Amelie Fried ist "Eine von uns""Jede Sekunde kann sich das Leben ändern"

Nelly hat ein wunderbares Leben: Ihr Mann sorgt dafür, dass Frau und Kinder es gut haben. Nelly sorgt dafür, dass alles schön sauber ist. Eines Tages zerbricht das Idyll, Abgründe tun sich auf. Hält die Familie das durch? Amelie Fried spricht mit ntv.de über alte Rollenbilder, die nie wieder en vogue sein sollten.
ntv.de: Wie würden Sie Ihr neues Buch beschreiben?
Amelie Fried: Eine Mischung aus Unterhaltung und einem wichtigen gesellschaftlichen Thema. Das ist das Prinzip in all meinen Büchern, würde ich sagen.
Lesen Männer Ihre Bücher?
Nicht überwiegend (lacht), aber es gibt welche. Meiner zum Beispiel, wenn er nicht selbst ein Buch schreibt. Er hat gerade seinen neuesten Krimi herausgebracht. Aber neulich kam ein älterer Herr auf mich zu nach einer Lesung und sagte: "Wissen Sie, Frau Fried, ich habe nirgends so viel über Frauen gelernt wie in Ihren Büchern." Das fand ich toll.
Quasi eine Fortbildung …
Ja, eine Fortbildungsmaßahme für Männer, die etwas über Frauen lernen wollen.
Wie haben Sie Ihre Hauptfigur, Nelly, dieses Mal kreiert?
Die Nelly hat kein lebendes Vorbild. Bei der "Traumfrau" hat eine meiner Freundinnen Modell gestanden, aber Nelly ist eine Mischung aus vielen Beobachtungen, die ich gemacht habe. Es geht um Frauen, auch jüngere Frauen, die wieder in diese Falle tappen, sich wirtschaftlich komplett von ihrem Mann abhängig zu machen. Die klassische Geschichte: Jüngere Frau lernt etwas älteren, erfolgreichen Mann kennen, sie heiraten, Kinder kommen, sie kümmert sich um alles, nur nicht um ihren Beruf oder ihre Selbstständigkeit. In Nellys Fall ist er ja fast ein Ritter auf dem weißen Pferd, da er sie aus der Provinz und von den lieblosen Eltern befreit.
Sie richtet sich daraufhin in ihrem bequemen Vanilla-Leben ein, alles ist beige und sauber …
Ja, der Ehemann verdient gut, er wünscht sich, dass sie zu Hause bleibt, sich um die Kinder und das Heim und das Sozialleben kümmert. Wenn beide einverstanden sind, ist das natürlich ein legitimes Modell. Aber wie wir inzwischen wissen, geht es doch meist auf Kosten der Frauen. Immer dann, wenn der Mann seinen Part, aus welchen Gründen auch immer, nicht mehr erfüllt.
Das erinnert an die Tradwife-Bewegung …
… ja, das hat mich alarmiert und inspiriert. Ein wirtschaftliches Rollback, eine geradezu erschütternde Bewegung, wenn man bedenkt, dass Frauen seit Generationen für Gleichberechtigung, mehr Teilhabe und ihre Rechte gekämpft haben. Das ist der eine Aspekt meiner Geschichte, und der andere das, was passiert, wenn sich das Leben schlagartig, von einem Moment auf den anderen, ändert. Und das kann nun wirklich jedem passieren. Was macht ein Schicksalsschlag mit einer Familie, mit den Kindern, habe ich mich gefragt.
Nellys Freundinnen sind gar keine richtig guten Freundinnen – warum haben so viele Frauen einen Kokon um sich herum, so hohe Mauern?
Ich habe in meinem Umfeld ein paar Unglücksfälle erlebt, das hat mich schon beschäftigt. Und viele Frauen sagen weiterhin lieber "alles super", obwohl es in ihnen ganz anders aussieht. Jede Sekunde kann sich das Leben ändern, und wenn das Leben auf dem Kopf steht, dann zeigt sich, wer wir wirklich sind. Das ist die Geschichte, die ich erzählen wollte.
Warum sind wir nicht ehrlicher untereinander?
Wir erleben in Deutschland eine Zunahme von Klassenunterschieden, die soziale Schere geht immer weiter auseinander. Die Milieus schotten sich immer mehr voneinander ab, es gibt immer weniger Verbindungen - das halte ich für sehr problematisch. Da mag sich niemand mehr so richtig öffnen.
Nochmal zu den Tradwifes, wie sieht das hierzulande aus?
Es ist festzustellen, dass sich rechtsextreme Gruppierungen diesen "Trend" aneignen und dass viele dieser vermeintlich netten, Kuchen backenden Frauen in rechten Netzwerken anzutreffen sind. Es mag Frauen geben, die das wirklich nur aus Spaß machen, es befeuert aber auf jeden Fall ein Klima des Rückschritts. Ja, die Welt ist komplex und anstrengend, und viele wünschen sich zurück in eine angeblich gute alte Zeit. Die hat es aber so nie gegeben, das ist eine Illusion. Ich halte dieses Kopf-in-den-Sand-Stecken für eine gefährliche Entwicklung.
Wir sind in einer Zeit aufgewachsen, wo alles immer schneller, höher, weiter ging – das ist ja schon lange nicht mehr so.
Die Generation unserer Kinder wird es schwer haben, sich zum Beispiel aus eigener Kraft eine Immobilie zu kaufen, es sei denn, sie erben. Aber durch ehrliche Arbeit kann sich heute ein Normalverdiener kaum mehr ein Vermögen aufbauen. Das Aufstiegsversprechen, das unsere Generation noch kennengelernt hat, gibt es nicht mehr. Und das macht den Menschen Angst.
Haben Sie jemals Existenzängste gehabt?
Ich mit meinem Sicherheitsbedürfnis wäre so prädestiniert für eine Beamtenstelle (lacht)! Stattdessen bin ich eine Schriftstellerin mit unregelmäßigem Einkommen geworden, was für mich selbst am erstaunlichsten ist. Ich hatte aber immer ein gewisses Zutrauen, dass es weitergeht. Und bei meinem Mann sah es nicht anders aus: Der hat damals für seine letzten hundert Euro – nein, D-Mark - einen Anrufbeantworter gekauft, damit er meinen Anruf nicht verpasst (lacht). Er war ein armer Poet. Ich kann mit gutem Gewissen behaupten, dass unsere Ehe eine Liebesheirat war. Wir haben uns gegenseitig unterstützt, sind nach wie vor ein gutes Team. Mit dem Erfolg haben meine Sorgen und Ängste dann auch nachgelassen.
Gehören immer zwei dazu, wenn eine Beziehung scheitert? Nelly fällt aus allen Wolken, als sie erfährt, was ihr Mann vor ihr geheim gehalten hat.
Es ist meist ein Partner, der den Ausschlag gibt, aber die andere Person muss schon sehr blind sein, wenn sie gar keine Zeichen erkennt. Und Frauen – es sind immer noch meist Frauen – müssen sich über die potenziellen Konsequenzen im Klaren sein, wenn sie sich von ihrem Mann abhängig gemacht haben und eines Tages allein dastehen. Letztendlich tut es einer Partnerschaft nicht gut, wenn die Welten von Mann und Frau zu getrennt sind. Das ist eine Schieflage, wenn sich ein Partner über die Arbeit definiert und der andere nur zu Hause ist. Was erzählt man sich da? Wo erkennt man sich da wieder im anderen?
Wird es eine Fortsetzung von "Eine von uns" geben?
Nein. Aber von der Traumfrau. Die Traumfrau wird nämlich siebzig in zwei Jahren!
Was macht eine siebzigjährige Traumfrau aus?
Eine Traumfrau besteht ja nicht nur aus einem Körper, sondern auch aus Geist und Persönlichkeit. Und die können, wenn man gesund ist, durchaus sehr interessant sein. Und natürlich kann man mit siebzig, egal ob Frau oder Mann, attraktiv sein. Und Liebe hat nichts mit dem Alter zu tun, daran glaube ich.
Wird man gelassener?
Das sagt man immer so, als Trost dafür, dass man nicht mehr so gut aussieht (lacht). Es stimmt allerdings, dass man sich ab einem gewissen Alter über bestimmte Dinge nicht mehr so aufregt. Das empfinde ich als große Erleichterung. Ich weiß, dass Zeit kostbar ist, ich kann besser nein sagen, ich mache nur noch Dinge, die den Wert dieser Zeit zu schätzen wissen, und ich werde nicht an mir herumschnippeln lassen, dafür wären mir Geld und Zeit zu schade. Ich habe zum Glück einen Mann, und ich hoffe, der läuft nicht weg.
Mit Amelie Fried sprach Sabine Oelmann
