Unterhaltung

"Tatort" aus Wien Moritz, trauriger Moritz

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"Unterweltlerische Bestrafungsmaßnahmen ..."

(Foto: dpa)

Ein brutal ermordeter Geschäftsmann, Karate-Tanten in Zeitlupe, schmierige Unterweltler, gnadenlose Menschenhändler - in seinem 15. Fall fliegt dem Wiener Duo so einiges um die Ohren. Kein Wunder, dass Kollege Eisner mit dem Ruhestand flirtet.

Einfach so die Kugel in den Kopf oder in die Herzgegend - das läuft nicht mehr. Auch beim "Tatort" kennt man Dexter und Kollegen und so lässt man sich im sonst oftmals beschaulichen Wien in Sachen Mord-Choreographie zunehmend Dinge einfallen, die auch als Warnschildchen auf Zigarettenschachteln ihren Zweck erfüllen würden. Der türkische Geschäftsmann, mit dem es Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) zu tun bekommen, steckt blutbesudelt mit dem Kopf voran im Schrank. Die Zunge wurde ihm bei lebendigem Leibe herausgeschnitten, die Hände abgehackt. Wer die gnadenlosen Codes der Tötungsdetails kennt, kommt dahinter - hier geht es um unterweltlerische Bestrafungsmaßnahmen, hier werden Claims neu verteilt und besetzt.

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Es gibt wohl kaum etwas, was diese beiden noch nicht gesehen haben dürften ....

(Foto: dpa)

Und wenn man eh schon mit beiden Beinen im Blut steht, kann man sich auch ganz hinablassen, in die Tiefen der Wiener Unterwelt. Schnell wird klar: Der Ermordete war nur nach außen der Dönermann von nebenan, tatsächlich wurde seine Bude als Puff genutzt, in dem junge Flüchtlinge wie Victoria Oshchypko (Janina Rudenska) zur Prostitution gezwungen werden. Die Ukrainerin ist nur eine vielen Frauen, die zu den Opfern des international agierenden Menschenhändler-Rings gehören, der sein Geschäft mit dem Schicksal der Flüchtlinge macht. Einer der Protagonisten in diesem Business ist der Wiener Strizzi Andy Mittermeier (Michael Fuith), dem Bibi Fellner in ihrer Kriminalen-Karriere nicht zum ersten Mal begegnet.

Die Koordinaten sind also relativ schnell klar, der Mordfall selbst changiert zwischen schnell gelöst und eigentlich wurscht, das Geschehen drechselt Autor und Regisseur Thomas Roth rund um seine Hauptfiguren, versucht sich mit der Überzeichnung seines Personals vielmehr an einer charaktergetriebenen Milieustudie. Der schmierige Schnauzerträger Mittermeier, der einsitzende Inkasso-Heinzi (Simon Schwarz), die traurige Schönheit aus dem Ural, nicht zu vergessen das in Zeitlupe kung-fuisierende Lucy-Liu-Zitat auf Stöckelschuhen - alles Wiedergänger aus seligen Krimizeiten, da Kommissare mit ihren Informanten in der Kneipe saßen, mit leichten Mädels knutschten und schweren Jungs auch mal gemeinsame Sache machten.

Die "Kunst des Krieges"

Doch die Zeiten sind längst vorbei. Das merkt nicht nur die gute Bibi, sondern vor allem der melancholische Moritz, der im Verlauf des Falles mehr und mehr in den Fokus - ja, was soll man sagen - schlurft. Immer trauriger schaut der gute Eisner drein und wird ein ums andere Mal von den Geschehnissen überrumpelt. Wie da Luden-Andy großspurig sein chinesisches Schriftzeichen-Tattoo dechiffriert und hochtrabend von der "Kunst des Krieges" faselt, von Strategie und Sieg und Niederlage - alles viel zu viel für Moritz. Der würde viel lieber mit seinem zugelaufenen Hündchen Percy Gassi gehen. Stattdessen schaut er tatenlos zu, wie der Lude den Vierbeiner mit Hühnerfleisch vergiftet und lässt sich selbst auch noch was vom toxischen Gockel andrehen. Wie Eisner da - wie Columbo an einem ganz schlechten Tag, der Ohnmacht nahe,  - durch den Regen torkelt, zwischen den fahrenden Autos hindurch, um schließlich am Straßenrand in den Dreck zu fallen - ein Sinnbild für den kümmerlichen Zustand des Kommissars.

Und als wäre das alles nicht schon schlimm genug, muss er auch noch den Auszug seiner geliebten Tochter (Tanja Raunig) verknusen. Obendrein zieht das Küken an Krücken auch noch mit einem Türken zusammen: "Wenn du zum Islam übergetreten bist, sagst mir B'scheid …" Hilfloser geht es kaum. Alles zu schnell, zu kompliziert, zu fordernd für den traurigen Grantler. Wenigstens das Ende ist versöhnlich. Das Töchterchen kommt nach Haus, zumindest einmal wöchentlich, die Bibi kann wieder lächeln und das Geschenk auf vier Beinen erfreut das Herz des Unrasierten mit dem traurigen Blick. Kopf hoch, Moritz, wird schon wieder.

Quelle: ntv.de

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