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"Eternauta", Diktatur und Tod Außerirdische greifen an

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Gegen den tödlichen Schnee hilft nur ein Schutzanzug - die Taucherbrille ist in Südamerika mittlerweile ein bekanntes Symbol.

(Foto: Oesterheld & López / Avant-Verlag)

In den 50ern schreibt Héctor Germán Oesterheld einen Comic über eine außerirdische Invasion. 20 Jahre später wird er vom argentinischen Militär verschleppt und ermordet. Sein Werk "Eternauta" wird zur visionären Legende.

Aliens greifen die Erde an, töten Tausende, wenn nicht Millionen Menschen. Sie setzen Kampfkäfer ein, Gedankenmanipulation und Strahlenkanonen. Doch ein tapferer Haufen Überlebender nimmt den Kampf gegen den übermächtig scheinenden Gegner auf. Können sie die Gegenr aufhalten oder gar zurückschlagen? Auf den ersten Blick ist dies die Geschichte einer außerirdischen Invasion. Gräbt man jedoch tiefer, wird der argentinische Comic "Eternauta" von Autor Héctor Germán Oesterheld und Zeichner Francisco Solano Lòpez zum Spiegel der südamerikanischen Gesellschaft des vergangenen Jahrhunderts. Und zur Vorahnung ihrer dunkelsten Stunden.

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Hector Germán Oesterheld wurde 1919 als Sohn eines deutschen Vaters und einer baskischen Mutter geboren, er starb nach 1977 in einem argentinischen Militärgefängnis.

(Foto: Privat)

Der Ende der 50er Jahre zuerst erschienene Comic ist in Südamerika längst eine Legende, seine Ikonographie weit über die Grenzen Argentiniens bekannt. Nun erscheint das Werk erstmals auf Deutsch und wird gleichzeitig mit einer Ausstellung im Literarischen Colloquium Berlin geehrt. Damit kann nicht nur ein Klassiker erstmals oder neu entdeckt werden. Die Beschäftigung mit dem Buch erinnert auch an das tragische Schicksal von Oesterheld, der nicht nur Journalist und Karikaturist, sondern auch einer der bekanntesten Comickünstler seines Landes war.

Strahlenkanonen und Kampfkäfer

Der Comic beginnt recht ungewöhnlich: In einer Rahmenhandlung erzählt ein mysteriöser Fremder, der sich als Eternauta bezeichnet - als Reisender durch die Zeit -, einem Comicautor die Geschichte seines Lebens, von der Suche nach Frau und Kind, die er in Zeit und Raum verloren hat. Diese Geschichte beginnt ganz harmlos: Vier Freunde spielen im Buenos Aires der frühen 60er Jahre Karten. Durch einen Unfall werden sie aufgeschreckt - verursacht wurde er durch plötzlichen Schneefall. Doch es ist kein gewöhnlicher Niederschlag, der auf die Erde fällt, denn wer mit ihm in Berührung kommt, stirbt.

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Im zweiten Teil erinnert die Geschichte an klassische Kriegscomics.

(Foto: Oesterheld & López / Avant-Verlag)

Die Freunde, darunter der Hausherr Juan Salvo und der so gelehrte wie praktisch veranlagte Favalli, reagieren schnell. Sie dichten das Haus vollständig ab, damit nichts von der giftigen Substanz herein gelangt. Mit einer Mischung aus Schrecken und Unglauben müssen sie beobachten, wie erst Nachbarn und schließlich einer der Freunde dem Schnee zum Opfer fallen, der unaufhörlich auf die Stadt rieselt. Erst mit selbst gebastelten Schutzausrüstungen wagen sie sich nach draußen, wo sie jedoch von anderen Überlebenden angegriffen werden.

Langsam wird der dezimierten Gruppe klar, dass Außerirdische die Erde angreifen - und sie ihnen nichts entgegenzusetzen haben. Hoffnung keimt erst, als überlebende Soldaten vor der Tür stehen: Der Kampf gegen die Invasoren beginnt, die Männer ziehen in den Krieg. Doch sie haben es mit einem starken Gegner zu tun, mit Strahlenkanonen, Kampfkäfern und menschenähnlichen Wesen mit seltsamen Händen. Salvo hat bald nur noch einen Wunsch: Frau und Kind, die er in seinem Haus zurücklassen musste, wiederzusehen.

Taucherbrille wurde zur Ikone

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Die "Hände" helfen den Aliens bei der Eroberung der Erde.

(Foto: Oesterheld & López / Avant-Verlag)

Von 1957 bis 1959 erschien diese fast 400-seitige Geschichte als Fortsetzungscomic bei einem von Oesterheld und seinem Bruder gegründeten Verlag. Trotz des Alters überzeugt das Werk bis heute. Einerseits, weil er damals beliebte Genres auf ungewöhnliche Weise miteinander verwebt: Die Geschichte beginnt als Horrorvision, in der der Tod unerbittlich in ein Vorstadtidyll eindringt, wandelt sich später jedoch zum Science-Fiction-Abenteuer, das etliche Stilelemente aus Kriegscomics aufnimmt. Andererseits setzt Zeichner López nicht nur die Schwarz-Weiß-Kontraste geschickt ein, auch seine Bildkomposition ist stilbildend, sie drängt den Leser stets vorwärts. Störend ist allenfalls, dass durch den Fortsetzungscharakter fast jede Seite mit einem kleinen Cliffhanger endet, der nicht immer sein Versprechen einlöst.

Prägender als die zeichnerische Gestaltung - und die in Südamerika zur Bildikone gewordene Taucherbrille des Schutzanzugs - wurde jedoch die von Oesterheld erdachte Handlung: das plötzliche Hereinbrechen einer Gewalt, die eine Gesellschaftsordnung hinwegfegt und zivilisatorische Errungenschaften zunichte macht. Nach Beginn der argentinischen Diktatur unter Jorge Rafael Videla im Jahr 1976 wurde Oesterhelds Geschichte als Vorgriff auf dessen brutales Terrorregime gedeutet und zur Legende verklärt. Das gilt sicher nicht für die gesamte Geschichte, denn Teile von ihr können einfach nur als Science-Fiction-Story gelesen werden. Gleichwohl streuen Oesterheld und Lòpez immer wieder Bilder und Symbole ein, die treffend die instabile politische Situation Argentiniens in diesen Jahrzehnten wiedergeben.

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"Eternauta" ist im Avant-Verlag erschienen, 392 Seiten im Hardcover, schwarz-weiß, 39,95 Euro.

Schon der Schnee, der die Handlung in Gang bringt, ist vieldeutig: Sanft legt er sich über Häuser und Straßen, kriecht noch in die kleinsten Ritzen, tötet alles Leben, mit dem er in Berührung kommt. So wie in der Natur das Leben unter einer Schneedecke ruht, erstarrt im Comic unter dem giftigen Niederschlag die bestehende Ordnung, kommt eine ganze Gesellschaft zum Erliegen. Selten wurde ein passenderes Bild für den Zustand einer Gesellschaft in einer Diktatur gefunden.

Verschwunden im Militärgefängnis

Vom selbst gebastelten Schutzanzug samt Taucherbrille bis zum Kampf der wenigen Überlebenden gegeneinander: Oesterheld und Lòpez zeigen, was das Leben in einem totalitären System bedeutet. Menschlichkeit und Solidarität gehen genauso verloren wie die freie Meinungsäußerung. Propaganda, Verstellung, Denunziation und Duckmäusertum sind Motive, die der Comic immer wieder aufgreift. Schließlich führt Oesterheld mit den sogenannten Händen - menschenähnlichen Wesen mit vielen Fingern - noch tragische, ambivalente Gestalten ein: Sie sind unfreiwillig Teil der Invasion, denn seit ihr Planet von den Aliens unterjocht wurde, werden sie gezwungen, den Eroberern bei weiteren Angriffen zur Hand zu gehen - oder selbst zu sterben. Auch das zeigt der Comic: Dass Menschen durch Zwang zu Handlangern eines Regimes werden können.

Während einige Leser "Eternauta" vor allem als spannende Science-Fiction-Geschichte wahrnahmen, verstanden andere den politischen Gehalt und die Anspielungen auf autoritäre Kräfte in Südamerika. Der Comic wurde ein großer Erfolg und auch in Frankreich und Italien verlegt. Oesterheld ließ die Thematik in den folgenden Jahren nicht mehr los: Bereits 1969 schrieb er zusammen mit dem Zeichner Alberto Breccia die ursprüngliche Version um, passte sie an die aktuelle politische Lage an und versah sie mit noch mehr Anspielungen. 1976 folgte eine Fortsetzung mit offener Kritik am nun herrschenden Regime von Videla. Teilweise schrieb Oesterheld sie angesichts des Regierungsterrors in einem Versteck.

Den Nachruhm seines wohl bekanntesten Werkes erlebte Oesterheld aber nicht mehr. Aus Protest gegen die starke Rolle des Militärs hatten sich er und seine vier Töchter bereits vor 1976 einer linken Untergrundgruppe angeschlossen. 1977 wurde Oesterheld schließlich verhaftet und verschwand in einem Militärgefängnis. Später erlebten alle seine Töchter und deren Männer dasselbe Schicksal. Sie starben - wann und wie ist jedoch nicht bekannt. Wie Tausende andere Argentinier wurden sie zu "Desaparecidos", Verschwundenen, deren Schicksal bis heute unklar ist. Anna Kemper kuratierte die zuerst in Stuttgart und nun in Berlin zu sehende "Eternauta"-Ausstellung. In einem ausführlichen Artikel hat sie sich mit Oesterhelds Schicksal beschäftigt und auch seine Witwe Elsa porträtiert, die bis zu ihrem Tod 2015 für die Rechte der Opfer der Militärdiktatur kämpfte. Kempers Text ist dem Buch als lesenswerte Einleitung vorangestellt.

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Die Ausstellung über Oesterheld und "Eternauta" läuft vom 10. Mai bis zum 10. Juli im Literarischen Colloquium Berlin und ist vor und nach den Abendveranstaltungen oder nach telefonischer Voranmeldung (030-8169960) zu sehen.

Quelle: n-tv.de

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