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Berlin, das wilde Luder Von Gold über Braun zu Nachkriegsgrau

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Boulevard Unter den Linden, Ecke Friedrichstraße - das Cafe Unter den Linden und das Stammhaus des Cafe Kranzler, 1938.

(Foto: © Herbert Thurmann/Archiv Paysan)

Moloch, Weltstadt, Freudenhaus Europas - all diese Titel trug Berlin in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und hatte sich jeden einzelnen wahrlich verdient. Der spannenden Zeit von 1920 bis 1950 widmet sich der prachtvolle Band "Berlin - Sounds of an Era".

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Titelseite der Zeitschrift "Berliner Leben", 1920. Als zuerst bürgerliches Blatt ab 1898 erschienen, wurde es nach dem 1. Weltkrieg zu einem "Forum charmanter Erotik und unbürgerlicher Lebensauffassung".

(Foto: ©Archiv Paysan)

Berlin hat eine starke Anziehungskraft auf Menschen aus aller Welt - für Touristen, für Künstler, für neu Zugezogene. Ein Teil dieser Anziehung speist sich immer noch aus dem Glamour, den die Stadt vor fast 100 Jahren ausstrahlte - in den 1920ern, den sogenannten Goldenen Zwanzigern, den Roaring Twenties. Geprägt von Glanz und Tanz, aber auch von politischen Auseinandersetzungen, Braunhemden gegen Rot-Front-Kämpfer, beendet von der Weltwirtschaftskrise 1929.

Neue Musik und Tänze, vor allem der Swing, griffen wie ein Fieber auf die Stadt über, es eröffneten Tanzcafes, Kapellen spielten an vielen Orten auf. Der neue Ausgehrausch fand erst nach und nach ein Ende durch die Kulturpolitik der NSDAP, die die deutsche Musik von jüdischen und ausländischen Einflüssen "säubern" wollte, und schließlich durch den Krieg und die Vertreibung vieler Künstler.

Zeitreise durch drei Jahrzehnte

Diesen drei Jahrzehnten widmet sich der prachtvolle Band "Berlin - Sounds of an Era, 1920-1950" des Historikers und Musik-Sammlers Marko Paysan. Nach einem ausführlichen und anspruchsvollen Essay in Kapitel I, üppig illustriert mit Fotos und Abbildungen, ist das Buch unterteilt in die Zeitabschnitte:

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"Berlin - Sounds of an Era" ist bei earBooks erschienen. 348 Seiten, Hardcover mit Leinenbezug, 250 Farb- und Schwarzweiß-Abbildungen, inklusive drei CDs, Preis: 49,95 Euro.

(Foto: earBooks)

II Reise, Ankunft und Abenteuer 1920-45
III Abgrund, Aufstieg und Übergang 1920-33
IV Krise, Umgestaltung und Untergang 1933-45
V Trümmer, Tatkraft und Teilung 1945-50

Darin liegt der Schwerpunkt auf den historischen Bildern, Grafiken und Illustrationen, begleitet von kürzeren erläuternden Texten. Das Buch enthält auch eine Karte mit den "28 angesagtesten Locations der 1920er bis 1950er Jahre in Berlin". Zudem gibt es in der Mitte ein sehr ausführliches Kapitel mit "Liner Notes", in denen die drei beiliegenden CDs mit seltenen Musik-Originalaufnahmen detailliert besprochen werden. Die Informationen zu den Musikern, den musikalischen Entwicklungen und Stilen - von Charleston über Jazz, Swing, Rumba, Foxtrott bis zu Tango -, zu den Solokünstlern und Kapellen werden mit Fotos und Abbildungen aus der Zeit ergänzt. Alle Texte und Bildunterschriften sind zweisprachig (deutsch und englisch).

"Juwelenhaftes Funkeln"

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Titelseite der Zeitschrift "Berliner Leben", 1921.

(Foto: © Linge Berlin/Archiv Paysan)

Legt man die erste CD ein und hört die ersten Klänge, steigen sofort Bilder vor dem inneren Auge auf: eine Musikkapelle, beineschwingende Frauen in kurzen Charleston-Kleidchen und mit Kurzhaarfrisuren, elegante Männer mit Brillantine im Haar ... So beschrieb Josephine Baker das Berlin der Zwanzigerjahre: "Die Stadt hatte ein juwelenhaftes Funkeln, besonders nachts, das es in Paris nicht gab. Die riesigen Cafés erinnerten mich an Ozeandampfer, angetrieben von den Rhythmen ihrer Orchester. Überall war Musik."

Wie international geprägt Berlin zu dieser Zeit war, zeigt die Äußerung des Briten Ted Sommerfield von 1931 (die schon damals sehr nach "Berlin ist arm, aber sexy" klang): "Berlin ist trotz seiner schrecklich armen Bevölkerung eine Stadt des Lichts, des Lachens und der brillanten musikalischen Unterhaltung. Für jeden Musikgeschmack ist gesorgt. Man kann hier einen ganzen Abend herrlichster Musik jeglicher Art für nur ein paar Schillinge genießen. Ich war erstaunt über die Vielfalt an Orchestern und Musik. Es wimmelt von argentinischen Tangobands, ungarischen Zigeunerkapellen, russischen Balalaika-Orchestern sowie bekannten britischen und amerikanischen Tanzkapellen."

Aus für viele Musikkapellen

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Tanzpartnersuche per Telefon: Damen im Tanzpalast "Femina", Nürnberger Straße. (Abbildung aus Scherl's Magazin, Februar 1930)

(Foto: ©Willinger/Archiv Paysan)

Mit der Internationalität war es ein paar Jahre später dann aber größtenteils vorbei, denn viele jüdische Musiker und Kapellmeister mussten ins Exil oder fanden den Tod in den Vernichtungslagern der Nazis. Für viele Musikkapellen kam auch das Aus durch Personalmangel, da die Männer zum Kriegsdienst eingezogen oder bei der zur Truppenbetreuung an der Front eingesetzt wurden. Oft ein Weg ohne Wiederkehr.

Auch britische, US-amerikanische und andere ausländische Musiker nicht mit Deutschland verbündeter Länder mussten ab 1939/40 nach und nach Deutschland verlassen; zum Teil wurden sie ersetzt durch Künstler aus neutralen, besetzten oder alliierten Ländern wie Italien oder den Beneluxstaaten.

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Junge Damen mit Hund vor Streamliner-Karossen im Berliner Westen, 1938.

(Foto: ©Archiv Paysan)

Durch den Verdunkelungszwang musste sich die Vergnügungs-Etablissements immer mehr nach innen zurückziehen, der Dachgartenbetrieb der großen Häuser wurde geschlossen, mit großer Beleuchtung war es vorbei. Auch sonst ging der Blick mehr nach innen: In den Kriegsjahren wurden besonders eskapistische Filme und Musikstücke beliebt, die es erlaubten, in Gedanken aus dem Grauen des Alltags zu fliehen - etwa das berühmte Lied "Kann denn Liebe Sünde sein?", gesungen von Zarah Leander im Film "Der Blaufuchs", der bereits 1938 erschienen war. Auch "Davon geht die Welt nicht unter" und "Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh'n" von Leander aus dem Film "Die große Liebe" von 1942 wurden zwei erfolgreiche Schlager und passten hervorragend zur Durchhaltepropaganda der NS-Führung.

Großes Swing-Revival

Gleichzeitig erlebte der Swing ab 1939 ein großes Revival - in Kontinentaleuropa, aber auch in Deutschland, wo dieser Musikstil eigentlich offiziell abgelehnt wurde. (Der Berliner Rundfunk hatte 1933 sogar eine "Anti-Jazz-Kampagne" gestartet.) Dennoch gab es auch in den Kriegsjahren viele musikalische Produktionen, die an Swing und Jazz und hier am Stil von Benny Goodman und Artie Shaw orientiert waren. Hier tat sich eine große Kluft auf zwischen der NS-Propaganda und der Realität. Bekannt wurde in dem Zusammenhang etwa der Begriff der "Swing-Jugend" ("Swingheinis" im NS-Sprachgebrauch), einer oppositionellen Jugendkultur während der NS-Zeit.

Aus den Jahren 1943 bis 1947 finden sich keine Aufnahmen auf den CDs; die (im Vergleich zu den vorangehenden Kapiteln wenigen) Fotos zeigen das zerstörte Berlin, die Ruinen und Schutthaufen, heimkehrende Soldaten, Kriegsgefangene und Evakuierte. Das ganze Grauen dieser Zeit. Ab 1945 hieß es dann: Musik gegen den Hunger. Die Besatzungsmächte förderten die Kultur; 1946 wurde etwa das Radio Berlin Tanzorchester gegründet, das RIAS Tanzorchester 1948. Die Berliner, die Deutschen sollten wieder Mut und Zuversicht fassen - und eben den Hunger für einen unbeschwerten Moment vergessen. Auch wenn die Frauen in Ermangelung männlicher Partner oft mit Frauen tanzen mussten, wie die Fotografien zeigen.

All diese musikalischen Strömungen und Entwicklungen sind auf den dem Buch beiliegenden CDs zu hören - die perfekte Zeitreise, wenn man den Tönen jener Jahre lauscht und dazu durch den Prachtband mit den unzähligen Bildern längst vergangener Jahre blättert. Einziger optischer Wermutstropfen: Einige Abbildungen sind sehr unscharf; es sieht aus, als sei ihnen die starke Vergrößerung nicht bekommen.

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Quelle: n-tv.de

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