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Lynchjustiz-"Tatort" Wilder Westen in Hamburgs Süden

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Haben die Zivilbevölkerung nicht hinter sich: Falke (Wotan Wilke Möhring, l.) und Grosz (Franziska Weisz)

NDR/Sandra Hoever

Das Gewaltmonopol liegt beim Staat. "Treibjagd" will zeigen, was passiert, wenn "besorgte Bürger" das Gesetz in die eigene Hand nehmen, über Leben und Tod entscheiden - und keinen Unterschied zwischen Einbrechern und Kommissaren machen.

Neugraben ist eine typische Vorstadtsiedlung im Hamburger Speckgürtel: gedrungene Einfamilienhäuser, Gartenzwerg-Idylle, man kennt sich. Hamburger Innenstadtbewohnern ist Neugraben maximal ein Begriff, wenn sie nachts schon mal besoffen an der Reeperbahn in die S3 gestiegen, eingeschlafen und erst wieder an der Endhaltestelle Neugraben aufgewacht sind. Im neuen "Tatort" ist in der Vorstadtsiedlung allerdings die Hölle los: Eine Diebesbande treibt ihr Unwesen, die Polizei scheint machtlos.

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Versteckt sich vor Polizei und "besorgten Bürgern": Maya (Michelle Barthel)

(Foto: NDR/Christine Schroeder)

Das alleine macht natürlich noch keinen "Tatort", die Überreaktion eines "besorgten Bürgers" allerdings schon: Dieter (Jörg Pose) erwischt einen nächtlichen Einbrecher in flagranti und streckt ihn mit einem Schuss nieder. Weil in der Hand des Einbrechers eine (Spielzeug-)Pistole gefunden wird, vermuten die Kommissare Falke (Wotan Wilke Möhring) und Grosz (Franziska Weisz) zunächst Notwehr, doch der Fund einer zweiten Patronenhülse wirft Fragen auf: Gab es einen zweiten Einbrecher? Und handelte Dieter überhaupt in Notwehr?

Hetzjagd auf Kommissare

"Treibjagd" ist kein klassischer "Whodunnit"-Krimi, schon relativ früh haben die Zuschauer alle nötigen Fakten zur Hand. Der Fokus dieses "Tatorts" liegt allerdings auch nicht auf der klassischen Tätersuche, Samira Radsi hat einen sozialmoralischen Auftrag: Die Regisseurin, die auch schon an "Deutschland 83" mitwirkte, will aufzeigen, wie gefährlich es sein kann, wenn "besorgte Bürger" das Gesetz selbst in die Hand nehmen: Weil ihnen die Aufklärungsarbeit der Polizei zu langsam geht, organisieren sie sich in einem Internetforum und veranstalten eine regelrechte Hetzjagd auf Einbrecher und Kommissare gleichermaßen.

Radsis Plan geht auf: Wenn man es nicht ohnehin schon weiß, versteht man als Zuschauer recht schnell, warum das Gewaltmonopol heutzutage beim Staat liegt und Lynchjustiz - zumindest in Deutschland - der Vergangenheit angehört. Ein weniger glückliches Händchen beweist die Regisseurin allerdings bei der Auswahl der Nebendarsteller, die teilweise arg hölzern durch die Vorstadtidylle stolpern. Nicht so ganz nachvollziehbar ist auch die Eskalationsspirale: Ob in Bürgerwehren die Mordbereitschaft tatsächlich so hoch ist wie in "Treibjagd" sei mal dahingestellt - es bleibt zumindest zu hoffen, dass nicht.

"Wir sind hier alle rechtschaffene Leute in der Straße", schreit im ersten Drittel des Films einer der Anwohner die Kommissare an, die gerade eine routinemäßige Befragung hinter sich haben. Dass jemand, der so etwas betonen muss, selten eine weiße Weste hat, ist ein offenes Geheimnis. Und zwar eines, das sich auch in diesem Fall bestätigt: Wie genau, schaut sich am besten jeder selbst an. Es lohnt sich.

Quelle: n-tv.de

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