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Von Cindy bis Kendall Russell James fängt nackte Engel ein

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Für Russell James posieren die "Victoria's Secret"-Engel Romee Strijd und Taylor Hill auch mal ganz ohne Unterwäsche.

(Foto: Russell James)

Er hatte sie alle vor der Linse. Cindy, Gisele oder Kendall - wenn Russell James auf den Auslöser drückt, lassen Supermodels die Hüllen fallen. Um einer der gefragtesten Fotografen unserer Zeit zu werden, hat der 57-Jährige einen weiten Weg zurückgelegt. Als Jugendlicher hat er in seiner Heimat Australien die Schule abgebrochen. Später hat er in Schweden auf einem Hausboot gewohnt - auch um Geld zu sparen. Ein Umzug nach New York bringt schließlich den großen Karriereschub. James fotografiert für "Sports Illustrated" und das "V"-Magazine, bald auch für das Dessous-Label "Victoria's Secret", dessen Stammfotograf er heute ist. Besonders bekannt ist James für seine Aktfotos von Supermodels. Einige davon sind derzeit in der Berliner Galerie "Camera Work" im Rahmen der Ausstellung "Angels & Icons" zu sehen. Mit n-tv.de spricht James über die richtige Atmosphäre und über Aktfotografie in Zeiten von #MeToo.

n-tv.de: Ihr Beruf ist es, die schönsten Frauen der Welt zu fotografieren. Auf einer Skala von 1 bis 10: Wie neidisch sind Ihre Freunde?

Russell James: (lacht) 11! Aber ich sage ihnen oft: Auf der anderen Seite ist das Gras viel grüner … Mein bester Freund ist Pilot, der fliegt G5-Jets. Ich würde sofort mit ihm tauschen.

Einen Moment, haben Sie etwa nicht Ihren Traumjob gefunden?

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Irgendwas muss er richtig machen: Russell James hat die schönsten Frauen der Welt vor der Linse.

(Foto: CAMERA WORK)

Doch, doch. Aber es war nie mein Lebensziel, nackte Frauen vor die Linse zu bekommen. Ich hatte schon so viele Jobs. Ich war Metallarbeiter, habe Mülltonnen hergestellt. Ich war Polizist und ich habe Hunde trainiert. Eigentlich bin ich ein eher introvertierter Typ. Partys waren immer der reinste Horror für mich. Meine Kamera hat es mir ermöglicht, eine Verbindung zu den Menschen aufzubauen.

Wie gelingt es Ihnen, dass sich die Models vor Ihrer Kamera wohlfühlen?

Man darf vor allem nicht daran denken, dass man dafür sorgen muss, dass die Models sich wohlfühlen. Die merken sofort, wenn ein Fotograf versucht, sie zu manipulieren. Ich bin keiner von denen, die "weiter, du bist so heiß" und so was rufen. Das wäre alles andere als hilfreich. Auch wenn ich ein Model nackt fotografiere, beginne ich mit einer Nahaufnahme des Gesichts. Ich frage nach ihrem Bruder oder wir besprechen die neueste Saftkur.

Für Ihre "Angels"-Serie hat so ziemlich jedes Model, das derzeit Rang und Namen hat, die Hüllen fallen lassen. Müssen Sie überhaupt noch Überzeugungsarbeit leisten?

Im Gegenteil: Als ich 2014 mein erstes "Angels"-Buch herausgebracht habe, gab es anlässlich der Veröffentlichung ein großes Event in New York. Lauter Stars der Film- und Musikindustrie waren da, Models - es war eine große Sache. Zwei Mädchen, Stella Maxwell und Elsa Hosk, sind zu mir gekommen und haben mir erzählt, sie seien enttäuscht, dass keine Fotos von ihnen in dem Buch seien. Damals war alles eher ungeplant. Ich hatte mich bei der Bildauswahl einfach aus meinem Archiv bedient. Beim zweiten Buch habe ich speziell für diesen Zweck mit bestimmten Models kollaboriert. Sie durften entscheiden, wie sie dargestellt werden.

Von wem kam am meisten Input?

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Cindy Crawford hat gezögert, bevor sie sich von James fotografieren ließ, war dann jedoch begeistert.

(Foto: Russell James)

Von Elsa und von Adriana Lima. Gerade fällt mir ein: Einmal musste ich doch Überzeugungsarbeit leisten.

Bei wem?

Bei Cindy Crawford. Sie ist über 50 und hat mich gefragt, was sie in einem Buch mit lauter 20-Jährigen soll. Ich habe zu ihr gesagt: "Glücklicherweise leben wir in einer Zeit, in der Alter keine Rolle mehr spielt. Du bist eine wunderschöne Frau. Wir brauchen die Bilder nicht einmal zu retuschieren." Sie hat also zugestimmt - und sie hat es genossen. Es ist ja so: Cindy ist heute die meiste Zeit über Mutter oder Geschäftsfrau. Wenn sich die Gelegenheit bietet, sich sexy und provokativ zu zeigen, nutzt sie die gern. Sie war es dann auch, die mir vor der Veröffentlichung gut zugeredet hat.

Wieso? Hatten Sie Bedenken?

Ach, ich habe mich gefragt, ob es vielleicht unsensibel sein könnte, in der heutigen Zeit ein Buch voller nackter Frauen zu veröffentlichen. #MeToo ist so eine wichtige Bewegung. Aber Cindy meinte zu mir: "Alle Frauen in dem Buch haben sich freiwillig für die Kunst ablichten lassen. Wenn du ihnen jetzt sagst, dass das nicht in Ordnung war, ist das doch genau das Gegenteil von dem, was die Bewegung erreichen will." Übrigens sind 65 Prozent meiner Follower in sozialen Netzwerken Frauen. Ich fotografiere also Frauen für Frauen - das ist Kern meiner Marke.

Denken Sie manchmal darüber nach, ob Ihre Fotos eine unglückliche Wirkung haben könnten? Gerade junge Frauen vergleichen sich mit den Models - teils mit gravierenden Folgen für ihr Selbstbewusstsein und ihr Körpergefühl …

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Russell James' Aufnahme vom deutschen Model Toni Garrn ist das Titelbild der Ausstellung bei "Camera Work".

(Foto: Russell James)

Selbstverständlich habe ich mich schon gefragt, ob ich da eine gewisse Verantwortung trage. Was vielen beim Content-Konsum in sozialen Netzwerken fehlt, ist der Kontext. Die Menschen wissen, dass sie im Museum Kunst zu sehen bekommen und im "Time Magazine" Reportage-Fotografie. Bei Werbung verschwimmen die Grenzen. Wenn ein umwerfendes Mädchen für eine Hochglanzanzeige im Abendkleid auf einer Jacht posiert, würde trotzdem niemand entsprechende Erwartungen an den eigenen Urlaub entwickeln. Die Leute müssen hinterfragen, was sie sich angucken. Wer veröffentlicht ein Foto und warum? Dann werden sie verstehen, dass jemand versucht, ihnen einen Bikini zu verkaufen, und dass es vermutlich unmöglich sein wird, selbst so einen Moment zu kreieren.

Wie finden Sie es, dass generell sehr viel Nacktheit zu sehen ist?

Wenn ich Nacktfotos mache, brauche ich einen Grund für die Aufnahme. Die Models achten darauf übrigens auch selbst. Kendall Jenner ist im Moment das wichtigste Model der Welt. Wenn sie zu einem Nacktshooting zusagt, steht für sie viel auf dem Spiel. Sie hat sich von mir für ein Kunstprojekt fotografieren lassen. Das ist etwas ganz anderes, als nackt für eine Schuhfirma zu modeln. Es geht immer auch ums Medium.

Stört es Sie, dass Ihr Name sofort mit dem Dessous-Label "Victoria's Secret" in Verbindung gebracht wird? Sie haben ja schließlich auch noch ganz andere Projekte.

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Von James lässt sich auch Kendall Jenner nackt oder fast nackt fotografieren.

(Foto: Russell James)

Es ist interessant. Die Arbeit für "Victoria's Secret" macht nur etwa 10 Prozent meiner Arbeit insgesamt aus. Es entsteht ein anderer Eindruck, weil das Unternehmen und seine Models medial so präsent sind. Ich arbeite viel in indigenen Gemeinschaften, fotografiere Landschaften oder Politiker. Nur bekommen das nicht so viele Leute mit. Deswegen bin ich ja auch kein Aktfotograf, sondern ein Fotograf, der großen Erfolg in einem gewissen Genre hat.

Worauf achten Sie, wenn Sie anstelle eines professionellen Models jemanden vor der Linse haben, der nicht andauernd fotografiert wird?

Ich denke daran, wie unangenehm es mir ist, wenn mir jemand eine Kamera ins Gesicht hält. Furchtbar! Ich versuche, die Person abzulenken. Manchmal bekommen die Leute gar nicht wirklich mit, dass ich sie fotografiere. Und ehe sie sich versehen, ist der Shoot vorbei. Ich arbeite ohnehin immer schnell. Man kann die Verbindung zur Kamera nur einen gewissen Zeitraum lang aufrechterhalten, dann nervt sie. Das ist wie in einer neuen Beziehung: Beim ersten Date ist jede Geschichte des anderen furchtbar spannend, irgendwann will man einfach nur noch, dass der andere die Klappe hält. Die Leute wissen es zu schätzen, wenn man sie auch mal in Ruhe lässt.

Mit Russell James sprach Anna Meinecke

Seine Ausstellung "Angels and Icons" in der Berliner Galerie "Camera Work" läuft bis zum 8. Juni.

Quelle: n-tv.de

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