Oligarchen und PolitikDie ungebrochene Macht der Superreichen
Thomas Schmoll
Warnungen vor zu viel Einfluss von Geld auf die Politik gab es schon vor mehr als 100 Jahren. Geholfen haben sie nicht. Gerade sind zwei Bücher erschienen, die das belegen. Zwischen ihrer Niederschrift liegen acht Jahrzehnte - und doch sind sie erschreckend nah beieinander.
Man sagt, Geschichte wiederholt sich. "Das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce", glaubte der deutsche Philosoph Karl Marx. Der russische Schriftsteller Leo Tolstoi, wie Marx ein schlauer Kopf des 19. Jahrhunderts, stellte fest: "Bei einer derartig schlechten Einrichtung der Gesellschaft wie der unseren, in der eine kleine Zahl von Menschen die Macht über die Mehrheit hat und diese unterdrückt, dient jeder Sieg über die Natur unweigerlich nur dazu, Macht und Unterdrückung zu vergrößern. Und genau das geschieht heute." Der irische Literaturnobelpreisträger George Bernard Shaw, der von 1865 bis 1950 lebte, kam zu dem Schluss: "Wenn die Geschichte sich wiederholt und immer das Unerwartete geschieht, wie unfähig muss der Mensch sein, durch Erfahrung klug zu werden."
Stimmt alles. Und auch wieder nicht. Dass die Menschheit das Zeug dazu hat, aus der Geschichte zu lernen, hat sie vielfach bewiesen. Aber auch, dass sie Fehler der Vergangenheit ein ums andere Mal aufs Neue begeht, was den Eindruck vermittelt, dass sich Geschichte tatsächlich immerzu wiederholt. Gerade sind zwei Bücher erschienen, die all das zu bestätigen scheinen. Oder besser gesagt: Sie zeigen die Kontinuität von Entwicklungen auf, die ins Verderben führen können. Das Besondere dabei: Zwischen ihrer Niederschrift liegen acht Jahrzehnte - und doch sind sie erschreckend nah beieinander, wie schon die Titel zeigen: "Zeit der Oligarchen" von Aldous Huxley und "Amerikas Oligarchen" von Julian Heißler.
Der britische Schriftsteller, bekannt für seinen dystopischen Roman "Schöne neue Welt", schuf sein Essay 1946 unter dem Eindruck der Folgen des Zweiten Weltkriegs und der Atombombenabwürfe in Hiroshima und Nagasaki. Es geriet in Vergessenheit und wurde aufgrund seiner Aktualität neu aufgelegt. Heißler schrieb sein Buch unmittelbar nach der Rückkehr von Donald Trump ins Weiße Haus. Beide Werke befassen sich damit, wie relativ wenige Akteure mit viel Geld und Hang zum Despotismus die Weltpolitik beeinflussen und zugleich - auch mit Hilfe hochmoderner Technologien - Macht erlangen und sichern.
Kein naiver Weltverbesserer
Der Hanser-Verlag spricht zu Recht von "gespenstischer Klarsicht" Huxleys. Man kommt nicht umhin, ihm visionäre Kraft zu bescheinigen. Dem Briten schwebte "eine Art Weltregierung" als Gegengift zum Nationalismus vor. "Kein gesellschaftliches Übel hat jemals nur eine einzige Ursache", schreibt er und benennt - ein halbes Jahrhundert vor Erfindung des Internets und digitaler Überwachung - technischen Fortschritt als einen "der Urheber des voranschreitenden Niedergangs der Freiheit und der Zentralisierung der Macht im 20. Jahrhundert".
Zugleich betont er die Möglichkeit, durch Forschung Gutes zu vollbringen. Wissenschaft könnte dazu beitragen, den Frieden zu sichern, indem sie den Hunger bekämpft und "Möglichkeiten findet, wie sich alle Länder unabhängig von ihren natürlichen Ressourcen ausreichend mit Energie versorgen lassen".
Heute wissen wir, dass auch das zu Unsicherheiten und Verwerfungen führen kann. Huxley präsentiert sich allerdings keineswegs als naiver Weltverbesserer. Er bescheinigt der Menschheit wie Tolstoi - deshalb steht dessen oben zitierter Gesellschaftsbefund am Anfang von Huxleys Essay -, nur wenig Lernfähigkeit: "Selbst die unvorstellbaren Katastrophen der vergangenen Jahre haben kaum Eindruck auf das Denken der Überlebenden hinterlassen", meint der Brite und wirbt dafür "Macht, über die Einzelpersonen oder Organisationen verfügen, streng" zu begrenzen. Wobei er keinen Unterschied zwischen Staat und Privatwirtschaft macht.
Geld und Macht, Macht und Geld
Heißler, der Huxleys Text nicht kannte, spannt den Bogen ins Heute. Er betrachtet die Rolle amerikanischer Oligarchen wie Elon Musk in oder im Umfeld der Trump-Regierung als logischen Schlusspunkt einer Entwicklung, die mit der Gründung der Vereinigten Staaten begann. Geld und Macht gehen in den USA demnach seit jeher Hand in Hand. Die Interessen der Superreichen bestimmen schon immer den Kurs des Landes. Denn ohne ein gut ausgebautes finanzielles Netzwerk ist es für einen US-Politiker schwierig bis unmöglich, nach oben zu kommen.
Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren Warnungen vor der Macht der Oligarchen laut geworden, wie Heißler in seinem Buch darlegt. "Wir können in diesem Land Demokratie haben, oder wir können großen Reichtum in den Händen einiger weniger haben, aber nicht beides", zitiert er Louis Brandeis, von 1916 bis 1939 Richter am Supreme Court. Damals, so Heißler, "fand die Politik die Kraft zu reagieren. Der Druck der Bevölkerung war zu groß geworden.
Doch heute liegen die Dinge anders." Nämlich so: "Die über Jahrzehnte gewachsenen Einflussnetzwerke der Macht haben es geschafft, zahlreiche Abgeordnete vom Mehrheitswillen der Bevölkerung weitgehend zu isolieren. Reiche Gönner können über ihre Großspenden Zuwendungen von normalen Wählern an die jeweils andere Seite schlicht ausgleichen."
Das heißt: Diejenigen, die einen Wahlkampf finanzieren können, etwa Tech-Milliardäre und schwerreiche Familien, haben beste Voraussetzungen, sich oder ihre Leute an die Schaltstellen politischer Macht zu hieven. Durch das System sind Politiker gezwungen, ihr Handeln an den Forderungen einer kleinen Elite superreicher Geldgeber auszurichten. "Nur die wenigsten Mandatsträger in Washington" könnten es sich "erlauben, explizit und dauerhaft gegen die Superreichen zu arbeiten. Zu groß ist für viele das Risiko, sich bei der nächsten Wiederwahl mit einem finanziell hervorragend ausgestatteten Gegenkandidaten konfrontiert zu sehen. Der ständig wachsende Bedarf an Geld, er diszipliniert."
Heißler sieht die Wurzeln darin schon in den Anfängen der USA. Die ersten Präsidenten kamen aus der Oberschicht. George Washington war Spross einer Familie, die Sklaven zur Landarbeit einsetzte. Wenn man sein Vermögen auf heute ummünzt, war er vor Donald Trump der reichste Präsident, den die Vereinigten Staaten je hatten. Seither sind mehr als 200 Jahre vergangen.
An dem Mechanismus hat sich jedoch, folgt man Heißlers These, nichts verändert. Der Autor zeigt, wie Finanzinteressen entscheidende Weichenstellungen in der amerikanischen Geschichte beeinflusst und die reichsten Männer des Landes ihre Gefolgsleute in die mächtigsten Positionen gebracht haben. Wer pures Trump-Bashing vermutet, wird übrigens enttäuscht sein: Mehrere der Milliardäre, die den jetzigen Präsidenten umgarnen, standen auch schon bei Barack Obama auf der Matte.

