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Gangster-Serie "4 Blocks" Neukölln, du kannst so hässlich sein

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Toni (Kida Khodr Ramadan), Vince (Frederick Lau) und Abbas (Veysel Gelin) auf dem Weg zum nächsten Ding (v.l.n.r.)

Berlin ist ein Drecksloch: Skrupellose Dealer verscherbeln Gift an Junkies, Craft-Beer-Hipster müssen Schutzgeld an Männer mit Migrationshintergrund zahlen und halb Neukölln gehört einer libanesischen Großfamilie. Uns gefällt das!

Mit zittrigen Fingern löst der Junkie das weiße Pulver in der wässrigen Lösung auf, zieht es mit der vorbereiteten Spritze auf und rammt es sich dann knapp oberhalb des Fußes ins schmutzige Bein. "Berlin ist so eine Drecksstadt geworden: Musst bescheuert sein, dass du zurückgekommen bist", spuckt Kemal Hamady (Sami Nasser) seinem alten Freund Vince (Frederick Lau) entgegen, während die beiden dabei zusehen, wie der Drogenabhängige zuerst krampft und dann mit weißem Schaum vor dem Mund in einer dunklen Ecke am Kotti verreckt. "Klaus hat uns verarscht, der Stoff ist pures Gift", resümiert Kemal, während er zusammen mit Vince langsam von der Stelle wegschlendert, an der ihr "Gratistester" seinen letzten Atem aushaucht.

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Willkommen in der düsteren Welt von "4 Blocks", der Berliner Gangster-Serie, die bereits bei der diesjährigen Berlinale von sich reden machte - und mit der der Spartensender TNT bereits das zweite Jahr in Folge eine aufwendig produzierte Miniserie nach US-amerikanischem Vorbild abliefert. "Weinberg" gewann 2016 einen Grimme-Preis - und auch die sechsmal 60 Minuten, in denen der Hamady-Clan in Neukölln sein Revier markiert, stechen aus dem deutschen Vorabendserien-Einerlei angenehm wohltuend hervor. Allerdings nur, wenn man die erste Folge übersteht.

"Deutscher als die Deutschen"

In "Brüder" werden das sympathische Clanoberhaupt Toni Hamady, sein jähzorniger Bruder Abbas und der Rest des Casts nämlich so schablonenhaft eingeführt, dass man sich fragen muss, ob Drehbuchautor und Regisseur Marvin Kren ("Rammbock, "Blutgletscher") eine Wette zum Thema Klischeecharaktere verloren hat. Erst nach und nach merkt man als Zuschauer, dass das durchaus gewollt ist, um jedes einzelne Klischee nach und nach wieder zu dekonstruieren. Na gut, fast jedes: Abbas bleibt auch nach Folge eins so eindimensional aggressiv wie eine Kettensäge auf Crystal.

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"Ruffi" (Ronald Zehrfeld) ist der crystal- (und offensichtlich vape)-süchtige Chef der "Cthulus".

Apropos Crystal, das kommt bei "4 Blocks" natürlich auch nicht zu kurz, und zwar in Form der Motorradgang "Cthulhu" (frei nach H.P. Lovecraft), die das Zeug nicht nur vertickt, sondern auch selbst gerne raucht und den Hamadys beim ersten Anzeichen von Schwäche das Territorium streitig macht. Angesichts der angenehm enthemmten Rockerbande und des faulen Abbas-Fleisches in der eigenen Familie wirkt Toni mit fortschreitender Handlung immer mehr wie der vernunftbegabte Fels in der Berliner Verbrechensbrandung.

Ohne mehr von der Story verraten zu wollen: Der Handlungsstrang um den Clanchef, der statt Koks zu verkaufen eigentlich lieber Immobilienunternehmer und Spießer werden möchte, "deutscher als die Deutschen", und seinen alten Freund Vince, der als (deutsche) Kartoffel und Undercover-Cop in die Hamady-Familie eindringen will, ist ohne Zweifel der spannendste Faden der neuen Miniserie. Wie zwei Stücke Treibholz werden die beiden schweren Jungs mit den (ganz tief drin versteckten) goldenen Herzen durch die Handlung getrieben.

Was auch immer man von Berlin im Allgemeinen oder Gangster-Rap im Besonderen hält, es lohnt sich in jedem Fall, "4 Blocks" eine Chance zu geben - und sei es nur, um zu sehen, wie arabische Gangster US-amerikanischen Craft-Beer-Hipstern eine Abreibung verpassen: "Was ist nur los mit denen? In Deutschland sollen die gefälligst Deutsch sprechen", ist so ein wundervoll bitterböser Seitenhieb auf die Auswirkungen der Global-Gentrifizierung, dass man gar nicht anders kann, als lauthals loszulachen.

"Wollt ihr Mafia sein?"

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Toni, gerade aus der U-Haft entlassen, will seine Tochter mit einem neuen Rad für den erlittenen Schock bei seiner Festnahme entschädigen.

Die Verbeugungen vor US-amerikanischen Gangster-Streifen sind dabei natürlich trotzdem nicht zu übersehen: Vince treibt in bester "Goodfellas"-Manier und mit angemessenem Wahnsinn in der Stimme Schutzgeld ein, während der Hamady-Nachwuchs einen blutigen Ziegenkopf an die Wohnungstür eines Cthulhu-Rockers nagelt. Anders als im Vorbild "Der Pate" (in dem ein Pferdekopf vor der Tür landet) gereicht das allerdings eher dem Gangster-Nachwuchs zur Warnung: "Wollt ihr Mafia sein?", fragt der wütende Toni und überlässt seinem blutrünstigen Bruder Abbas die Bestrafung. Und auch wenn der Clanchef sogar den Vornamen seines Vorbilds aus den "Sopranos" trägt, brauchen die Hamadys den Vergleich mit den US-Mafiosi gar nicht zu suchen: Die libanesische Großfamilie entwickelt sich rasch zu ihrer eigenen Marke.

Verwirrende Schnitte, ein treibender Soundtrack und teils wunderschöne Szenen verleihen "4 Blocks" auch die technische Tiefe, um in der ersten deutschen Serienliga mitzuspielen: Wenn Toni, frisch aus dem Gefängnis entlassen und noch mit dem Bademantel vom Vorabend bekleidet, durch Neuköllns Straßen eilt, auf den Schultern ein pinkfarbenes Mädchenrad als Entschädigung für seine vom SEK erschreckte Tochter, dann hat das echt was. Da lässt es sich dann auch recht einfach verschmerzen, dass die Serie mehr als eine Stunde zum Aufwärmen braucht, bevor sie endlich da angekommen ist, wo sie sein will: tief und glaubwürdig im Neuköllner Schmutz verankert.

"4 Blocks" startet am 8. Mai bei TNT.

Quelle: n-tv.de

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