Unterhaltung

Der Fotograf aller Deutschen Rudi Meisel kennt hüben wie drüben

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S-Bahnsteig Alexanderplatz, Ost-Berlin, 1980.

(Foto: Rudi Meisel)

Ende der 1970er-Jahre in Deutschland: Die Teilung von Ost und West ist Normalität, der Alltag in beiden Staaten wird durch verschiedene Ideologien geprägt. Und doch - auf den Bildern von Rudi Meisel sieht man, wie ähnlich sich beide sind. Auch in ihrem Mief.

Rudi Meisel war einer von nur sehr wenigen westdeutschen Fotografen, der auch in der DDR arbeiten durfte - offiziell, im Auftrag verschiedener Medien. In den 1970er- und 1980er-Jahren hat Meisel den Alltag der ganz normalen Bevölkerung, der sogenannten "kleinen Leute" auf beiden Seiten der Mauer eingefangen. Dabei fiel ihm auf, wie ähnlich sich doch beide Welten sind. Wie ähnlich, kann man nun in einer Ausstellung in der Galerie C/O Berlin selbst entdecken. Dort hat am 22. August die Schau "Landsleute 1977 –1987. Two Germanys" mit 80 zum Teil nie ausgestellten Fotografien Meisels begonnen.

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Rudi Meisel bei der Ausstellungseröffnung: "Ein Bild muss sofort wirken, auch ohne Text."

(Foto: Andrea Beu)

Ohne Bildunterschriften sei oft kaum zu unterscheiden, ob die Aufnahme in Ost- oder Westdeutschland entstanden sei, so Meisel beim Presserundgang zur Ausstellungseröffnung. Lediglich die Automarken oder Werbeplakate gäben Hinweise, ab und an die Kleidung. Tatsächlich wird man beim Blick auf die Info-Schilder zu den Fotos häufig überrascht, wenn man sieht, wo sie aufgenommen wurden - eine gewisse Biederkeit, heruntergekommene Fassaden, unwirtliche Neubausiedlungen, piefige Volksfeste mit Schießbudenfiguren und verräucherte Kneipen: all das nimmt sich nicht viel, ob hüben oder drüben.

Der gleiche Mief

Die großen Parallelen hat Meisel selbst lange Zeit nicht bemerkt: "Mir ist erst aus der Distanz die Ähnlichkeit klargeworden. Es gab den gleichen Mief im Westen wie im Osten. Nur dass der West-Mief ein paar Chromstreifen hatte, herausgeputzt war." Er hat den Schwatz auf der Straße, spielende Kinder auf Brachen, Schrauber am alten Auto, Menschen beim Warten und in der Fußgängerzone beobachtet und festgehalten, alltägliche Szenen in besonderen Aufnahmen. Bei seinen Pressereisen in der DDR hatte Meisel beim Fotografieren allerdings immer zwei Begleiter an seiner Seite: Kulturfunktionäre, die Berichte über ihn schrieben, was er wann fotografiert hat. So richtig frei bewegen konnte er sich also nicht.

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"Zucht- und Rassegeflügel" in der Kleinen Markthalle am Alexanderplatz, Ost-Berlin, 1980.

(Foto: Rudi Meisel)

In Ost-Berlin etwa hatte er drei offizielle Fototermine: im Centrum Warenhaus am Alexanderplatz bei einer Kosmetika-Produktvorführung, in einer Kneipe und in einem Geflügelgeschäft in den S-Bahnbögen zwischen Alexanderplatz und Marx-Engels-Platz (seit 1992 Hackescher Markt), wo es neben Vogelfutter tatsächlich auch lebende Hühner zu kaufen gab. Er erlebte den Alexanderplatz als entspannten Treffpunkt aller Alters- und Bevölkerungsgruppen, jedoch immer beobachtet von der Stasi (er wurde natürlich fotografiert, als er sich mit einem Russen unterhielt, wie er nach dem Mauerfall herausfand).

Unentwickelt in den Westen

Trotz der Reglementierung gelangen Meisel ein paar unbeobachtete Momente und Ausreißer - und er durfte seine Filme unentwickelt mitnehmen, das war vorher seine Bedingung gewesen. Er war jedoch auch nicht darauf aus, die DDR bloßzustellen als maroden Staat, sein Blick war nicht hämisch oder herablassend, sondern neugierig und liebevoll. Das gilt natürlich auch für seine West-Bilder, die zum großen Teil im Ruhrgebiet entstanden. Die Auswahl in "Landsleute 1977 –1987. Two Germanys" bilden eine Art zeitgeschichtliches Archiv, das zeigt, was "das Deutsche" jenseits von staatlichen Systemen ausmacht.

Zeitgleich mit der Rudi-Meisel-Ausstellung läuft im C/O Berlin "Augen auf! 100 Jahre Leica-Fotografie". Diese wirklich aufsehenerregende Schau war davor in Hamburg und Frankfurt/Main zu sehen und hatte bisher nach Aussagen von Kurator Hans-Michael Koetzle bereits 70.000 Besucher. In Berlin sind einige Fotos aus der Hamburger Ausgabe der Ausstellung aus Platzgründen weggefallen (die Deichtorhallen sind etwas geräumiger als das Amerikahaus), andere wiederum hinzugekommen - Neuerwerbungen, etwa eine Aufnahme von Alfred Eisenstaedt aus Abessinien. Im C/O Berlin werden mehr als 400 Fotografien sowie Zeitschriften, Kameras, Filmrollen und Fotobücher gezeigt.

Zur Rudi-Meisel-Ausstellung ist ein Begleitbuch erschienen - bei Amazon bestellen

Das Buch zu "Augen auf! 100 Jahre Leica-Fotografie" zeigt neben den Fotos der Ausstellung noch andere – es enthält etwa 1200 Abbildungen und 576 Seiten (und wiegt um die 6 Kilogramm) - bei Amazon bestellen

Die Ausstellungen "Landsleute 1977 –1987. Two Germanys" von Rudi Meisel und "Augen auf! 100 Jahre Leica Fotografie" laufen im C/O Berlin bis zum 1. November 2015.

Quelle: ntv.de