Leben gerät aus den FugenIm Kiosk trifft Hendrik auf sein doppelt so altes Ich
Von Max Patzig
Kann es einen Menschen zweimal geben? Hendrik ist überzeugt, dass er sein Zukunfts-Ich im Kiosk entdeckt hat. Auch wenn sein Leben dadurch zerbricht, klammert er sich an die Person.
Es ist Sommer. Hendrik Popom macht sich auf den Weg in den Kiosk, um eine Tafel Erdbeerschokolade und eine Limo für seine Freundin Anja zu holen. Sie selbst war zu faul an jenem Abend, also ist er los. Für sich selbst greift Hendrik noch nach einer Dose gerösteter Pistazien. Auf dem Weg zur Kasse erblickt er dann einen Typen mit saisonuntypischen Klamotten: Er trägt eine lange Stoffhose, einen Mantel, Lederschuhe und Hut. Hendrik, der Protagonist in dem Roman "Popóm" von Johanna Sebauer, weiß nicht, wie ihm geschieht. "Etwas war in mich gefahren, durch mich hindurch, aus mir heraus, wieder in mich hinein und raste dort wild umher. Schwindelig wurde mir und schlecht, eiskalt, dann wieder glutheiß. Ich zitterte. Dieser Mann."
Hendrik lässt Schokolade, Brause und Pistazien im Laden zurück und nimmt die Verfolgung des Unbekannten auf, der ihm sofort bekannt vorkommt. Er hat keinen Zweifel daran, dass der Typ mit den Dosenpfirsichen er selbst ist, selbst wenn er womöglich doppelt so alt sein könnte. Hendrik stoppt den Mann, kurz bevor dieser mit seinem Fahrrad davonfährt. Der stellt sich zwar als Hendrik vor, glaubt ihm die Du-bist-ich-Sache aber natürlich so gar nicht. Nach einem kurzen Gespräch wird es ihm zu viel, er schwingt sich aufs Rad und verschwindet.
Tagelang beschäftigt Hendrik - den jüngeren der beiden - diese Begegnung. Er verhält sich auf der Arbeit merkwürdig, googelt etwa, ob es sich selbst zweimal geben kann. Auch mit Anja läuft es nicht mehr so gut. An einem Dienstag führt er seine einstige Jugendliebe zum Essen in ein charmantes Lokal aus, um die Beziehung wieder geradezurücken. Doch nach dem Bestellen des Dreigangmenüs und zweier Aperitifs öffnet sich die Tür des Lokals. Der ältere Hendrik tritt ein.
Der Mittzwanziger kann sich nicht anders helfen: Er schickt Anja nach Hause - ohne Essen. Und er wagt einen neuen Anlauf, sein älteres Ich zu einem tieferen Gespräch zu bewegen. Nach etwas Widerstand sitzen die beiden am Tisch und nehmen das Dreigangmenü zu sich. Dabei kommen sie auf allerlei Gemeinsamkeiten zu sprechen (unter anderem Geburtstag, Flugangst, die spezielle Art und Weise Gulasch zu essen, Schlafposition wie eine Leiche). Trotz aller Gemeinsamkeiten gibt es auch einen Unterschied: Hendrik, der Ältere, legt die Betonung in seinem Nachnamen auf das zweite o - also Popóm. Ihm kommt all das nicht geheuer vor. Er hält sein Gegenüber zeitweise für einen Stalker. Am Ende glaubt er ihm zwar, will ihn aber nicht unbedingt wiedersehen. Vom Universum könne es nicht gewollt sein, dass ein Mensch zweimal zur selben Zeit existiert.
Nur eine Person erfährt vom älteren Hendrik
Johanna Sebauer beschreibt in "Popóm" eine mit zahlreichen Details gespickte Geschichte, die hoffentlich niemals jemandem tatsächlich widerfährt. Hendrik gerät durch diese besondere Begegnung in eine wahrhafte Lebenskrise. Seine Beziehung zerbricht. Bei Freunden macht er sich rar. Hendrik hat niemanden, mit dem er über sein älteres Ich reden kann. Erst, als er mit seiner neuen Arbeitskollegin Fritzi nach einiger Zeit zum Essen verabredet ist, erzählt er im Affekt von Popóm.
Während sich der junge Hendrik darum bemüht, eine Bindung zum älteren Hendrik aufzubauen, kapselt sich dieser ab. Zwar lässt er im Verlauf der kuriosen Geschichte, die bei Dumont erschienen ist, zufällige Begegnungen zu. Auch darf Hendrik im Pfeifenladen des fast doppelt so alten Popóms aushelfen. Doch bleibt dieser ansonsten verschlossen, verrät absolut nichts Privates, was sein jüngeres Ich beeinflussen könnte.
Eine Zeit lang wirkt es, als würde Hendrik daran zerbrechen. Und doch ist das Ende von Sebauers "Popóm" ganz anders, als man es über weite Strecken des 220-seitigen Romans erwartet.
Story mit Witz
So bizarr die Story auch ist, so viel Mühe hat sich Sebauer beim Ausschmücken gegeben. Vermutlich jeder Leser und jede Leserin hat wohl ein Bild vor Augen, wenn man vom Restaurant mit altehrwürdigem Charme, dem Pfeifenladen oder der Wohnsituation der beiden Hendricks liest - und natürlich von den Charakteren selbst. Die Geschichte kommt dabei ohne ablenkende Nebenstränge aus.
Autorin Sebauer, die 1988 in Wien geboren wurde und jetzt im Burgenland lebt, spart nicht an gewitzten Dialogen und eingestreuten Chatnachrichten. Nach "Nincshof" und "Das Gurkerl" landet sie hier den nächsten Volltreffer - zumindest für alle, die mit der Sprengung der Gesetze der Biologie klarkommen.
