageVon Ingo Scheel
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ARD-SWR-TATORT-DAS-JUeNGSTE-GEISSLEIN-Fernsehfilm-Deutschland-2026-am-Sonntag-04-01-26-um-20-15-Uhr-im-ERSTEN-Franziska-Tobler-Eva-Loebau-und-Friedemann-Berg-Hans-Jochen-Wagner-suchen-die-kleine-Eliza-Hanna-Heckt-die-ganz-allein-im-Wald-unterwegs-ist-und-sogar-ihren-geliebten-Walkman-verloren-hat-SWR-Benoit-Linder-honorarfrei-Verwendung-gemaess-der-AGB-im-engen-inhaltlichen-redaktionellen-Zusammenhang-mit-genannter-SWR-Sendung-bei-Nennung-Bild-SWR-Benoit-Linder-S2-SWR-Presse-Bildkommunikation-Baden-Baden-Tel-07221-929-22202-foto-swr
Franziska Tobler (Eva Löbau) und Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) suchen die kleine Eliza (Hanna Heckt), die ganz allein im Wald unterwegs ist und sogar ihren geliebten Walkman verloren hat. (Foto: SWR/Benoît Linder)

Für Friedemann Berg und Franziska Tobler entpuppt sich der 16. gemeinsame Fall als hochtragisches Märchen. Es ist nicht das erste Mal, dass der Grimm-Klassiker vom Wolf und den sieben Geißlein adaptiert wird.

Schon Walt Disney hat es gewusst: Die Welt der Märchen ist ein wahres Füllhorn an filmreifen Themen. 1931 widmete sich seine Kreativabteilung um Zeichentrickregisseur Wilfred Jackson dem Andersen-Evergreen "Das hässliche Entlein". "Babes In The Wood" zitierte im Jahr darauf Motive aus "Hänsel und Gretel", später folgten die großen Klassiker "Schneewittchen" (1937), "Cinderella" (1950) und "Dornröschen" (1959). Seinen ersten Oscar erhielt Disney 1934 für "Die drei kleinen Schweinchen", der Antagonist jener ringelschwänzigen Titelhelden: Meister Isegrim. "Who's Afraid of the Big Bad Wolf?" schmetterten die Schweine, jedenfalls so lange, bis der böse Wolf dann plötzlich vor ihnen steht.

Nun ist die Geschichte von jenen drei Schweinchen und dem 'big bad wolf' keine klassische Adaption. Die Motive jedoch, die Rollenverteilung, das bedrohliche Szenario, all das weist deutliche Parallelen zu jenem Wolf auf, der sich im grimmigen Grimm-Märchen die sieben Geißlein vorknöpfte. Während Walt Disney dieses Märchen links liegen ließ, stattdessen mit "Die drei kleinen Wölfe" (1936) die Erzählperspektive wechselte und später Filme wie "Peter und der Wolf" (1946), "Lobo, der Wolf" (1962) und "Wenn die Wölfe heulen" (1983) auf die Kinoleinwand brachte, sorgte die DEFA für eine besonders kreative Filmversion. Aus dem Jahre 1953 stammt der von Regisseur Bruno J. Böttge verantwortete, sogenannte Silhouettenfilm "Der Wolf und die sieben Geißlein", in der DDR ein Klassiker, der bis in die Klassenzimmer seinen Weg. Die bundesdeutsche, einstündige Puppenfilm-Version von 1957 versprüht zwar einiges an altmodischem Charme, überzeugte aber schon damals nur bedingt. "Hoffnungslos antiquiert", befand der "Filmdienst", lobte jedoch den "Verzicht auf schreckhafte Großaufnahmen".

Mit diesem spektakulären Ausmaß war nicht zu rechnen

Damit schließt sich der Kreis, wenn man so will, zum aktuellen "Tatort"-Fall aus dem Breisgau, "Das jüngste Geißlein". Besagte "schreckhafte Großaufnahmen" gab es auch hier nicht, stattdessen ganz viel Düster-Atmo, geisterhafte Geißlein und eine Aufklärungspointe, die ihresgleichen suchte - dass die kleine Eliza (Hanna Heckt) nicht nur den wolfsartig behaarten Vater, sondern auch noch die als Eindringling vermutete Mutter um die Ecke gebracht hatte - damit war in diesem spektakulären Ausmaß sicher nicht zu rechnen.

Dass sich in der langen und fantasievollen "Tatort"-Geschichte kaum Märchenstoffe wiederfinden, verwundert fast etwas. Aus dem Jahre 2001 stammt der Münchner Fall "Ein mörderisches Märchen", mit Hilmar Thate in der Rolle eines mysteriösen Märchenonkels. "Ein psychoanalytisches Lehrstück", befand die "Berliner Zeitung", von einem "irren Psychoduell gegen Rumpelstilzchen" war in der "TV Spielfilm" die Rede, 2002 gab es dafür eine Grimme-Preis-Nominierung. Zwei Jahre später verschlug es Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) in ihrem fünften Fall in den "Märchenwald", mehr lyrischer Titel als tatsächlicher Versuch einer Erzählung nach Grimm-Art. Ohnehin hätte man bei Lindholm kaum das Gefühl, dass die sich einen märchenhaften Bären aufbinden ließe. "TV Spielfilm" sah es ähnlich: "Fünfter Fall für die kühle Blonde, leicht gewürzt mit Humor und etwas Liebe", Hans Christian Andersen dürfte davon kaum die Ohren klingen.

Interessanterweise geht es im kommenden Fall aus Köln beinah märchenhaft weiter, wenn man denn die Schöpfungsgeschichte aus einer etwas weniger religiös geprägten Perspektive liest. Mit dem Ausflug ins Kirchliche wäre man fast wieder bei Walt Disney angekommen. In der Disney+ Serie "Win Or Lose" hatte im Frühjahr 2025 mit der Softballspielerin Laurie eine offen christliche Figur für Gesprächsstoff gesorgt, zum ersten Mal übrigens seit 1996 - im "Glöckner von Notre Dame".

Quelle: ntv.de

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