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"Glow": Wrestling in Serie Wenn Frauen sich prügeln

Sie tragen Föhnfrisuren und glitzerndes Augen-Make-up. Zuschlagen können sie trotzdem. "Glow", die Serie über die Anfänge des Frauen-Wrestlings, geht in die zweite Runde. n-tv.de hat die beiden Hauptdarstellerinnen Alison Brie und Betty Gilpin getroffen. Im Interview sprechen die beiden über Kneipenkämpfe, ungefällige Frauen und den Weinstein-Skandal.

n-tv.de: Wenn Sie jemand auf der Straße angreifen würde, könnten Sie tatsächlich mit demjenigen kämpfen oder ist das alles nur Show?

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Betty Gilpin: Man braucht schon die Einwilligung und Kooperation des Gegenübers, um zu wrestlen. Wenn ich nach dem Wrestling-Training in eine Kneipenschlägerei geraten würde, könnte ich durchaus einen Schlag platzieren. Aber ich würde wohl rechtzeitig einen Rückzieher machen, um niemanden zu gefährden.

Alison Brie: Ich könnte mir vorstellen, dass ich ziemlich schnell zu Haareziehen und Beißen übergehen würde. (lacht)

Was gefällt Ihnen denn in Zusammenhang mit der Serie am besten: das Gratis-Work-out oder die Chance, im wahrsten Sinne des Wortes starke Frauen zu porträtieren?

Gilpin: Wrestling zählt ja nicht wirklich als Work-out. Man verletzt sich mehr oder weniger einfach immer und immer wieder. Aber es macht irre viel Spaß! Wrestling und weibliche Selbstermächtigung fühlen sich ähnlich an. Man bekommt die Chance, so zu werden, wie man sich das als siebenjähriges Mädchens bei einer Übernachtungsparty mit Freundinnen erträumt hat.

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Können zuschlagen, würden das aber selbstverständlich nie tun: Betty Gilpin und Alison Brie.

(Foto: Erica Parise/Netflix)

Brie: Ich sehe das genauso. Wrestling kann sich wie Training anfühlen, wenn wir einzelne Kämpfe zwölf Stunden am Stück drehen - also wenn wir vollen Krafteinsatz bringen müssen. Aber während wir üben, sitzen wir auch viel herum und gucken den anderen Frauen zu, lernen, Bewegungsabläufe zu verstehen, oder besprechen die Choreografie. Wrestlen zu lernen, hat den gesamten Cast wahnsinnig gestärkt. Wir haben gelernt, unsere Körper anders einzusetzen und auf andere Weise zu kommunizieren. Die enge Zusammenarbeit mit anderen Frauen ist das, woran ich mich erinnern werde. Ich weiß nicht, ob ich mein ganzes Leben lang wrestlen werde, aber ich hoffe, dass die Selbstermächtigung, die ich erfahren habe, für immer ein Teil von mir bleibt.

Frauenpolitische Themen werden bei "Glow" regelmäßig aufgegriffen. Eine Szene der neuen Staffel wird infolge des Weinstein-Skandals besondere Aufmerksamkeit erfahren. Wurde sie als Reaktion darauf geschrieben?

Beide: Nein!

Brie: Sie ist vorher geschrieben worden - also vor der #MeToo-Bewegung und all den Enthüllungen in dem Zusammenhang. Ein interessanter Aspekt beider Staffeln "Glow" ist, dass unsere Autoren so vorausschauend gearbeitet haben. Sie wollten über Dinge schreiben, die einfach mal angesprochen werden mussten. Im Rahmen der Serie sollten sie auf sehr authentische Weise verhandelt werden. Und dann sind die Nachrichten quasi mit unserer Geschichte kollidiert. Das macht sie nun besonders relevant. Wir können uns glücklich schätzen, an einer Show beteiligt zu sein, die diese Art von Themen direkt und ehrlich angeht.

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Betty Gilpin (l.) und Alison Brie spielen in "Glow" einstige Freundinnen, die sich nicht mehr leiden können.

(Foto: Erica Parise/Netflix)

Gilpin: Genau. Was gerade passiert, hat ja auch diese etwas seltsame Seite. So von wegen: "Das ist eine Eilmeldung! Es wird ein Geheimnis darüber gelüftet, wie die Welt funktioniert." Dabei kommt das alles doch nicht überraschend. Unsere Staffel wurde zwar vor Time's Up und #MeToo geschrieben …

Brie: … aber Sexismus gab es vorher schon.

Man weiß bei "Glow" nie so genau, ob man Ihre Figuren Ruth und Debbie sympathisch finden soll. Wieso verwirren einen nur eingeschränkt liebenswerte Frauenfiguren in Film und Fernsehen bis heute?

Gilpin: Mich verwirrt das auch! Ich glaube, dass Liz Flahive und Carly Mensch (Macher der Serie; Anm. d. Red.) Wrestling als Metapher nutzen. Beim Wrestling ist völlig klar, wer der Gute und wer der Böse ist. Außerhalb dieser Welt gibt es mehr Grauzonen. Wir haben uns daran gewöhnt, Frauenfiguren zu sehen, die entweder süß sind oder durchweg böse - sie haben nur ein Charaktermerkmal. Man schaut sie sich an und weiß genau, wer sie sind. Im Gegensatz dazu spielen wir bei "Glow" echte Menschen.

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Sieht schmerzhaft aus, ist aber alles nur Show.

(Foto: Beth Dubber/Netflix)

Brie: Die Leute mögen keine ungefälligen Frauen. Männern gestehen sie da mehr zu. Das sieht man zum Beispiel am Arbeitsplatz. Eine Frau, die sich durchsetzt, ist zickig oder kalt. Im Gegensatz dazu werden Männer, die sich durchsetzen, als mächtig empfunden und für dieses Merkmal verehrt. Bei Figuren im Fernsehen ist es ähnlich. Es gab schon immer großartige Männerfiguren mit massiven Charakterfehlern. Die zählten beinahe zu den Bösen und trotzdem haben die Leute sie vergöttert. Es ist eine Entwicklung der jüngeren Zeit, zu sagen: "Hey, Frauen können genauso sein." Es geht nicht um Perfektion - im Gegenteil. Legt unsere Figuren komplex an, lasst die Zuschauer darüber nachdenken, ob sie sie mögen oder nicht. Lasst die Leute unterschiedliche Meinungen zur selben Figur haben!

Herrscht eine besondere Atmosphäre, wenn eine Gruppe aus so verschiedenen Frauen am Set ist? Unterschiedliche Hintergründe, unterschiedliche Altersgruppen …

Brie: Absolut, da gibt es eine besondere Energie! Nicht nur, weil wir viele Frauen sind. Es ist so, wie Sie es beschreiben: Es sind verschiedene Typen von Frauen. Der Cast der Show ist auf eine ganz besondere Weise zusammengestellt. Es ist ein bisschen wie bei "Orange Is the New Black". Wir hatten dieselbe Casting-Chefin, Jen Euston. Für beide Formate wurden Frauen mit ganz unterschiedlichen Biografien ausgewählt.

Zum Beispiel?

Brie: Nicht alle von uns sind Schauspielerinnen. Kate Nash kommt aus dem Musikgeschäft, Jackie Tohn macht Stand-up-Comedy und Sunita Mani ist zwar Schauspielerin, aber sie hat auch ihre eigene Tanztruppe. Brittany Young hat auf der Produktionsseite gearbeitet, bevor sie geschauspielert hat … Jede von uns kann einzigartige Facetten in ihre Rolle einweben.

Gilpin: Als wir für "Glow" zusammengekommen sind, waren wir zwar an verschiedenen Punkten in unserem Leben, aber in einer Sache einig. Jede von uns wusste: "Ich habe keine Lust mehr, etwas vorgeben zu müssen und immer zu versuchen, die richtige Antwort zu erraten. Ich werde bei diesem Job einfach 100-prozentig ich selbst sein und sehen was passiert."

Mit Betty Gilpin und Alison Brie sprach Anna Meinecke.

Die zweite Staffel "Glow" ist ab dem 29. Juni abrufbar bei Netflix.

Quelle: n-tv.de

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