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"Goldstrand" überzeugt die Jury Katerina Poladjan mit Preis der Leipziger Buchmesse geehrt

19.03.2026, 19:18 Uhr
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In ihrer Dankesrede übt Poladjan scharfe Kritik an Kulturstaatsminister Weimer. (Foto: picture alliance/dpa)

Für ihren Roman "Goldstrand" reist Autorin Katerina Poladjan nach Bulgarien - an den Ferienort ihrer Kindheit, der sich durch "Turbokapitalismus" stark verändert hat. Für ihre "meisterliche" Erzählung über dieses Erlebnis erhält sie nun den Preis der Leipziger Buchmesse.

Katerina Poladjan hat den Belletristik-Preis der Leipziger Buchmesse gewonnen. Die 1971 in Moskau geborene Autorin wurde für ihr Buch "Goldstrand" ausgezeichnet, wie die Jury bekannt gab. Es ist ihr fünfter Roman. Poladjan schickt die Leserinnen und Leser darin auf nur 160 Seiten auf eine Reise von Odessa über Rom bis zum titelgebenden sozialistischen Ferienort Goldstrand in Bulgarien. Im Mittelpunkt der Geschichte steht der Regisseur Eli, der auf der Couch einer "Dottoressa", einer rätselhaften Analytikerin, auf sein Leben schaut. Daraus entspinnt sich in teils absurden Dialogen eine Geschichte des 20. Jahrhunderts und seiner Verwerfungen in Europa.

"Meisterlich führt Katerina Poladjan vor, wie eine Biografie aus Selbstbefragung und Erfindung entsteht, aus Fabulieren und dem Umschiffen von Schmerz", begründete die Jury die Auswahl. Sie bescheinigte der Autorin zudem eine leichte und zugleich abgründige Sprache.

Poladjan kennt die Orte, von denen sie in "Goldstrand" schreibt, aus dem eigenen Erleben. Als Kind reiste sie mit ihrer Familie Ende der 1970er Jahre aus der Sowjetunion in den Westen aus, lebte zunächst in Rom, später in Deutschland. Ihre Großmutter sei damals nicht mitgekommen, erzählte Poladjan. "Und da es in der Sowjetunion keinen Individualtourismus gab, mussten wir uns sehr konspirativ immer an diesem Goldstrand in Bulgarien treffen." Fast ihre gesamten Ferien habe sie dort verbracht.

Zur Recherche für den Roman sei sie nun wieder an den Goldstrand gereist. Die brutalistischen Hotels aus sozialistischen Zeiten seien in der turbokapitalistischen Verwirrung der 90er Jahre abgerissen und durch quietschbunte Bauten ersetzt worden. "Und das wiederum bröckelt jetzt auch. Und das war für mich auch eine Frage, also rein auf der Ebene der Architektur: Welche Vision einer Zukunft haben wir eigentlich noch?", sagt die Autorin.

Kritik an Weimer

Ihre Dankesrede verband Poladjan mit Kritik an Kulturstaatsminister Wolfram Weimer wegen der Vorgänge um den deutschen Buchhandelspreis - sein Vorgehen wecke bei ihr "dunkle Erinnerungen" an die Kindheit in der Sowjetunion. Poladjan erinnerte in ihrer Dankesrede auch an ihre eigene Biografie. Als siebenjähriges Mädchen sei sie aus ihrer vertrauten Umgebung gerissen worden, weil ihre Eltern aus "Angst vor der Willkür" die Sowjetunion verließen.

Sie wolle zwar nicht den "sowjetischen Geheimdienstterror" mit den Vorgängen rund um den deutschen Buchhandlungspreis vergleichen, sagte die Preisträgerin. Aber das Handeln der Bundesregierung bei dem Preis mit diffusen Verweisen auf nicht näher benannte geheimdienstliche Erkenntnisse wecke bei ihr "ein tief verwurzeltes Unbehagen und dunkle Erinnerungen", sagte Poladjan, "dunkle Erinnerungen an eine erstickende Atmosphäre der Unsicherheit und Ohnmacht."

Kulturstaatsminister Weimer hatte den Ausschluss von drei Buchhandlungen von der Verleihung des Buchhandlungspreises mit nicht näher bezeichneten Erkenntnissen des Verfassungsschutzes begründet, dafür steht er auch politisch in der Kritik. Die Besucher der Verleihung des Leipziger Buchpreises applaudierten Poladjan für ihre Kritik an Weimer.

Poladjan war bereits zum zweiten Mal für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Schon 2022 hatte sie mit "Zukunftsmusik" auf der Shortlist gestanden. Der Preis der Leipziger Buchmesse wird in den drei Kategorien Belletristik, Sachbuch/Essayistik und Übersetzungen vergeben. Die Sieger erhalten je Kategorie ein Preisgeld von 15.000 Euro. In diesem Jahr hatten 177 Verlage 485 Werke eingereicht.

Sachbuchpreis für "Balkan-Odyssee"

In der Kategorie Sachbuch/Essayistik setzte sich Marie-Janine Calic unter den fünf Nominierten durch. Calic erhielt den Preis für ihr Buch "Balkan-Odyssee. 1933 bis 1941. Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa". Die Jury erklärte zur Begründung, Calic schließe mit ihrem "eindrucksvollen Werk" eine Lücke, da die Exilforschung zu Südwesteuropa bislang kaum beachtet sei. "In ihrer enormen und akribischen Recherche erzählt sie die wechselvolle Geschichte der Balkanroute anhand vieler Einzelschicksale, erschließt politisch-historische Zusammenhänge und zeigt den Balkan als Region der Hoffnung und des Übergangs", erklärten die Juroren.

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Die diesjährigen Preisträger: Marie-Janine Calic (Sachbuch, l.), Katerina Poladjan (Belleristik) und Manfred Gmeiner (Übersetzung, r.). (Foto: picture alliance/dpa)

Calic, die in München als Geschichts-Professorin lehrt, sagte in ihrer Dankesrede, der Preis sei eine Bestätigung dafür, dass die Geschichten von Flucht und Exil auch heute noch was zu sagen haben. Sie habe auch über die Erfahrungen von wenig bekannten Menschen schreiben wollen.

Den Preis in der Kategorie Übersetzung bekam Manfred Gmeiner zugesprochen. Gmeiner wurde für die Übersetzung des Buchs "Unten leben" von Gustavo Faverón Patriau aus dem Spanischen ins Deutsche ausgezeichnet. Der aus Wien stammende Gmeiner habe die "labyrinthische Erzählung" des Werks "mit spielerischer Eleganz" übersetzt. "Seine ebenso furchtlose wie packende Übersetzung macht die Lektüre zu einer unvergesslichen Erfahrung", befand die Jury.

Die Leipziger Buchmesse läuft noch bis zum Sonntag. Dort und auf dem dazugehörigen Lesefestival "Leipzig liest" sind zahlreiche Autorinnen und Autoren aus dem In- und Ausland live zu erleben.

Quelle: ntv.de, mwa/dpa

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