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"Er ist 22. Und schwarz" Nick Hornby erzählt von der Liebe

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Sie ist geschieden, 42 und neu verliebt: Der neue Roman von Nick Hornby kreist mal nicht um eine Männerpsyche.

(Foto: imago images / imagebroker)

Nick Hornby gilt als Spezialist für die Beschreibung von Männern und ihren Macken. In seinem neuen Roman stellt er aber eine 42-jährige, geschiedene Frau in den Mittelpunkt, die sich neu verliebt. Und siehe da: Auch in ihrer Welt kennt sich Hornby gut aus.

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Gegenwartschronist der unterhaltsamen Sorte: Nick Hornby

(Foto: picture alliance / Facundo Arriz)

Vinyl, Mix-Tapes, Lisa Bonet und die Erinnerung daran, dass man sich damals auch gerne in einen DJ verliebt hätte: Der Bestseller-Roman "High Fidelity" und die dazugehörige Verfilmung kommt vielen in den Sinn, wenn sie den Namen Nick Hornby hören. Doch anders als manche vielleicht vermuten, hat der britische Schriftsteller die 1990er locker hinter sich gelassen und in all den Jahren weiter seine Romane, Sachbücher, Drehbücher geschrieben. Immer mit seinem genauen und liebevollen Blick für Milieus und Zeitgeist.

In seinem neuen Roman "Just like you" ist er im Jahr 2016 angekommen und wieder geht’s auch um die Liebe – die zwischen Lucy und Joseph. So weit, so schön. Doch Lucy ist 42, geschiedene Mutter zweier Jungs, Lehrerin und weiß. Joseph ist 22 Jahre alt, Aushilfsmetzger, Fußballtrainer, schwarz. Kann das gut gehen, fragen sich nicht nur die beiden selbst. Als wären die Unterschiede in Sachen Alter und Hautfarbe nicht genug, diskutiert das Land um sie herum auch noch über das Brexitreferendum. Eine Diskussion, in der es um weit mehr geht, als um EU-Verordnungen – es geht darum, wer in diesem Land zufrieden und glücklich lebt und wer nicht. Reicht die Anziehung zwischen Lucy und Joseph, um diese Unterschiede zu überbrücken?

"Und er ist schwarz." Das sagte sie nicht laut. Josephs Alter war schon vor dem Gesicht ihrer Mutter explodiert und hatte ein Knalltrauma und vorübergehende Taubheit ausgelöst. Lucy wollte nicht mit ansehen, wie ihre Mutter auf diese zweite Information reagierte. (Auszug aus "Just like you")

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Mit Lucy hat sich Nick Hornby, bekanntgeworden für die einfühlsamen Beschreibungen der männlichen Seelennöte, eine ungewöhnliche Hauptfigur ausgesucht. Er sei jetzt selbstbewusster, was das Schreiben über Frauen angehe, erzählt Hornby in Interviews. Eine Herausforderung sei eher gewesen, bei Joseph, den jungen schwarzen Briten, den richtigen Ton zu treffen. Aber da er, Hornby selbst, in einer kulturell sehr gemischten Community lebe, könne er sich nicht mehr vorstellen, nur noch über weiße Protagonisten aus einer bestimmten Klasse zu schreiben. Gerade in Zeiten wie diesen, wo Diskussionen wie die um den Brexit die Unterschiede in der Gesellschaft hervortreten ließen. "Meine Freunde und ich hatten eigentlich keine wirklich harten Argumente für den Verbleib, außer einem: Wir fühlen uns als Europäer, wir möchten unsere Kinder nach Europa schicken können. Wir waren so sicher, dass der Brexit nicht kommen würde, wir wurden völlig überrascht. Wir hatten die Angst vor Arbeitslosigkeit, vor einem gesellschaftlichen Abstieg nicht ernst genommen. Im Grunde wurde gefragt: "Seid ihr alle happy?" Und sehr viele haben geantwortet: Nein!"

Diese Überraschung, diese Kluft zu beschreiben, gelingt Hornby unprätentiös, wahrhaftig und unterhaltsam. Ja, bei ein paar Kleinigkeiten hätte der 63-Jährige das Spiel mit den verschiedenen Welten nicht ganz so ausreizen müssen. So hätte die Alternative, die sich Lucy zu ihrem durchtrainierten, jungen Joseph, der gerne mit ihren Jungs FIFA zockt, bietet, vielleicht nicht gleich ein erfolgreicher Schriftsteller sein müssen. Mit Bauchansatz und Erektionsproblemen, aber auch mit den richtigen Freunden, politischen Ansichten und einem Landhaus mit Pool. Und vielleicht ist Joseph ein wenig zu reflektiert für einen 22-Jährigen. Aber das liest sich schnell weg. Zu viel Spaß macht es, London wieder und neu zu entdecken. Sich für Gentrifizierung zu schämen, sich zu fragen, ob man auch peinlich tanzt, ob man selber den Mut für eine so ungewöhnliche Beziehung hätte und neue Blickwinkel auf die überraschende Brexit-Entscheidung einzunehmen.

Alleine die Pandemie schafft es, dass einem das Buch ein wenig wie eine Hommage an vergangene Zeiten vorkommt. Aber man kann wohl davon ausgehen, dass Nick Hornby auch 2020 genau hinschaut und uns davon erzählen wird.

Quelle: ntv.de