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"Geschichten aus der Heimat" Gibt es noch Heilung für Russland?

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Der Rote Platz in Moskau. Mit dem Glanz der Haupstadt haben die allermeisten Gegenden Russlands wenig gemein.

(Foto: picture alliance / Bildagentur-online/McPhoto)

Die unermüdliche Kritik an Putins Russland zwingt den Autor Dmitry Glukhovsky ins Exil. In seinem Sammelband "Geschichten aus der Heimat" seziert er die gesellschaftlichen Abgründe des Landes - und räumt mit westlichen Illusionen auf.

Die Heimat schreibt die ehrlichsten Geschichten. Sie formt den Menschen, stiftet Identität, macht verwundbar und zeigt sich nur denen, die sie beheimaten, in ihrer wahrhaftigen Gestalt. Russland, die Heimat von Dmitry Glukhovsky, ist das größte Land der Welt und führt einen verbrecherischen Angriffskrieg gegen den Nachbarn. Seine "Geschichten aus der Heimat" sind in diesem Herbst im Heyne-Verlag erschienen.

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Glukhovsky lebt seit Kriegsausbruch im Exil. Wo genau, ist unbekannt.

(Foto: picture alliance/dpa)

Glukhovsky, 1979 in Moskau geboren und mit der dystopischen Romanreihe "Metro 2033" weltberühmt geworden, ist ein Heimatvertriebener. Der russische Staat verfolgt ihn, seine Bücher sind aus den Bibliotheken des Landes verbannt. Denn er spricht all die unbequemen Wahrheiten aus, für die es im Putinschen Größenwahn keinen Platz gibt.

Verfasst hat er die 21 Episoden teils vor über einem Jahrzehnt und allesamt vor dem russischen Überfall auf die Ukraine, als sich die Welt ungläubig die Augen rieb und fragte, wie es dazu kommen konnte. Die Antwort findet sich gleich im Vorwort. Mutter Russland ist schwerkrank, von alten Dämonen besessen und parasitären Herrschern befallen, schreibt der Autor. Glukhovskys Protagonisten sind Säufer, Arbeitssklaven, Wissenschaftler, frankophile Gouverneure, Präsidenten. Sie stehen ganz unten, ganz oben, manchmal beides. Jede Geschichte widmet sich einem Symptom.

Figuren zwischen Komik und Tragik

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Wie der Autor diese Symptome beschreibt, kann urkomisch sein, etwa als mitten über dem Moskauer Verkehrschaos ein UFO landet, die Fernsehnachrichten aber lieber den Präsidenten beim Besuch der Ostseeflotte zeigen. Oder beißend satirisch, wie im Fall der unbestechlichen Wahlmaschine, die Politiker in den Wahnsinn treibt.

Wirklich eindrucksvoll wird es aber erst, wenn Glukhovsky dem Fantastischen den Rücken kehrt und die brutale Realität sprechen lässt. In "Schwefel" gesteht eine Frau den Mord an ihrem Ehemann und ruft bei der vernehmenden Beamtin fast Verständnis für die Tat hervor. Als das noch größere Verbrechen erscheint ein Leben in der schwefelverpesteten Hölle von Norilsk in Sibirien. Eine Stadt, in der die Kinder schon krank zur Welt kommen, sich die Männer im Bergwerk zu Tode schuften und das Geld trotzdem niemals reicht für eine Fahrkarte ins "Mutterland".

"In Russland herrscht Angst und die Menschen sind sehr passiv. Es ist gelernte Hilflosigkeit, wenn du nicht glaubst, dass du selbst in deinem Land etwas ändern kannst", sagt Glukhovsky im Gespräch mit ntv.de. Auch die meisten seiner Figuren wirken von Veränderungsdrang, gar Subversion weit entfernt. Die wenigen, die noch von Moral geleitet sind, scheitern kläglich.

Der Präsident als gemeinsamer Nenner

Wie ein roter Faden zieht sich das Bild des Präsidenten hindurch, der als unantastbarer Heiliger inszeniert wird, vor dem das Volk buckelt und in blinden Gehorsam verfällt. In "Futter für thailändische Welse" wird das Staatsoberhaupt der Flut an Dienstreisen überdrüssig und verlangt nach einer Auszeit. Der Premierminister muss ihm ins Gewissen reden: Nur die Präsenz des Präsidenten könne den Glauben an eine nationale Identität aufrechterhalten. Andernfalls würde das russische Riesenreich in sich zusammenfallen.

An vielen Stellen wirkt Glukhovskys Sittengemälde zu plakativ. Die verkommene Gesellschaft und ihre zwischen Apathie und Selbstsucht wechselnden Anti-Helden springen einem förmlich ins Gesicht. Das mag in diesen vor Korruption triefenden Verhältnissen ehrlich sein - schließlich weiß auch in Russland jeder Bescheid, wie die Dinge laufen. Nur übertüncht das nicht die oftmals hölzerne Sprache, der ein Quantum mehr Tiefgang gutgetan hätte. Dasselbe gilt für Glukhovskys Darstellung der russischen Frau, die über keifende Eheanhängsel und willige Sekretärinnen selten hinauskommt.

Russland verstehen, das wünschen sich dieser Tage wieder viele. Die "Geschichten aus der Heimat" können tatsächlich dabei helfen. Nach rund 450 Seiten Lektüre, ins Deutsch übersetzt von Christine Pöhlmann, Franziska Zwerg und M. David Drevs, bleibt jedoch ein bitterer Geschmack. Denn liegen die vielen Krankheiten Russlands erstmal ungeschönt offen, scheint jede Aussicht auf Heilung weit entfernt.

(Dieser Artikel wurde am Sonntag, 01. Januar 2023 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de

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