Unterhaltung

"Gefühle der heimlichen Liebe" Thalbach über Lubitsch, Wilder und Christie

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Freut sich "kindisch": Katharina Thalbach.

(Foto: imago images/Future Image)

Katharina Thalbach - allein der Name klingt wie Musik. Kein Wunder, dass sie für ihre Darstellung der Maria in Philipp Stölzls Musik-Film "Ich war noch niemals in New York" nun mit dem Ernst-Lubitsch-Preis ausgezeichnet wird. In diesen Tagen, in denen wir den 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz begehen, wird zum 62. Mal dieser Filmpreis verliehen, der eng mit zwei herausragenden, jüdischen Filmschaffenden verbunden ist: Billy Wilder und Ernst Lubitsch. Und deswegen sprechen wir mit dem Multitalent darüber, was ihr wirklich am Herzen liegt, und nicht über ihre unerfreuliche Wohnungsgeschichte, die ihr zu den Ohren rauskommt. Hinter den Kulissen des alt-ehrwürdigen Schiller-Theaters trifft ntv.de die 66-Jährige, die trotz unglaublich viel Arbeit strahlt, als käme sie gerade aus dem Urlaub. Die Preisträgerin 2020 im Interview mit ntv.de über Quoten, Theater und das, was ihr gut tut.

ntv.de: Was bedeutet es Ihnen, dass Sie den Ernst-Lubitsch-Preis bekommen?

Katharina Thalbach: Der bedeutet für mich vor allem, dass da zwei Namen eine Rolle spielen: Ernst Lubitsch und Billy Wilder. Beide verehre ich zutiefst. Die sind für mich so prägend gewesen mit ihren Werken, dass ich mich so richtig kindisch freue, einmal die Gelegenheit zu bekommen, mit diesen Namen im Zusammenhang zu stehen. Eine Ehre und ein Gefühl der heimlichen Liebe!

"Ich war noch niemals in New York" - haben Sie damit gerechnet, dass ausgerechnet dieser Film Ihnen einen Preis einbringen könnte?

Nee, mit so etwas rechne ich nie (lacht)!! Ich finde es übrigens sehr schade, dass Filme immer so schnell wieder aus dem Kino verschwinden, manche Filme brauchen Zeit und Mundpropaganda, aber auf der anderen Seite mache ich mich mit Quoten und Zuschauerzahlen nicht verrückt. Wenn etwas in der Welt ist, dann ist das schön. Und wenn ein Film zum Beispiel schön geworden ist, wie unser Film, dann kann ich damit gut leben. Ich hätte Philipp Stölzl, unserem Regisseur, allerdings noch viel mehr gegönnt - und meinen Kollegen! - also mehr Zeit im Kino und mehr Preise, aber es ist wie es ist. Fest steht: Reingehen in die wenigen Kinos, wo der Film noch läuft. Dieser Film tut einfach den Sinnen gut gut gut!

Man verlässt den Kinosaal mit einem lachenden und einem weinenden Auge – optimal.

Ich freue mich sehr, dass Philipp gerade den Bayrischen Filmpreis bekommen hat. (Anm.: in der Begründung heißt es u.a., dass er "den Preis stellvertretend für den gesamten Cast bekommen hat und weil er der künstlerische Leiter einer tolldreisten Unternehmung ist"). Und dass ich persönlich jetzt in einer Reihe mit all den anderen Leuten stehe, die den Ernst-Lubitsch-Preis bisher bekommen haben, das freut mich auch sehr!

Sie haben bis vor Kurzem in "Hase Hase" am Schillertheater gespielt und stecken in den Vorbereitungen für "Mord im Orient Express", ganz schön heftig …

Ja, und es ist auch das erste Mal, dass ich ein Stück inszeniere und eine Hauptrolle gleichzeitig spiele, das habe ich noch nie gemacht. Sonst ist es immer so gewesen, dass ich die Hauptrollen in meinen Inszenierungen nur deswegen bekommen habe, weil irgendjemand schlapp gemacht hat. Also - ich muss sehr diszipliniert sein! Aber ich bin sehr gut vorbereitet (lacht).

Was ist die große Herausforderung für Sie an dem Stück?

Dass das nicht die klassische sogenannte große Theater-Literatur ist, sondern dass es ein Agatha-Christie-Stück ist. Für mich ist Christie eine der größten Autorinnen Englands. Und Hercule Poirot natürlich einer der ganz großen Detektive, man kennt ihn aus ihren Romanen, aber auch aus großen Verfilmungen. Das nun auf eine Bühne des Theaters zu übersetzen, und einen ereignisreichen Abend für die Zuschauer draus zu machen, ist die größte Herausforderung. "Mord im Orient Express" soll ein Abend für die Sinne werden.

Agatha Christie ist natürlich eine herausragende Frau, erstens in ihrer Zeit, zweitens noch immer aktuell, und drittens haben sich viele an ihr orientiert.

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Verehrt Agatha Christie und inszeniert "Mord im Orient Express": Katharina Thalbach.

(Foto: imago images/Günther Ortmann)

Absolut! Ihre persönliche Biographie ist der helle Wahnsinn. In "Das Geheimnis der Agatha Christie", einem Film von 1979 mit Vanessa Redgrave und Timothy Dalton, wird ihr Leben sehr schön und sehr spannend beschrieben. Auch durch ihr Verschwinden, nachdem sie und ihr Mann sich getrennt hatten, hat sie aus ihrem eigenen Leben einen kleinen Krimi gemacht, denn bis heute weiß niemand, was da wirklich geschehen ist. Aber auch die Geschichte, wie sie mit ihrem zweiten Mann, einem Archäologen, durch den vorderen Orient gezogen ist, diesmal in einer glücklichen Ehe, dort eingetaucht ist in die vergangenen Zeiten, während der Grabungen Land und Leute studiert und natürlich auch verwertet hat in ihren Geschichten, aber auch als nützliche Fotografin geforscht hat, ist unglaublich interessant. Diese Frau war wirklich spannend.

Und mutig …

Absolut, vor allem hat sie immer alle ernährt …

Ein Vorbild für Sie?

Das ist schwer mit Vorbildern, aber klar, natürlich ist diese Frau auch ein Vorbild, ich bewundere sie und ihr Werk.

Frauen im Theater- und Kinobusiness heute - ist das immer noch ein Thema, wo wir um Gleichberechtigung kämpfen müssen oder sind wir schon ein paar Schritte weiter?

Ich habe 1987 angefangen zu inszenieren - da war es tatsächlich noch eine Schlagzeile wert, dass eine junge Frau, eine Schauspielerin, die Inszenierung übernimmt.

Und im Sinne von #MeToo …

Ich muss ehrlich gesagt gestehen, dass ich nie Probleme mit Belästigungen hatte. Vielleicht war ich zu klein, und deswegen hat mich keiner angegrabscht …

Oder Sie haben schon immer eine Ausstrahlung, die so etwas einfach nicht zulässt!

(lacht) Ja, da wurden und werden viele Dinge ja auch vermengt, die man nicht vermengen sollte. Ich wäre sehr froh, wenn wir diese Debatte gar nicht mehr bräuchten.

Eine Frage noch zu  Ernst Lubitsch - welcher ist Ihr Lieblingsfilm?

Das ist leicht zu beantworten: "Sein oder nicht sein"!

Ist es nicht immer wieder überraschend, wie aktuell seine Filme sind, die Sprache, die Themen, die Menschen? Die Frauen dürfen witzig und emanzipiert sein …

Das ist natürlich ein sehr spezieller Humor, der in seinen Filmen zu sehen ist. Das ist jüdischer Humor. Das braune Pack hat die Herren Lubitsch und Wilder ja verscheucht, aber ihre Art von Intelligenz und Witz konnte durch nichts ersetzt werden.

Mit Katharina Thalbach sprach Sabine Oelmann.

Der Ernst-Lubitsch-Preis wird ihr am 29. Januar im Kino Babylon überreicht.

"Mord im Orient Express" im Theater am Kurfürstendamm startet am 20. März.

Quelle: ntv.de