Unterhaltung

Nicola Lubitsch über Vater Ernst "Er war gar nicht so witzig"

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Nicola Lubitsch und Preisträger Peter Simonischek bei der Verleihung des Ernst-Lubitsch-Preises im Kino Babylon (2017).

(Foto: imago/Tinkeres)

Wenn der Ernst-Lubitsch-Preis verliehen wird, dann kommt auch Lubitschs Tochter Nicola immer wieder gern nach Berlin, vor allem, weil sie jetzt einen deutschen Pass hat. Mit n-tv.de sprach sie über Vaterfiguren, das Wahlrecht, Filme und Fiktion. Und Donald Trump.

Der Ernst-Lubitsch-Preis geht dieses Jahr an den Schauspieler Charly Hübner. Er bekommt den Preis für seine Rolle als Karl Schmidt in der Verfilmung des Romans von Sven Regeners "Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt". Der Ernst-Lubitsch-Preis wird vom Club der Filmjournalisten Berlin vergeben: "Das ist eine Auszeichnung für das Gesamtwerk eines Filmschaffenden", so der Club-Vorsitzende Markus Tschiedert. "Die große Ehre für einen Filmkünstler besteht darin, dass man sich diesen Preis nur einmal verdienen kann."

Die undotierte Auszeichnung, die an den 1947 in Los Angeles verstorbenen deutschen Filmregisseur Ernst Lubitsch ("Sein oder Nichtsein") erinnert, wird seit 1958 jährlich im Babylon-Kino in Berlin-Mitte vergeben. Erster Preisträger war der Regisseur Kurt Hoffmann für den Klassiker "Das Wirtshaus im Spessart" mit Lilo Pulver. 2017 bekam Peter Simonischek den Preis für seine Rolle in Maren Ades "Toni Erdmann".

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Nicola Lubitsch pflegt das Erbe ihre Vaters gerne.

(Foto: imago/Future Image)

Mit Nicola Lubitsch, der Tochter des großen Regisseurs Ernst Lubitsch, sprach n-tv.de kurz vor der Preisverleihung über Filme und Stars, ihren Vater und sein Erbe, das sie hegt und pflegt, aber vor allem darüber, dass sie und ihre Kinder vor Kurzem ihre deutsche Staatsbürgerschaft erhalten haben. "Sie können sich nicht vorstellen, wie voll es auf dem deutschen Konsulat in Los Angeles ist", so die 80-Jährige. "So viele Menschen möchten einen deutschen Pass haben. Die Ironie an der Geschichte ist, dass es Holocaust-Überlebende oder deren Angehörige sind, die jetzt nach Deutschland zurückwollen. Aber auch andere, die für ihre Kinder eine bessere Zukunft haben wollen."

"Es ist eine Katastrophe"

Und wie kam sie auf die Idee? "Timothy Grossman, der Geschäftsführer des Babylon, hatte mich auf diese Möglichkeit hingewiesen", so Lubitsch. Im Grundgesetz, Artikel 116 Absatz 2, steht nämlich, dass "frühere deutsche Staatsangehörige, denen zwischen dem 30. Januar 1933 und dem 8. Mai 1945 die Staatsangehörigkeit aus politischen, rassischen oder religiösen Gründen entzogen worden ist, und ihre Abkömmlinge, auf Antrag wieder einzubürgern sind." Ihren Vater, der 1922 nach Hollywood ausgewandert war, hatten die Nazis als Jude 1935 ausgebürgert.

Nicola Lubitsch ist eine feine, zierliche Dame, die sich freut, in Deutschland angekommen zu sein. "Ein bisschen hat das auch was mit unserem amtierenden Präsidenten zu tun, dass ich diesen Schritt endlich gegangen bin", lacht sie, fast ein bisschen entschuldigend. "Viele Leute möchten die USA gerade verlassen. Es ist eine Katastrophe." Hat sie gewählt letztes Jahr in Deutschland? "Natürlich, das war meine Pflicht. Und eine Ehre." Früher haben wir gedacht, vor allem wenn man in West-Berlin groß geworden ist, dass Amerika das Land von Milch und Honig sei, es war das Land der Freiheit. "Ja, aber nur in Kalifornien und New York", lacht Nicola Lubitsch. "Vielleicht noch Chicago." Kann sie sich vorstellen, was ihr Vater tun würde, heute, wo sich viele Filmstudenten die Frage stellen: "How would Lubitsch do it?" "Er würde auf jeden Fall eine Komödie darüber drehen", kommt es wie aus der Pistole geschossen.

Tochter und Fachfrau

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Nicola Lubitsch vor dem Kino Babylon.

(Foto: imago stock&people)

Als sie vier Jahre alt war, trennten sich ihre Eltern, die Schauspielerin Vivian Gaye und der Regisseur Lubitsch. "Sie haben sich sehr geliebt, aber meine Mutter mochte weder Filme noch Hollywood noch Zigarren", erinnert sich Lubitsch. Nicola lebte bei ihrer Mutter in New York, verbrachte die Ferien aber bis zu ihrem achten Lebensjahr in Los Angeles bei ihrem Vater. "Das war eine schöne Zeit, er spielte auf dem Klavier und erzählte mir Geschichten." Lustige Geschichten? "Geht so, besonders witzig war mein Vater im Privaten eigentlich nicht." Das sind die Erinnerungen des kleinen Mädchens Nicola an ihren Vater, nicht die Erinnerungen einer Frau, die an den großartigen Regisseur denkt.

Seit langer Zeit aber reist die agile Dame zu Retrospektiven auf der ganzen Welt – und trifft Menschen, denen die Filme ihres Vater eine Menge bedeuten: "So habe ich ihn wohl erst wirklich kennengelernt", resümiert sie. "Der 'Lubitsch-Touch' ist das, was bis heute nichts von seiner Strahlkraft verloren hat", schwärmt sie, und da ist sie die Fachfrau, nicht mehr die Tochter. "Diese Art, wie er seine Geschichten nur in Andeutungen erzählte und darauf vertraute, dass der Zuschauer sie mit ihrer Intelligenz und Fantasie vervollständigen – so etwas gibt es heute nur noch sehr selten. Alles ist viel plakativer, drastischer geworden, der Fantasie wird nicht mehr so viel Raum gegeben. Mein Vater vermied es zum Beispiel, dass eine Situation ins Vulgäre, Gewöhnliche abdriftete."

Eine Zukunft in der Filmindustrie schien für die Tochter eines Regisseurs und einer Schauspielerin damals nur logisch, und so besuchte sie eine Schauspielschule, spielte kleine Rollen auf dem Broadway und studierte an der Comédie-Française in Paris. Später arbeitete sie bei einem Radiosender. Ihre Herangehensweise war der ihres Vaters nicht unähnlich, auch sie suchte das Besondere: "Statt den Leuten alles auf einem silbernenTablett zu servieren, ließ ich es sie lieber selbst herausfinden." Und dafür bekam auch die Tochter Preise. Hat sie eigentlich noch den Oscar, den ihr Vater für sein Lebenswerk 1947, kurz vor seinem Tod, erhalten hat? "Oh ja aber er wurde einmal zu viel poliert, so dass er gar nicht mehr goldig glänzt", lacht sie.

Ein ganz besonderes Anliegen

Nun ist sie - quasi als Botschafterin ihres Vaters, aber auch, weil sie wirklich heimatliche Gefühle für Deutschland hat - wieder in Berlin. Das 60. Jubiläum des Ernst-Lubitsch-Preises ist ihr ein ganz besonderes Anliegen.

Seit sie (im Sommer 2017) neben dem US-amerikanischen auch den deutschen Pass hat, hat sie aber noch ein neues Gefühl für ihre Wurzeln entwickelt - neben dem Aspekt, sich in der Heimat ihres Vaters ganz selbstverständlich zu bewegen, fühlt sie Demut. "Ich habe in Berlin das Gefühl, dass ich meinem Vater auf eine gewisse Art nahe bin." Möchte sie Deutsch lernen? "Auf jeden Fall. In einer Gruppe, damit ich viele Leute kennenlerne. Ach ja, und eine bezahlbare Wohnung in Berlin wäre nicht schlecht, das scheint ja nicht so einfach zu sein", lacht sie. Nicola Lubitsch ist oft in Berlin, allein weil sich das Grab ihrer Großeltern auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee befindet. Und was ist jetzt anders, wenn sie in die Stadt kommt? "Dass ich bei der Einreise keinerlei Formalitäten erledigen muss, ich muss nur meinen Pass zeigen", strahlt sie.

Der Ernst-Lubitsch-Preis wird am Sonntag, 28. Januar, im Kino Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz verliehen. Nicola Lubitsch, Charly Hübner und frühere Preisträger werden anwesend sein.

Quelle: ntv.de