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"Neue Stufe der Verrohung" Westernhagen gibt sieben Echos zurück

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Schafft Platz in seinem Zuhause und seinem Herzen: Westernhagen.

(Foto: picture alliance / Rainer Jensen)

Der Skandal um die jüngste Echo-Verleihung erreicht einen neuen Höhepunkt. Immer mehr ehemalige Preisträger wollen ihre Auszeichnung nicht mehr haben, darunter nun auch kein Geringerer als Westernhagen. Er gibt alle seine bisherigen Trophäen zurück.

Die Kritik am Musikpreis Echo reißt nicht ab - und gleicht inzwischen einem Erdbeben. Schließlich hat nun mit Westernhagen auch einer der prominentesten deutschen Künstler angekündigt, sich durch die Rückgabe seiner bisherigen Auszeichnungen von der Veranstaltung zu distanzieren.

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Wie andere zieht er damit die Konsequenz aus der Auszeichnung der Rapper Farid Bang und Kollegah für ihr Album "Jung, Brutal, Gutaussehend 3" am vergangenen Donnerstagabend. Auf dem Album befinden sich Textzeilen wie "Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen" und "Mache wieder mal 'nen Holocaust, komm' an mit dem Molotow". Kritiker werten dies als Antisemitismus.

"Substanzlos und dumm"

Westernhagen erläutert seine Entscheidung in einem langen Post auf seiner Facebook-Seite. "Mit großem Interesse habe ich von Südafrika aus die peinlichen Vorkommnisse bei der diesjährigen Echo-Verleihung und die darauf entstandene Debatte verfolgt", schreibt der Musiker. "Die Verherrlichung von Erfolg und Popularität um jeden Preis demotiviert die Kreativen und nimmt dem künstlerischen Anspruch die Luft zum Atmen. Eine neue Stufe der Verrohung ist erreicht", fährt er fort.

Künstler hätten "eine besondere gesellschaftliche Verantwortung", erklärt der 69-Jährige. "Sich hinter künstlerischer Freiheit zu verstecken oder kalkulierte Geschmacklosigkeiten als Stilmittel zu verteidigen, ist lächerlich. Provokation um der Provokation willen ist substanzlos und dumm. Und eine Industrie, die ohne moralische und ethische Bedenken Menschen mit rassistischen, sexistischen und gewaltverherrlichenden Positionen nicht nur toleriert, sondern unter Vertrag nimmt und auch noch auszeichnet, ist skrupellos und korrupt."

"Zerfall einer kultivierten Gesellschaft"

Mit Blick auf Farid Bang und Kollegah sagt Westernhagen, er glaube nicht, dass sie Antisemiten seien. "Sie sind einfach erschreckend ignorant. Money makes the world go round."

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Am Donnerstag freute sich Klaus Voormann noch über seinen Echo - wenig später gab er ihn als einer der ersten zurück.

(Foto: dpa)

Der Echo sei "in der kulturellen Welt nie relevant" gewesen, stellt Westernhagen fest. "Aber hier geht es nicht um das Kalkül der profitmaximierenden Musikindustrie und ihrer Mechanismen. Es geht im Kern um den Zerfall einer kultivierten Gesellschaft, der zunehmend der innere moralische Kompass abhandenkommt, und dem sehen wir schon viel zu lange zu, ohne genügend Widerstand zu bieten."

Er werde sich deshalb seinem "geschätzten Freund und Kollegen Klaus Voormann" anschließen und alle seine Echos zurückgeben. "Das schafft Platz bei mir zu Hause und in meinem Herzen." Voormann, der als der "fünfte Beatle" bekannt wurde und am Donnerstagabend für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde, war einer der ersten, die in den vergangenen Tagen erklärten, ihre Auszeichnung zurückgeben zu wollen. Wenig später folgte zudem das Berliner Notos Quartett, das seinen Echo Klassik vom vergangenen Herbst nicht länger haben will.

Weitere Künstler schließen sich an

Mittlerweile trennten sich überdies der Pianist Igor Levit und der Dirigent Enoch zu Guttenberg von ihren Trophäen. Die Vergabe des Preises an die beiden Rapper sei für ihn "ein vollkommen verantwortungsloser, unfassbarer Fehltritt der Echo-Jury und gleichzeitig auch Ausdruck für den derzeitigen Zustand unserer Gesellschaft", schreibt Levit auf Twitter. "Antisemitischen Parolen eine solche Plattform und Auszeichnungen zu geben, ist unerträglich." Levit hatte 2014 einen Echo Klassik erhalten.

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Wurde 2014 ausgezeichnet: Pianist Igor Levit.

(Foto: picture alliance / Ursula Düren/)

"Nachdem solch ein Preis nun im Jahr 2018 auch Verfassern von widerwärtigen antisemitischen Schmähtexten verliehen und noch dazu vom 'Ethikrat' Ihres Verbandes bedenkenlos freigegeben wurde, würden wir es als Schande empfinden, weiterhin diesen Preis in unseren Händen zu halten", schreiben unterdessen Guttenberg und Andreas Reiner vom Orchester Klangverwaltung an die Veranstalter. Guttenberg und das Orchester hatten 2008 einen Echo Klassik bekommen.

Uneinigkeit im Beirat

Der Präsident des Deutschen Kulturrats, Christian Höppner, kündigte derweil an, sich aus dem Echo-Beirat zurückzuziehen. Das Gremium hatte sich gegen den Ausschluss des umstrittenen Albums von Kollegah und Farid Bang entschieden. Dies sei ein "Fehler" gewesen, so Höppner in einer Mitteilung.

Der Sprecher des Beirats verteidigt dagegen die Entscheidung. "Grenzüberschreitungen sind nicht akzeptabel, aber sie sind ein Teil der Musikkultur", sagt der CDU-Politiker Wolfgang Börnsen. Der Beirat habe die Entscheidung gemeinsam getroffen, erklärt er. Das Gremium habe die Texte der Rapper für unvertretbar und unwürdig gehalten.

Zugleich unterstreicht Börnsen: "Uns mangelt es an Eigenverantwortung der Künstler." Er wolle die Diskussion nach vorne lenken. Man müsse daraus lernen. "Es braucht ein neues Wertesystem." Es gehe auch um Themen wie Hass, Frauenfeindlichkeit und Sympathien für Terrorismus.

"Imponierend" habe er den Echo-Auftritt von Campino gefunden, so Börnsen. Der Frontmann der Toten Hosen hatte während der Show erklärt, wenn es um frauenverachtende, homophobe, rechtsextreme und antisemitische Beleidigungen gehe, sei für ihn die Grenze überschritten.

Konzept soll überarbeitet werden

Der Echo ist der wichtigste deutsche Musikpreis, eine Art deutscher Grammy. Er wird nach Verkaufszahlen und Juryempfehlung vergeben. In strittigen Fällen wird ein Beirat angerufen. Im Fall des Rap-Albums hieß es vor der Verleihung, die künstlerische Freiheit sei in dem Text "nicht so wesentlich übertreten", dass ein Ausschluss gerechtfertigt wäre.

Zu den frühen Kritikern dieser Entscheidung gehörte auch Peter Maffay. Er forderte die Verantwortlichen zum Rücktritt auf. Der Bundesverband Musikindustrie kündigte angesichts der zahlreichen Proteste inzwischen an, das Konzept des Preises überarbeiten zu wollen.

Quelle: n-tv.de, vpr/dpa

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