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"Mudbound" von Dee Rees "Man muss sich ins Unbehagen stürzen!"

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In "Mudbound" arbeitet Dee Rees ein Stück amerikanische Geschichte auf.

(Foto: Steve Dietl/Netflix)

Ein Stück Boden, dass es zu teilen gilt. Zwei Familien, die nicht teilen wollen. Doch "Mudbound" erzählt nicht einfach eine Zankerei unter Nachbarn. Im Mississippi Delta gerät in den 1940er ein Konflikt um Farmland aus den Fugen. Der Film von Regisseurin Dee Rees zeigt ein Stück Rassismus-Geschichte und erzählt dabei viel über die Gegenwart. Im Interview mit n-tv.de erklärt die 40-Jährige, wie sie mit dem Wort "Nigger" umgeht und wieso Vergangenheit besser kollektiv gedacht werden sollte.

n-tv.de: In "Mudbound" treffen zwei Familien aufeinander. Die Mitglieder der einen Familie sind weiß, die der anderen schwarz. Ist Konfrontation mit Andersartigkeit immer ein guter Ausgangpunkt für eine Geschichte?

Dee Rees: Ein guter Ausgangspunkt vielleicht. Aber richtig spannend wird es doch, wenn Andersartigkeit nicht an Linien verläuft, sondern sich in Individualität auflöst. Auf der ganz persönlichen Ebene sind wir alle das Andere - jeder für seinen Gegenüber.

Wenn wir alle das Andere sind, haben wir dann trotzdem so etwas wie eine gemeinsame Geschichte?

Auf jeden Fall. Unser großes Problem ist, dass wir hinsichtlich unserer Vergangenheit Unterscheidungen machen. Wir erzählen oft nur Teile der Geschichte. Dabei ist alles miteinander verknüpft. Wenn ich in meinem Stammbaum ein paar Generationen zurückgehen kann und einen Sklaven finden kann, kann jemand anders in seinem Stammbaum zurückgehen und auf einen Sklavenhalter stoßen. Die Geschichte der USA ist auch eine Geschichte von Unterdrückung. Wir denken immer, dass alles ist lang her und hat nichts mehr mit uns zu tun. Doch wir als Individuen sind alle Fäden desselben Gewebes.

Ist es für die Aufarbeitung gemeinsamer Geschichte wichtig, dass die marginalisierte Gruppe den Dialog eröffnet oder eine Art erstes Rederecht eingeräumt bekommt?

Ich finde nicht, dass schwarze Menschen nur schwarze Geschichten erzählen können und weiße Menschen nur weiße Geschichten. Unterschiedliche Menschen eignen sich für unterschiedliche Inhalte aus bestimmten Gründen. Entscheidend ist, dass sie eine Verbindung zu dem Thema haben und es mit der richtigen Absicht erzählen. Leider wurden werden Inhalte, die für die schwarze Community wichtig sind, oft mit falschen Intentionen aufgegriffen. Wenn es nur darum geht, politisch zu wirken oder Schlagzeilen zu machen, dann sollte man sich besser zurückhalten.

In "Mudbound" wird andauernd das N-Word benutzt. War es für Sie und die Crew seltsam, damit zu arbeiten?

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(Foto: Steve Dietl / Netflix)

Ich glaube, man muss sich ins Unbehagen stürzen. Ich habe zum Beispiel Jason Clarke und Rob Morgan einander gegenübergestellt und sie eine Wiederholungsübung machen lassen. Immer und immer wieder musste Jason sagen: "Du bist ein guter Nigger, du bist ein guter Nigger." Und Rob musste antworten: "Danke Sir, danke Sir." Das musste flutschen. Es ist im Übrigen ja auch nicht so, als würde man dieses Wort sonst nie hören. Ich bin in den 80er Jahren groß geworden. Ich habe das Wort Nigger früh gekannt. Ich bin mehrfach so genannt worden. Ich bin neben einem Mitglied des Ku-Klux-Klans aufgewachsen. Für mich ist das alles nichts Neues. Deswegen will ich es ganz unverblümt konfrontieren.

"Mudbound" ist ein Kostümfilm, doch er wird mit sehr viel Gegenwartsbezug rezipiert. Wie erklären Sie sich das?

Erzählen nicht alle Filme immer auch etwas über die Zeit, in der sie gemacht wurden? Wir haben "Mudbound" 2016 gedreht. Damals gab es schon einige Fälle von Polizeigewalt, die viel Medienecho erfuhren. Ich konnte natürlich nicht ahnen, wie sehr sich die Lage noch verschärfen würde. Niemand hätte gedacht, dass Donald Trump Präsident werden könnte. In diesem Kontext wird nun wieder anders über "Mudbound" gesprochen. Ich bin immer wieder fasziniert davon, wenn Menschen sich überrascht vom heutigen Zustand der USA zeigen. Rassismus gab es bei uns schon immer. Wir waren schon immer genau dieses Land.

Steckt Amerika fest und der titelgebende Schlamm von "Mudbound" ist die Metapher für das Debakel?

Man könnte auch sagen, wir sind wie Sonnenstrahlen. Wir haben alle denselben Ursprung. Jedenfalls müssen wir uns alle mit demselben Mist auseinandersetzen. Wenn wir das nicht tun, kommen wir nicht voran. Wir müssen verstehen, wie unser Land entstanden ist. Wir müssen die Gründungsgeschichte entmythologisieren und anerkennen, dass unser Land gestohlen ist. Wir müssen anders sprechen über Gründerväter und Patrioten.

Sie sprechen da offene Wunden der amerikanischen Geschichte an. Kann "Mudbound" für das Land Teil eines Heilungsprozesses werden?

Möglich wäre es. Aber das hängt stark davon ab, ob die Zuschauer bereit dazu sind, sich selbst und ihre persönliche Geschichte zu hinterfragen.

Mit Dee Rees sprach Anna Meinecke.

Mudbound ist ab dem 17. November abrufbar über Netflix.

Quelle: ntv.de