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Tom Hanks ist mit "Schräge Typen" unter die Schriftsteller gegangen.
Tom Hanks ist mit "Schräge Typen" unter die Schriftsteller gegangen.(Foto: Grant Pollard/Invision/AP)
Sonntag, 20. Mai 2018

Tom Hanks schreibt Geschichten: Die "schrägen Typen" von nebenan

Von Markus Lippold

Wenn Künstler das Genre wechseln, ist Stirnrunzeln angesagt. Doch Tom Hanks lässt die Skepsis schnell vergessen. Denn seine Kurzgeschichten sind wie kleine Filme, mit ihm selbst in der Hauptrolle: charmant, nostalgisch und uramerikanisch.

Tom Hanks ist ein netter Kerl. Zumindest in seinen Filmen. Zwar hat er auch schon Killer und Gauner gespielt, aber selbst dann sind sie eher von der charmanten Sorte. Hanks spielt unwiderstehliche Hallodris und kluge Professoren, heldenhafte Soldaten oder schlicht Menschen, die für die gute Sache kämpfen. Seine Filme sind in erster Linie unterhaltsam, ohne aber zu oberflächlich zu sein.

Wenn Tom Hanks nun also mit "Schräge Typen" (Leseprobe) seinen ersten Kurzgeschichten-Band auf Deutsch vorlegt, dann erwartet man genau das: Ein Buch voller Hallodris, Helden und vielleicht auch mal einem charmanten Gauner. Ein Buch, das unterhält, aber nie zu glatt ist und wenigstens etwas Hintersinn bietet.

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Und Hanks liefert. Seine Kurzgeschichten erfinden das Genre nicht neu. Sie sind weder sonderlich experimentell, noch fordern sie allzu sehr heraus oder provozieren, teils sind sie sogar etwas naiv. Aber sie sind unterhaltsam, uramerikanisch, im besten Sinne charmant und haben, wenn man es gerade nicht erwartet, auch noch die ein oder andere dramatische Wendung auf Lager, die einen dann doch noch zum Nachdenken bringt.

Was die Geschichten aber vor allem auszeichnet, ist Hanks' Sinn für Details. Nie geht es nur um ein Essen, viel eher wird genau beschrieben, was da serviert wird. Nie ist es nur ein Auto - eine Beschreibung von Farbe, Formen und Funktionen muss es schon sein. Der Autor weiß, dass es genau solche Details braucht, um Leser und Leserinnen hineinzuziehen in die Geschichte, um die Welt, die da beschrieben wird, vor ihren Augen entstehen zu lassen. Das unterscheidet die Literatur vom bildhaften Film.

Schräge Typen: Stories
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Vom Film gelernt hat Hanks aber auch, dass Figuren Biographien brauchen, ein Vorleben. Sei es der Familienvater, dem seine Kriegserlebnisse anhängen. Sei es das Mädchen vom Lande, das sich in New York mehr recht als schlecht durchschlägt. Die alleinerziehende Mutter, die sich nach dem Umzug neu zurechtfinden muss. Oder der Junge, der mit seiner geschiedenen Mutter ein besonderes Geburtstags-Wochenende erlebt. Die Geschichten dieser Menschen sind nie besonders dramatisch. Aber gerade in ihrer Durchschnittlichkeit passen sie zu Hanks, der seine Protagonisten voller Sympathie zu Helden des Alltags macht. Und Heldinnen - denn es wimmelt nur so vor starken Frauenfiguren.

Ein altmodischer Mann

Die Alltäglichkeit, ja Durchschnittlichkeit der Geschichten kommt vielleicht daher, dass sich Hanks für seine Storys immer wieder vom eigenen Leben inspirieren ließ, oder von seinen Filmen. Oft geht es um zerbrochene Familien, um Scheidungskinder - das hat Hanks selbst in jungen Jahren durchgemacht. Er dürfte auch Momente erlebt haben wie Sue Gliebe, die aus der Provinz kommend in New York von der Schauspielkarriere träumt. Und dass es in einer Geschichte um einen - abgedrehten - Flug zum Mond geht, erinnert unzweifelhaft an Hanks' Filmerfolg "Apollo 13".

Hanks ist ein zutiefst nostalgischer, ja altmodischer Mann. Leider spielen deshalb auch die meisten seiner Geschichten in der Vergangenheit, 1953 etwa, oder in den 70er-Jahren. Dass sich Hanks zu selten an die Gegenwart wagt, ist schade, denn ausgerechnet der erste Beitrag "Drei erschöpfende Wochen", einer der Höhepunkte des Buches, behandelt spitzfindig aktuelle Themen wie Migration und Fitnesswahn.

Immerhin kann der Autor so aber nicht nur tief in die Nostalgie-Kiste greifen, dass einem ganz warm ums Herz wird, sondern nebenbei auch noch eines seiner Hobbys ausgiebig zelebrieren: er sammelt Schreibmaschinen. Detailliert wird in jeder Geschichte ein Modell beschrieben, dass dann auch noch auf einem Foto abgebildet ist. Außerdem baut er hier und da ein paar Typographie-Spielereien ein. Noch so ein charmanter Spleen, der sich im originalen Buchtitel "Uncommon Type" besser wiederfindet als in der deutschen Version.

Denn wirklich "Schräge Typen" findet man hier nicht. Die Kurzgeschichten sind vielmehr wie Hanks. Man hat beim Lesen immer wieder seine Stimme im Ohr, sei es als Original oder Synchronisation, oder sieht gleich den ganzen Kerl vor sich, wie er schlitzohrig und charmant durchs Leben geht. Seine Storys sind kleine Filme, mit ihm als Hauptfigur: Sie tun nicht weh, fordern selten heraus, muten mitunter etwas banal an. Doch sie sind unterhaltsam geschrieben und haben doch oft noch einen Haken, an dem man hängenbleibt. Der schrägste Typ von allen ist am Ende der Autor selbst.

Quelle: n-tv.de