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Catcher, Chauffeusen, Karneval Als Köln wieder anfing zu leben

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Elegant mit Hut: Frau im Café, 1957.

Foto Fred Jaeger/Copyright Eva Neubert

Köln wurde im Zweiten Weltkrieg stark zerstört und lag in Trümmern. Aber nicht die hielt Fred Jaeger in Bildern fest, sondern die unerschütterliche Lebenslust der Kölner. "Persil und Petticoat" zeigt die Stimmung der Nachkriegszeit in Hunderten Fotos.

Etwa 260 Mal wurde Köln im Zweiten Weltkrieg durch die Alliierten bombardiert, die Innenstadt war bei Kriegsende zu 90 Prozent zerstört. Als Fred Jaeger, im November 1918 in Köln geboren, 1949 in seine Heimatstadt zurückkehrte, lag sie noch voller Trümmer. Im Krieg war Jaeger Fotoreporter an Westfront in den Niederlanden - nun arbeitete er als freier Fotograf für Magazine und Zeitungen. Und er dokumentierte, wie die Stadt und ihre Menschen zu neuem Leben erwachten. Ihren Lebenshunger, die Sehnsucht nach Vergnügen, Abwechslung und Zerstreuung, aber auch den neuen Wohlstand der Fünzigerjahre.

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Artist als Charlie Chaplin auf dem Messeturm.

(Foto: Foto Fred Jaeger/Copyright Eva Neubert)

Dabei entstand ein umfangreiches Archiv mit Zehntausenden Aufnahmen - der große Bildband "Persil und Petticoat. Köln von 1949 bis 1959" zeigt davon eine Auswahl von 240 Schwarz-Weiß-Fotos, die zum großen Teil bisher unveröffentlicht waren. Ergänzt werden die meist großformatigen Aufnahmen mit kurzen erklärenden Texten und einem Vorwort von Volker Kutscher, dem Erfolgsautor der Romanvorlagen für "Babylon Berlin".

Weg vom Nachkriegselend

Der Bildband ist in die vier Kapitel "Alltag", "Vergnügen", "Karneval" und "Sport" unterteilt - allerdings ist diese Gliederung nicht sehr streng erfolgt, sondern überaus locker. Immerhin ist Karneval ja in erster Linie auch Vergnügen und unter "Alltag" fällt hier alles von Kaffeehaus bis Verkehr.

Persil und Petticoat. Köln von 1949 bis 1959: Fotografien von Fred Jaeger
EUR 35,00
*Datenschutz

Auf den Bildern wird deutlich: Die Menschen wollten vergessen - den Krieg, die (immer noch sichtbaren) Ruinen, die Not, das Nachkriegselend. Schicke, glänzende Autos sind zu sehen, elegante Frauen im Café, VW Käfer und Vespas, Büdchen und Kölsch-Kneipen, große Kinowerbung, Modenschauen und Miss-Wahlen. Beginnender neuer Wohlstand zeigt sich in Form moderner Haushaltsgeräte; das Telefon hält Einzug in Privathaushalte. Auch etwas Glamour gibt es - durch Stars wie Maria Callas, Romy Schneider und Caterina Valente. Und durch VL, den "Volkslippenstift" der Firma Riz für 1,50 Mark.

Der Männermangel nach dem Krieg brachte es mit sich, dass Frauen in vorher für sie ungewöhnlichen Berufen Fuß fassen konnten - so lichtete Jaeger etwa die "Chauffeusen" des Dom-Hotels ab, mit ihren schicken Opel- und Mercedes-Limousinen. Auch heute ausgestorbene Berufe oder Einrichtungen zeigt der Bildband: eine Zugsekretärin erledigt Schreibarbeiten während der Fahrt; ein "Treffbuch" zur Verabredung von Reisenden liegt am Bahnhof aus.

Strickschlüpper und Karneval

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Ein Kölner Original der 1950er war der Boxer Peter Müller (l.), wegen seiner gebückten Kampfhaltung auch "Müllers Aap" oder "Dä Aap" genannt.

(Foto: Foto Fred Jaeger/Copyright Eva Neubert)

Auf den Aufnahmen des großen Rhein-Hochwassers von 1955 wird erkennbar, wie einfallsreich die Kölner waren (und sein mussten), um ihren Alltag trotzdem zu bewältigen und mit der Katastrophe klarzukommen: Einkäufe werden per Ruderkahn erledigt, eine Zinkwanne dient als Mini-Boot.

Ein weniger bekanntes Phänomen bekommt im letzten Abschnitt "Sport" Erwähnung und Würdigung: Das "Catchen" (heute bekannt als Wrestling) hatte in den 1950er- und 1960er-Jahren seine Blütezeit. "In Deutschland orientierte man sich am englischen Catchen, das weniger Schau, sondern sportlichen Charakter hatte", heißt es dazu im Buch. Und uns wird das Vergnügen zuteil, den locker sitzenden Strickschlüpper von Boxer Peter Müller zu Gesicht zu bekommen. Er wurde wegen seiner gebückten Kampfhaltung auch "Müllers Aap" oder "Dä Aap" genannt; um seine Person ranken sich unzählige Anekdoten.

Erster Nachkriegs-Karnevalsumzug 1949

Und natürlich kommt ein wichtiges Thema nicht zu kurz: Karneval! Den ersten Rosenmontagszug nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte Köln 1949 - da war die Stadt noch voller Trümmer: "Zum ersten Mal nach dem Krieg wurde der Karneval am 11.11.1949 um 11 Uhr 11 wieder am Ostermannbrunnen in der Altstadt eröffnet. Der Brunnen war 1939 unter Teilnahme aller Karnevalsvereine eingeweiht worden und hatte den Krieg wie durch ein Wunder unversehrt überstanden", erfährt man hier.

Wie auch heute noch waren in den Nachkriegsjahren die Umzugswagen nicht ohne politische Bezüge - damals etwa mit Anspielungen auf den Kalten Krieg, Witze über die schnelle Entnazifizierung (etwa mit "Anti-Nazin-Creme" und einer Spritze "Demokratin") und Spruchbannern mit "Ich weiß nix mie". Doch auf den meisten Karnevals-Schnappschüssen sieht man Kölner beim Feiern, Knutschen, Quatschmachen. Einfach mal wieder unbeschwert Spaß haben! Rheinische Frohnatur in Bildern.

Quelle: n-tv.de

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