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Sehnsucht und letzte Zeilen Die Liebe der Polarhelden

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Scott in seinem Zimmer im Überwinterungslager, an den Wänden die Bilder von Frau und Sohn.

(Foto: imago images/UIG)

Lange Zeit galten die Polarregionen als letzte weiße Flecken der Erde, die nie ein Mensch betreten hatte. Umso faszinierender war es, dorthin aufzubrechen. Oft ließen die Polarforscher Frauen und Kinder zurück und sehnten sich im Eis schmerzlich zurück.

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Amundsen, Scott, Nansen und noch viele andere zog es in die Polarregionen. Auf der Suche nach Ruhm, Reichtum oder einfach nur Erfüllung machten sich die Männer in die eisigen Weiten auf. Manche fanden genau das, andere nur den Tod. Die Geschichten, die normalerweise über sie geschrieben werden, handeln von Entdeckergeist, Entbehrungen und Entdeckungen. Sigri Sandberg und Anders Bache haben nach der anderen Seite dieser Heldentaten gesucht, nach der zurückgelassenen Liebe, Sehnsucht und Verzweiflung dieser Männer.

Gefunden haben sie dabei auch Menschen, deren Schicksal bisher unerzählt blieb - wie die von Hansine Eline Antona Hansen und Peder Pedersen. 1929 sind Überwinterungen von Frauen in Polarregionen noch selten. Dass Hansine auch noch ihre siebenjährige Tochter dabei hat, ist umso ungewöhnlicher. Aber mit dem deutlich älteren Peder hat sie in dieser Jagdsaison auf Spitzbergen einen erfahrenen Mann und Jäger an ihrer Seite. Sie ist ihm gegen den erklärten Willen ihrer Eltern gefolgt, und ob verheiratet oder nicht, das interessiert die wenigen Menschen auf Spitzbergen ohnehin nicht so sehr.

Ende September legt das letzte Schiff an, dann bleibt die Patchworkfamilie in der Polarnacht zurück. Bald kann Hansine nicht mehr selbst mit auf die Jagd, sie ist schwanger. Und obwohl Lebensmittel für zwei Jahre in der kleinen Hütte lagern, scheitert Peder daran, die Gelüste seiner Frau nach frischer Kuhmilch oder Fisch zu erfüllen. Im Juli kommt Sohn Peder zur Welt, das ist sogar eine Zeitungsmeldung wert, weil er erst das dritte auf Spitzbergen geborene Kind ist. Später bekommt das Paar noch eine Tochter, doch Pedersen stirbt bereits 1934. Für Hansine, die erneut heiratet und weitere Kinder bekommt, bleiben die "zwei Jahre, die ich in der Hütte dort oben im Norden von Spitzbergen verbracht habe, (…) die glücklichste Zeit meines Lebens".

Keine "Mitleid erregende Strohwitwe"

Die Liebesgeschichte von Kathleen Bruce und Robert Falcon Scott ist die zweier Vagabunden. "Diese Freiheit und Verantwortungslosigkeit ist mir heilig", schreibt sie ihrem Verlobten. Doch die unabhängige Kathleen sehnt sich auch nach einer Familie und so heiratet das Paar am 2. September 1908. Sohn Peter ist noch kein Jahr, als der Vater zu seiner Expedition aufbricht. Ihn treiben seine eigenen Ideale um. Das Ziel ist, den Südpol zu erreichen, ein Wettrennen zeichnet sich ab.

Scott hofft, das britische Empire zuerst an den Pol zu bringen. Sein Zimmer im Überwinterungslager in Kap Evans ist "tapeziert" mit den Bildern von Frau und Sohn. Wann immer es die Zeit erlaubt, schreibt er lange Briefe und bescheinigt Kathleen, sie sei "die Antithese einer Mitleid erregenden Strohwitwe". Im Januar 1912 findet er am Südpol Roald Amundsens Zelt und die norwegische Flagge, das Rennen ist verloren. Kathleen erfährt davon nichts.

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1922 heiratete Kathleen Scott schließlich Edward Hilton Young, dennoch blieb sie für viele Scotts Witwe.

(Foto: imago stock&people)

Ohne ausreichende Lebensmittel und bei schwierigstem Wetter machen sich die Verlierer auf den Rückweg. Noch immer schreibt Scott seiner Frau, allerdings wachsen seine Befürchtungen. "Du weißt, ich habe Dich geliebt", schreibt er zunächst seiner Frau und korrigiert dann zu Witwe. "Du weißt, dass ich in Gedanken immer bei Dir war, und oh, meine Liebste, Du musst wissen, dass das Schlimmste an dieser Situation der Gedanke ist, Dich nie wiederzusehen." Vermutlich Ende März 1912 stirbt Scott zusammen mit Edward Wilson und Henry Bowers im letzten verbliebenen Zelt.

Monatelang schreibt ihm Kathleen noch, in der Hoffnung, ihr Mann werde doch noch zurückkehren. Sie reist ihm entgegen und ist selbst auf See, als sie schließlich im Februar 1913 die Nachricht vom Tod Scotts bekommt. Ihr Wunsch, Scott könne bei einem zweiten gemeinsamen Kind all das erleben, was er bei Peter verpasst hat, erfüllt sich nicht.

Ein Foto in einem Herz

Das Warten ist untrennbarer Bestandteil dieser Liebesgeschichten in den eisigen Regionen der Erde. Das ist auch bei Nils Strindberg und Anna Charlier im Jahr 1897 nicht anders. Strindberg will mit einem Ballon den Nordpol überfliegen, verliebt sich aber ausgerechnet kurz vor der Abreise in die junge Frau, die als Gouvernante und Klavierlehrerin bei einer befreundeten Familie arbeitet.

Innerhalb weniger Wochen entwickelt sich eine stürmische Liebesbeziehung, das Paar verlobt sich. Die Hochzeit soll nach der Rückkehr vom Pol gefeiert werden. Doch was als Sechs-Tages-Expedition geplant ist, wird zu einer wochen-, dann monatelangen Reise. Der Ballon geht weit entfernt vom Nordpol mitten auf dem Eis nieder, Strindberg und seine Begleiter müssen sich zu Fuß auf den Weg machen.

Sie verlieren die Orientierung auf dem Eis, müssen sich von Wind und Meeresströmungen treiben lassen. Erst Jahre später werden die Leichen der Männer auf der Insel Kvitøya gefunden, wie genau sie ums Leben kamen, bleibt ungeklärt, um den Hals trägt Strindberg einen Herzanhänger mit einem Foto von Anna.

Neun dieser Geschichten skizzieren Sandberg und Bache, sie handeln von Untreue, unehelichen Kindern, auch der Flucht in abenteuerliche Expeditionen. Denn manche der Polarabenteurer waren wohl vor allem Abenteurer. Die Fotos, Briefe und Tagebücher, von denen viele die Kapitel ergänzen, sind aber auch oft Liebeserklärungen aus den eisigen Weiten der Polarregionen. Gleichzeitig werden die vielen Unternehmungen lebendig, in denen sich Menschen immer wieder neu in diese unwirtlichen Weiten aufgemacht haben. Wer die Polarforscher der zurückliegenden Jahrhunderte einmal anders sehen will, wird von diesen 200 Seiten sicher nicht enttäuscht.

Quelle: ntv.de