VIP VIP, Hurra!Was Goethe über Lilly Becker geschrieben hätte
Die Promikolumne von Verena Maria Dittrich
Hitzewelle, halbnackte Männer, Lilly Becker und ein Rosenkrieg, der nicht enden will. Was Goethe damit zu tun hat? Mehr, als man zunächst vermuten würde! Die neue VIP-Ausgabe über Vorurteile, Schlagzeilen und die Kunst des gepflegten Klatschs.
Hitzewelle in Deutschland. Die Wetterkarten zeigen ein tiefes Rot. Warnungen gehen raus, alle sind alarmiert und zuverlässig erscheinen überall dieselben Ratschläge: viel trinken, die Mittagssonne meiden und möglichst keinen schwarzen Pulli anziehen. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber irgendwann fühlt man sich dabei ein bisschen wie ein Kleinkind, dem man erklärt, dass eine heiße Herdplatte tatsächlich heiß ist.
Ja, ich gebe es zu, mit der Hitze wird manchmal auch bei mir das Nervenkostüm ein bisschen fragiler. Gleichzeitig bin ich mir meiner Verantwortung durchaus bewusst, lieber Leser. Schließlich schreiben wir hier immer noch eine Promikolumne und keine Meckerkolumne, obschon ich finde, dass man das Meckern nun wirklich nicht verteufeln sollte. Es sorgt mitunter für Spannungsabbau und außerdem kommt es ja immer darauf an, wie man etwas sagt.
Heute Morgen beispielsweise, als ich mich auf diese Kolumne vorbereitete, blieb ich an ein paar Medienartikeln hängen. Vielleicht liegt es an der Hitze oder auch daran, dass ich inzwischen etwas empfindlich geworden bin. Jedenfalls fiel mir wieder einmal auf, wie häufig heute weniger berichtet als vielmehr bewertet wird. Oder anders gesagt: wie sehr die eigene Meinung inzwischen Teil der Berichterstattung geworden ist. Dazu gleich mehr.
An dieser Stelle muss ich dann aber doch noch einmal kurz meckern, und zwar über das inzwischen fast schon reflexhafte Männer-Bashing in Teilen unserer Medienlandschaft. Dort werden Männer regelmäßig und gerne pauschal zu den größten Waschlappen des Planeten erklärt. Man brauche sie eigentlich gar nicht mehr, heißt es dann. Und nicht wenige, vor allem junge Frauen, scheinen Männer-Bashing inzwischen mit Feminismus zu verwechseln.
Halbnackte Männer und fehlende Manieren
Da wird sich mit einer Inbrunst darüber echauffiert, wenn einem in der U-Bahn ein Bauarbeiter bei 34 Grad mit freiem Oberkörper gegenübersitzt. Die meisten Männer hätten ja überhaupt keine Manieren, heißt es dann, und ich denke mir: Moment, das ist jetzt also der Stein des Anstoßes? Da wird von gutem Geschmack gefaselt und über "Typen" geschrieben, die es bei Hitze wagen, obenrum blankzuziehen. Finde ich persönlich das toll? Nee. Aber ich glaube, wir haben weitaus größere Probleme, als ellenlange Abhandlungen über Männer zu schreiben, die mit freiem Oberkörper in der U-Bahn oder im Gras sitzen und ihr Feierabendbier genießen.
Eine neutrale und möglichst wertfreie Berichterstattung scheint in diesen Zeiten ohnehin ein wenig aus der Mode gekommen zu sein. Und damit sind wir auch schon beim Thema der heutigen VIP-Ausgabe. Eigentlich wollte ich über Lilly Becker schreiben, die am 25. Juni 50 Jahre alt geworden ist und neuerdings über ihren neuen Lebensabschnitt und die Endlichkeit des Lebens spricht. Da sind wir der Philosophie näher, als man im Boulevard zunächst vermuten würde. Denn wussten Sie eigentlich, wie gern die großen Geister getratscht haben?
Goethe und Schiller verbrachten Jahre damit, sich Briefe über andere Leute zu schreiben. Sie analysierten Kollegen und lästerten über literarische Gegner. Der einzige Unterschied zum Boulevard war, dass der Gossip damals Weltliteratur hieß und mit Gänsefeder zu Papier gebracht wurde.
Ich plädiere ja dafür, dass wir wieder mehr Gossip in seiner alten Form brauchen. Liebschaften, Affären, kleine Skandale und große Eitelkeiten. Mehr Lady Whistledown, mehr Dichter und Denker, weniger Leute, die mit jedem zweiten Satz den nächsten moralischen Flächenbrand entfachen. Und das ausgerechnet bei dieser Hitze. Alarm!
Irgendwo zwischen Weimar und der Gegenwart
Stellen wir uns also einmal vor, Johann Wolfgang von Goethe hätte seinem Freund Friedrich Schiller einen Brief geschrieben.
Hochverehrter Freund,
man berichtet mir dieser Tage von einer Dame namens Lilly Becker, die jüngst ihr fünfzigstes Lebensjahr vollendet hat. Sie erklärte öffentlich, sie wolle nach harten Jahren fortan nur noch genießen, sehe sich als selbstbewusste, starke Mutter, Unternehmerin und Frau. Ein durchaus ehrenwerter Vorsatz, möchte man meinen.
Indes erreicht mich beinahe zeitgleich die Nachricht, ein wohltätiger Verein warte seit Monaten auf eine vereinbarte Zahlung aus einer Benefizauktion. Die Chronisten überschlagen sich bereits. Manche scheinen weniger an der offenen Rechnung interessiert zu sein als an der Gelegenheit, die Dame mit spitzer Feder zu richten. "Mit Rechnungen begleichen hat es Lilly Becker nicht so", schreiben sie. Welch merkwürdige Form der Berichterstattung. Seit wann gehört das Urteil in die Überschrift und nicht in die Köpfe der Leser?
Schiller hätte vermutlich geantwortet:
Lieber Freund,
nichts ist vergänglicher als der Ruf und nichts beständiger als die Lust der Menschen, über andere zu urteilen. Doch eine andere Begebenheit scheint mir mindestens ebenso bemerkenswert. Während man Frau Becker öffentlich wegen einer offenen Forderung kritisiert, lässt sie gleichzeitig ihren jahrelangen Rosenkrieg mit Boris Becker weiter vor Gericht austragen. Sogar ein Gerichtsvollzieher überraschte den einstigen Tennishelden bei einer Veranstaltung. Gepfändet wurde am Ende lediglich seine Armbanduhr. Ihr Anwalt erklärt, es gehe seiner Mandantin dabei nicht um sie selbst, sondern ausschließlich um den gemeinsamen Sohn Amadeus. So endet selbst der größte Rosenkrieg irgendwann nicht mit Rosen, sondern mit Aktenordnern.
Und irgendwo zwischen Weimar und der Gegenwart hätten sich vermutlich beide darauf geeinigt, dass sich die Leute in 200 Jahren erstaunlich wenig verändert haben. Nur die Briefe sind verschwunden. Heute heißen sie Push-Nachrichten.