Genozid, Klimakrise und HoffnungNachrichten von dort, wo das Eis gnadenlos schmilzt
Von Solveig Bach
Gnadenlos schmilzt das Eis der Gletscher, genauso gnadenlos erodieren die indigenen Gemeinschaften nach Jahrhunderten der forcierten Auslöschung. Was tun, wenn das Eis nicht mehr ewig ist und Unni Jon nicht findet?
Bei ihrer Forschung an einem kanadischen Gletscher in Nunavut trifft die Wissenschaftlerin Unni auf Jon. Die beiden verlieben sich und verbringen während eines Schneesturms mehrere Tage miteinander. So überraschend, wie sie einander begegnen, trennen sich ihre Wege wieder.
Doch Unni und Jon sind seitdem miteinander verbunden, nur wie? In Rückblicken, Erinnerungen und der Gegenwart macht die Autorin Inkeri Markkula aus dieser schicksalhaften Begegnung einen beeindruckenden Roman, der nun in der Übersetzung von Stefan Moster unter dem Titel "Wo das Eis niemals schmilzt" auch auf Deutsch vorliegt.
Unni sucht ein Jahr nach der schicksalhaften Begegnung nach Jon. Die Gletscherforscherin aus Lappland hat väterlicherseits sámische Wurzeln. Doch die Mutter hält das Leben beim Vater im hohen Norden nicht aus, die Ergebenheit in die Verbundenheit mit der Natur, Kälte und Dunkelheit. Sie zieht mit Unni in die Nähe von Helsinki und entwurzelt das Kind. Statt in dem Flusstal in Lappland mit seinen Moltebeerensträuchern und den Palsas, Erhebungen, die aus dem Permafrostboden wachsen, soll Unni sich nun dort zu Hause fühlen. Das ist unmöglich, zumal dem Mädchen die geballte Ablehnung der anderen Kinder entgegenschlägt.
Unni versteht nicht, womit sie das Mobbing auf sich zieht, fragt sich immer wieder, ob sie nicht vielleicht doch einen anderen Geruch hat und wartet auf die Sommer, die sie beim Vater verbringen darf, mit ihrem Rentier Martti als Begleiter und im Frieden mit ihrer Welt. So wird ihr das Leben in verschiedenen Welten zur Normalität.
Wer gehört zu wem und warum?
Mit diesem Gefühl kennt sich auch Jon aus. Der Däne stammt eigentlich aus Kanada und ist Inuk. Jon ist adoptiert. Seine Mutter Helen war so schmerzhaft voller Sehnsucht nach einem Kind, dass sie nicht lange fragte, woher der kleine Junge kam, dem sie Mutter sein durfte. Aber Helen kann niemals übersehen, dass ihr Kind aus einer anderen Welt kommt, nicht nur, weil sein Haar so schwarz ist. Trotzdem erzählt sie ihm erst als jungen Mann von der Adoption und stürzt Jon damit in eine tiefe Identitätskrise.
Erzählerisch schließt sich hier ein Kreis, denn Jon kommt an den Gletscher, weil er hier seinen leiblichen Vater finden will. Gleichzeitig öffnen sich weitere Kreise, wie von einem Stein, der ins Eismeer geworfen wird. Unni findet am "Penny", wie der Gletscher heißt, verheerende Anzeichen, dass das Gletschereis schmilzt. In den Gletschermühlen hört sie das Schmelzwasser rauschen. Das passt zu den Beobachtungen in ihrer eigenen Heimat, wo die Palsa einbrechen, wie "aufgeschlitzte Tiere".
Parallel dazu erzählt Markkula, wie Jon zu Helen kam, und vor allem, woher er kam. Denn Jon wurde als neugeborenes Baby seinen indigenen Eltern einfach weggenommen. Seine junge Mutter wurde zur Entbindung ins Krankenhaus gezwungen. Nach einem Not-Kaiserschnitt wird behauptet, ihr Baby sei tot zur Welt gekommen. Es ist die konkrete Erfahrung, wie über Jahrhunderte der kulturelle Genozid an den indigenen Völkern in unzähligen kleinen Entscheidungen in das Leben von Menschen eingriff. Als Jon schließlich auf den Mann treffen könnte, der sein leiblicher Vater ist, fehlen ihm die Worte in der Sprache seiner Vorfahren. Auch Unni bringt sich das Sámische selbst mühsam wieder bei.
Gewaltige und schmerzhafte Verluste
Je weiter der Roman fortschreitet, desto deutlicher wird das Verbindende zwischen Unni und Jon wie mit dem ganzen hohen Norden, sind die jahrhundertelange Verachtung der jeweiligen indigenen Bevölkerung, aber auch deren Wissen um das Eis und die Natur. Markkula, die selbst in Lappland, Island und auf Spitzbergen gelebt hat und an der Universität Lappland zu den kulturellen und ökologischen Folgen des Klimawandels in (sub)arktischen Gebieten besonders auf indigene Gemeinschaften forscht, hat aus diesen tiefen Einblicken einen berührenden Roman gewebt.
Auch wenn manchmal die großen Zusammenhänge zwischen dem Leben von Menschen, dem Klimawandel und kulturellem Genozid fast zu groß erscheinen, gelingt Markkula eine schmerzhaft authentische Erzählung davon. Die Kinder, die in den kanadischen Residential Schools ihre Muttersprachen mit Gewalt verlernen müssen, bekommen bei ihr Gesichter. Ebenso wie die Menschen, die neben den schmelzenden Gletschern oder Permafrostmooren leben und denen jahrhundertlang gegangene Wege verloren gehen.
Sie erzählt die Verluste so gewaltig, wie sie sind, und setzt ihnen menschliche Beziehungen als Gegengewichte entgegen. Die Liebe von Unni und Jon, das bittere Erkennen von Helen, die Suche aller nach einer neuen Verbindung in einer Welt, in der immer weniger sein wird, wie es einmal war. Markkula findet dafür Worte. Am Ende lässt sie ihren Lesenden immerhin ein wenig Hoffnung. Darauf, dass Jon wieder aufwacht, dass die Plasteenten, die Unni in die Gletschermühlen geworfen hat, mit ihrer Botschaft an die Welt durchdringen. Und darauf, dass das Land, in dem das Eis eben doch schmilzt, seine Identität bewahren kann.
